Die Oberschwäbin Verena Bentele war in ihrem Leben oft die Erste: als Sportlerin auf dem Siegerpodest, als erste Behindertenbeauftragte mit authentischen Erfahrungen, jetzt als Chefin des mächtigen Sozialverbandes VdK.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Der Aufstieg von Verena Bentele führte sie zunächst auf die Obstbäume und das Scheunendach des elterlichen Biobauernhofs in Wellmutsweiler bei Tettnang. Die angeborene Blindheit hat sie dabei nicht behindert. Und die Eltern waren nicht übervorsichtig. „Im Grunde hatten sie ein riesiges Vertrauen in uns“, erzählt Bentele. Auf dem heimischen Hof sei „immer unglaublich viel Halligalli“ gewesen. Ihr Bruder, der mit der gleichen genetisch bedingten Sehbehinderung zur Welt gekommen ist, und sie seien als Kinder „ständig gegen Türen oder andere Hindernisse draußen auf dem Hof gelaufen“.

Das hat ihr Vorwärtskommen nicht behindert. Die kleine, aber alles andere als unscheinbare Frau war in ihrem inzwischen 40-jährigen Leben häufig Erste. Das begann im Sport, wo sie als Biathletin und Skilangläuferin zwölf Goldmedaillen bei den Paralympics gewonnen und zudem vier Weltmeistertitel errungen hat. Als erste Blinde erklomm sie den Gipfel des Kilimandscharo und gleich noch den des 4562 Meter hohen Mount Meru im selben Bergmassiv.

Erstmals wurde mit ihr 2014 eine Person zur Bundesbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderung ernannt, die am eigenen Leib erlebt hat, worüber sie in diesem Amt zu sprechen hatte. Und nun ist sie als Präsidentin des Sozialverbands VdK mit seinen zwei Millionen Mitgliedern die erste Anwältin Betroffener, wenn es um Pflege, Unterstützungsleistungen und soziale Gerechtigkeit geht.

Auch ein Ministeramt wäre ihr zuzutrauen

„Ich hatte Glück, dass ich immer Menschen an meiner Seite hatte, die an mich geglaubt haben“, sagt Bentele. In einem Fall hatte sie tatsächlich auch Pech. Bei den Deutschen Meisterschaften im Skilanglauf lenkte sie ein Begleitläufer in die falsche Richtung. Sie stürzte einen Hang hinab, zog sich mehrere Brüche zu und verletzte sich auch schwer an einer Niere. Ihre Courage hat sie dabei nicht eingebüßt.

Die wird auch im politischen Geschäft häufig vernehmlich. Politik und Sport haben für Verena Bentele vieles gemeinsam. Auf beiden Feldern hat sie nie Scheu vor Herausforderungen, die eher einem Marathon nahekommen als einem kurzen Sprint. Benteles politische Karriere begannt im Münchener Stadtrat. 2012 trat sie der SPD bei. Sie versichert aber: „Die Macht zieht mich nicht an.“ Vielleicht ist es eher der zähe Ehrgeiz, Ziele zu erreichen, die andere für unerreichbar halten. So ist das auch bei manchem, was ihr politisch vorschwebt. Sie würde „endlich wieder die Vermögenssteuer anwenden“ und Menschen, die viel erben, höher besteuern. Bentele versichert aber: „Ich will keinen Reichtum bekämpfen, sondern Armut.“ Solche Bekenntnisse könnten sie eines Tages auch in ein Ministeramt führen. Den nötigen Biss dazu hätte sie allemal.

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