Inflation, explodierende Energiepreise und viel zu wenig bezahlbarer Wohnraum – es ist ein ganzer Mix an Herausforderungen, mit denen vor allem einkommensschwache Menschen derzeit zu kämpfen haben. Immer mehr von ihnen sind auf Hilfe angewiesen. „Wir merken die Armut an allen Ecken“, sagte Elke Walkenhorst-Mayer von „Bürger für Berber“.
Die Klientel, um die sich der Verein kümmert, beschränke sich deshalb längst nicht mehr nur auf Obdachlose. Das Engagement sei wichtiger denn je. Gleichzeitig wurde es in den letzten Jahren aber immer schwieriger, neue Ehrenamtliche zu finden. Freiwillige zu bekommen, die sich an einzelnen Aktionen beteiligen oder gelegentlich einspringen – das sei kein Problem, sagt Walkenhorst-Mayer. „Die Bereitschaft ist überall sehr groß“, lobt sie, aber von den Jüngeren wolle sich niemand mehr fest binden. „Die Zeiten haben sich einfach geändert“, sagt die quirlige 76-Jährige. Nach dem plötzlichen Tod der letzten Vorsitzenden Elfriede Cziesla im Mai 2020 konnte der Verein „Bürger für Berber“ sogar seinen ehrenamtlichen Vorstand, der laut Satzung aus drei Mitgliedern besteht, nicht mehr besetzen. Für einen Posten konnte zwar durch Vermittlung des ehemaligen Landtagsabgeordneten Wolfgang Drexler der Esslinger SPD-Vorsitzende Daniel Blank gewonnen werden. Weil die anderen Ämter aber weiterhin vakant blieben, hätte dem 1995 gegründeten Verein das Aus gedroht.
Das kam für Elke Walkenhorst-Mayer nicht in Frage. „Ich habe ja eine Verantwortung für die Menschen, die hier arbeiten und herkommen“, sagt die Ehrenvorsitzende. So entstand die Idee, sich mit dem Stuttgarter Verein „Trott-war“ zusammen zu tun. Der Verein, der vor allem durch seine gleichnamige Straßenzeitung bekannt ist und personell und finanziell gut aufgestellt ist, verfolgt ähnliche Ziele und ist genau wie „Bürger für Berber“ ein gemeinnütziger und mildtätiger Verein. Helmut H. Schmid, Geschäftsführer und Verlagsleiter von „Trott-war“, war von der Fusions-Idee schnell angetan. Zumal „Bürger für Berber“ früher einmal Vertriebsstelle für die Zeitung war und man sich deshalb gut kennt.
Esslinger Spenden bleiben in Esslingen
Dass es dann doch mehr als ein Jahr dauerte, bis die beiden Vereine tatsächlich verschmelzen konnten, lag vor allem daran, dass sich auch die Notare in die Materie erst einarbeiten mussten. Es kommt nicht so oft vor, dass zwei mildtätige Vereine fusionieren. „Es war etwas Größeres“, sagt Schmid. Aber seit diesem Herbst ist es geschafft. Die Arbeit kann jetzt auf mehrere Schultern verteilt werden. „Es geht vorwärts und es geht besser vorwärts“, freut sich Elke Walkenhorst-Mayer. Wichtig war ihr, dass „Bürger für Berber“ nicht von Stuttgart geschluckt wird. „Wir müssen ein Team sein“, betont sie. Das schlägt sich auch im Namen nieder, der sich aus beiden Vereinen zusammensetzt. „Die Spenden und Zuwendungen aus Esslingen bleiben selbstverständlich hier“, betont Elke Walkenhorst-Mayer, die derzeit auf Betteltour für die traditionelle Weihnachtsfeier für Bedürftige ist. Sie hat einst nicht nur „Bürger für Berber“ gegründet, sondern auch das Berberdorf mitinitiiert. Die deutschlandweit einmalige Hüttensiedlung für Menschen in akuter Wohnungsnot wird heute von der Evangelischen Gesellschaft getragen.
Alternative Stadtführungen auch in Esslingen
Von der Fusion profitieren beide Vereine. „Es gibt einen gegenseitigen Ideenaustausch“, sagt Helmut H. Schmid. Er plant beispielsweise, ein Sammelprojekt für Pfandflaschen auszuweiten und die alternativen Stadtführungen, die in Stuttgart viel Zuspruch haben, künftig auch in Esslingen anzubieten. Kenner aus der Szene führen dabei zu den dunklen Ecken der Stadt. Neue Möglichkeiten gibt es auch für „Trott-art“, die verlagseigene Kunstinitiative der Straßenzeitung. Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, machen unter Anleitung Kunst, die unter anderem in der Trottart-Gallery am Verlagssitz in der Stuttgarter Falkertstraße ausgestellt und teilweise verkauft wird. Im Vereinsheim von „Bürger für Berber“ entsteht eine Siebdruck-Werkstatt, die die Kunstinitiative nutzen kann, außerdem gibt es hier eine gut ausgestattete Schreinerei. Zusätzlich hat der fusionierte Verein in der Esslinger Ohmstraße eine Wohnung gemietet, die künftig als Atelier fungieren soll.
Arbeit für sozial Benachteiligte
Entstanden ist „Bürger für Berber“ 1990 aus einer privaten Initiative. Anfangs wurden Menschen, die auf der Straße lebten, quasi aus dem Kofferraum mit dem Nötigsten versorgt. Später wurde eine feste Anlaufstelle eingerichtet. Sie wird bis heute vor allem mit Ehrenamtlichen betrieben. „Trott-war“ und „Bürger für Berber“ geben zudem sozial benachteiligten Menschen eine feste Beschäftigung. „Die Leute sind nicht nur weg von der Straße“, sagt Schmid, „sie sind sehr stolz auf ihre Arbeit, das ist entscheidend.“
Anlaufstelle für sozial Benachteiligte
Vereinsheim
Im Vereinsheim von „Trott-war – Bürger für Berber“, wie der fusionierte Verein sich künftig nennt, gibt es für Obdachlose und andere Bedürftige in der Eberspächerstraße 31 in Esslingen unter anderem einen Aufenthaltsraum mit Küche, Duschen, Möglichkeiten, um Wäsche zu waschen und zu trocknen, und einen Ruheraum. Alles kann kostenlos genutzt werden.
Öffnungszeiten
Das Esslinger Büro ist Montag bis Freitag von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr besetzt. Von Montag bis Donnerstag ist das Büro außerdem nachmittags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Zu diesen Zeiten ist auch die Klamottenkiste geöffnet, in der man günstige gebrauchte, teilweise auch neue Kleidung kaufen kann. Obdachlose werden kostenlos mit Isomatten, Schlafsäcken, festen Schuhe und ähnlichem ausgestattet.