Fellbacher Eltern verlieren ihre Tochter Verena und Gabriel Bieg fühlen sich allein gelassen

Verena und Gabriel Bieg mit ihrer jüngeren Tochter Sina Foto: Eva Herschmann

Verena und Gabriel Bieg aus Fellbach haben im Dezember 2022 ihre Tochter Lena verloren. Nach einer Verwaisten-Reha für Familien, die sie mit ihrer jüngeren Tochter Sina gemacht haben, plädieren sie für mehr Hilfsangebote.

Das Schlimmste, was Eltern passieren kann, haben Verena und Gabriel Bieg erlebt. Vor rund eineinhalb Jahren starb ihre Tochter Lena im Alter von neun Jahren an seltenen Nebenwirkungen eines alltäglichen Medikaments. Doch das Leben muss weitergehen. Allein schon wegen Sina, ihrer jüngeren Tochter. Eine vierwöchige Reha für verwaiste Familien im Klinikum Tannheim (Schwarzwald-Baar-Kreis) hat dem Ehepaar und der Schwester geholfen, mit ihrer Trauer besser umzugehen.

 

Das blonde Mädchen lächelt in die Kamera. Den weißen Rahmen für das schöne Foto mit den bunten Buchstaben, den Sternen, Federchen und Herzen hat die siebenjährige Sina in der Therapie in Tannheim für ihre ältere Schwester gestaltet. Ebenso wie die bunt bemalten Steine und die Kerze mit einem Delfin, dem Lieblingstier von Lena. Fröhlich soll Lena in Erinnerung bleiben.

Acht betroffene Familien waren zeitgleich in der Reha

Vor rund drei Wochen hätte Lena ihren elften Geburtstag gefeiert. Der Schmerz über ihren Tod und der Verlust wiegen schwer. Auch deshalb sei der Austausch mit anderen Eltern mit dem gleichen Schicksal, acht betroffene Familien waren zeitgleich in der Reha in Tannheim, wichtig gewesen, sagt Verena Bieg. Allein schon das gemeinsame Schicksal schaffe eine besondere Verbindung. „Und mir war außerdem wichtig, von den Therapeuten in Tannheim eine Rückmeldung zu bekommen, wie Sina mit der ganzen Situation umgeht.“ Schließlich hat auch sie mit dem plötzlichen Tod ihrer Schwester einen großen Verlust erlitten.

Seit 1997 wird die Verwaisten-Reha im Klinikum Tannheim angeboten, die auf Kinder mit Mukoviszidose und Herzfehler sowie auf die Krebsnachsorge spezialisiert ist – und dabei seit Jahren vom Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart und dessen Ultras unterstützt wird. Die Familien werden von einem interdisziplinären Team individuell betreut. Das Herzstück der Therapie sei die Gesprächsgruppe für die Eltern, die zweimal in der Woche angeboten wird, sagt Gabriel Bieg. „In diesen Gesprächsgruppen wird viel geredet und geweint, denn jeder erzählt im Detail seine Situation.“ Der Austausch mit anderen betroffenen Eltern in den insgesamt acht Gruppensitzungen sei ein wichtiger Aspekt, aber eben auch die thematischen Inputs über Geschwistertrauer oder unterschiedliche Trauer innerhalb der Partnerschaft seien hilfreich, sagt Gabriel Bieg. „72 Prozent aller betroffenen Paare trennen sich nach dem Tod eines Kindes.“

Geholfen haben auch zufällige Begegnungen und Gespräche

Ergänzend zu den Gruppensitzungen können je nach Bedarf psychotherapeutische Einzel- und Paargespräche und/oder Erziehungsberatung wahrgenommen werden. „Ich habe tatsächlich drei Einzelgespräche mit der Psychologin gemacht“, sagt Gabriel Bieg. Geholfen haben ihm aber auch zufällige Begegnungen und Gespräche, wie die in der Cafeteria des Klinikums mit einem Vater aus dem Allgäu, der vor 13 Jahren eine Tochter verloren hat und vor sieben Jahren noch einen Sohn. Diese Begegnung sei irgendwie schicksalhaft gewesen, sagt Gabriel Bieg. „Ich glaube eh an keine Zufälle mehr.“

Neben den gesprächsorientierten Therapieverfahren steht den verwaisten Eltern die Kunsttherapie als Einzel- oder Gruppenverfahren zur Verfügung. Durch das Malen und Gestalten mit Materialien wie Farben, Ton, Speckstein oder Holz fänden die verwaisten Eltern häufig einen Weg zu Aspekten der Trauer, die ihnen im Gespräch nicht zugänglich sind, heißt es seitens des Klinikums. „Man kann aber auch Sport machen, je nachdem, zu was es einem gerade zumute ist“, sagt Verena Bieg.

Meist müssen mehrere Anträge zur Kostenübernahme gestellt werden

Die Geschwisterkinder sind derweil in die ihrem Alter entsprechenden Kinder- und Jugendgruppen der parallel stattfindenden Rehabilitationsmaßnahme für Familien mit chronisch kranken Kindern integriert. Neben vielen Spiel- und Bastelangeboten ist Sina auch in die Schule gegangen. „Ihre Lehrerin hat ihr ein Lernpaket mitgegeben, und sie war nach den vier Wochen absolut auf dem aktuellen Stand“, sagt Gabriel Bieg.

Die Leichtigkeit des alten Lebens kann die Reha in Tannheim nicht zurückbringen, aber sie kann helfen, besser mit der Situation umzugehen. Doch die meisten Krankenkassen sperren sich zunächst gegen die Übernahme der Kosten mit dem Argument, es handele sich nach dem Tod eines Kindes um einen „normalen Trauerprozess“, erzählt Gabriel Bieg. „Wir waren die einzigen, die ohne große Probleme die Reha bezahlt bekommen haben. Alle anderen mussten mehrere Anträge stellen und oft hat es erst geklappt, als sie in der Chefetage vorstellig wurden.“ Als bisher einzige gesetzliche Krankenkasse habe die AOK seit 2013 ein Positionspapier zur „Familienorientierten Rehabilitation von verwaisten Familien“, das sicherstellen soll, dass Familien, die ein Kind aufgrund einer chronischen Erkrankung verloren haben, unbürokratisch eine Rehabilitationsleistung erhalten können.

Einzige Einrichtung in Deutschland, die Verwaisten-Reha anbietet

Erschwerend kommt hinzu, dass die Klinik in Tannheim die einzige Einrichtung in Deutschland ist, die Verwaisten-Reha anbietet. „Es gibt in dem Komplex acht Appartements dafür. Das bedeutet, dass nur maximal 96 Familien pro Jahr teilnehmen können.“ Angesichts von jährlich mehr als 3000 Kindern, die aufgrund von Krankheiten sterben, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Verena und Gabriel Bieg sind froh, die Therapie in Tannheim gemacht zu haben. Die Perspektiven, die sie gewonnen haben, würden sie gerne ehrenamtlich an andere betroffene Familien weitergeben. „Ich denke, dass wir gelernt haben, – mal besser, mal schlechter – mit der Situation umzugehen und vielleicht anderen Eltern eine Hilfe und Stütze sein könnten“, sagt Gabriel Bieg.

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