Gisèle Pelicot beim Prozess gegen ihren Ex-Mann und weitere Angeklagte in Avignon. Foto: imago//Christophe Agostinis
Gisèle Pelicot begegnet dem Horror mit Würde. Im Gerichtssaal verliert die Französin nie die Contenance. Doch welcher Mensch steckt eigentlich hinter dem Konterfei, das rund um den Planeten auf Mauern gesprayt wird?
Am 12. September 2020 endete Gisèle Pelicots bisheriges Leben. Zuerst schien es nur absurd, gar lachhaft: Ihr Gatte Dominique, ein angegrauter Rentner mit Wohlstandsbauch, wurde wie ein Schulbub ertappt, als er im Supermarkt Frauen unter die Röcke filmte. Stunden später folgte der echte Schock, mit dem Gefühl eines freien Falls, der nie mehr endet.
Denn auf dem Handy des ehemaligen Elektrikers entdeckte die Polizei zahllose Videos von einer reglosen Frau, die von ihm, Dominique, und über 70 Unbekannten, vergewaltigt wurde. Diese Frau war Gisèle Pelicot. Und ihre Welt stürzte ein. „Alles, was ich 50 Jahre lang aufgebaut hatte, brach zusammen“, erzählte sie im September bei ihrer ersten Einvernahme vor dem Strafgericht in Avignon.
Tapfer bot sie den Angeklagten Paroli
Was dann folgte, ist bekannt. Frankreich, ja die halbe Welt, sahen in den Fernsehnachrichten eine grazile Französin mit rotblondem Haar, die in dem modernen Gerichtsgebäude einem dicht sitzenden Pulk von 50 Angeklagten gegenübertrat und ihnen tapfer Paroli bot. Die Verteidigerinnen der Gegenseite suchten sie immer wieder in die Enge zu treiben, mit der Frage, sie müsse doch „etwas gemerkt haben“. Gisèle Pelicot, die am 7. Dezember 72 geworden ist, antwortete stets konzentriert und sachlich. Nur einmal wurde sie wütend, als ihr eine Anwältin auch noch Exhibitionismus und Alkoholsucht anhängen wollte.
Ihren Mann, der auf der anderen Seite des Saales hinter Plexiglasscheiben sitzt, bezeichnete sie meist nur als „diesen Herrn“. Kurz vor Prozessbeginn wurde die von ihr beantragte Scheidung wirksam. Reichlich spät, tönte es von der Gegenseite. Dominique Pelicot hatte seine eigene Frau nicht nur (unter anderem mit massiven Pharmazeutika-Dosen) eingeschläfert und missbraucht, sondern mehr als 200 mal anderen Männern überlassen. Als sie wegen einer Gebärmutterentzündung den Arzt aufsuchte, dieser aber keine Ursache fand, fragte ihr Mann, wohl um von seinen Untaten abzulenken, sogar frech, ob sie vielleicht einen Geliebten habe.
Ihr Porträt ist vielerorts zu finden: Gisèle Pelicot. Foto: imago//Coust Laurent
Gisèle Pelicot schien keinesfalls das typische Opfer eines Sexualverbrechens solchen Verbrechens zu sein. Sie war die Normalität in Person, eine durchschnittliche Einwohnerin eines durchschnittlichen Vorortes von Paris. Dort verbrachte sie den Großteil ihres Lebens. 1952 im deutschen Schwarzwaldort Villingen geboren, hatte die Tochter eines französischen Militärs selber eine Tochter und zwei Söhne – Caroline, David, Florian; sie arbeitete wie ihr Mann beim Stromkonzern Electricité de France (EDF), sie als Logistikerin der Nuklearsparte.
Nach der Pensionierung zog das Ehepaar Pelicot 2013 in den Süden, wo es im Provence-Ort Mazan in einem gemieteten Haus den Lebensabend verbringen wollte. Was sie nicht wusste: Schon zu jener Zeit wurde sie von Ihrem Mann sediert und missbraucht. Der unsichtbare Horror begann.
Man hätte es verstanden, wenn Madame Pelicot dem dreimonatigen Prozess und einer Masse von 50 männlichen Angeklagten ferngeblieben wäre. Aber die ohne ihr Wissen geschundene Frau erschien seit September jeden Tag zur Gerichtsverhandlung, außer montags, wenn sie ihre Psychotherapeutin aufsuchte. Im Saal blieb sie stoisch, kaum einmal zeigte sie Gefühle. Sicher auch zu ihrem eigenen Schutz. Einmal gab sie einen kleinen Einblick in ihr Innenleben: „Ich weiß nicht, ob ich jemals verstehen werde, was mir passiert ist, was ich erlitten habe“, sagte sie. „Ich bin eine total zerstörte Frau.“ Eine, die man „wie einen Abfallsack“ benützt habe.
Sie weiß, dass sie ständig gefilmt wird
Trotzdem wünschte Gisèle Pelicot, dass die Gerichtsverhandlung öffentlich sei. Sie bestand sogar gegen die Meinung des erfahrenen Gerichtspräsidenten darauf. Auch die scheußlichen Videos sollten auf den zwei hoch gehängten Bildschirmen im Saal gezeigt werden. „Damit das Schamgefühl die Seite wechselt“, sagte sie zur Begründung. Das programmatische Schlagwort ist so berühmt geworden wie ihr Graffiti mit Sonnenbrille und Pagenschnitt. Wenn sie das Gerichtsgebäude betritt oder verlässt, applaudieren ihr die vielen Zuschauerinnen. Die Aufmunterungen nimmt sie lächelnd und meist wortlos entgegen. Sie weiß, dass sie ständig gefilmt wird, und will sich keinen Patzer leisten. Ihr Mann sagte während der Verhandlung, er kenne seine Frau besser als alle anderen. Sie sei immer reserviert und zurückhaltend. gewesen.
Wer im Gerichtssaal war, staunte über den Kontrast: Während ihre Kinder in der Verhandlung bei ihren Einvernahmen weinten, schrien und gar aus dem Saal rannten, nachdem sie ihren Vater hinter dem Plexiglas als „Lügner“ und „Teufel“ tituliert hatten, blieb die Mutter meist ruhig und besonnen, zudem interessiert. Wohl niemand im Saal vermochte zu sagen, was sie wirklich über ihren Mann denkt. Verabscheut sie ihn wegen seines monströsen Verrats nach fünfzig Jahren Ehe? Sie schweigt zu dieser Frage. Auch zur Frage, ob sie glaube, das sich ihr Ex-Mann auch an ihrer Tochter vergangen habe, als sie noch ein Teenager war.
Die Verteidigerinnen der 50 Mitangeklagten mutmaßen, Gisèle schone ihren Ex-Mann. Nach 50 Jahre Zusammenleben stehe sie immer noch unter seinem Einfluss. Gisèle Pelicot steckt auch das weg. Einige halten ihr Verhalten auch nach hundert Tagen Prozess für rätselhaft, andere sehen darin einen Ausdruck von Stil und Contenance. Links vom Gericht sitzend, macht sie jedenfalls eifrig Notizen. Irgendwann wird sie vielleicht alles zu Papier bringen. Dann wird sie erzählen, wie es aus ihrer Sicht war. Als über eine ganz normale Frau der Horror hereinbrach.