Vergiftetes Löschwasser in der Jagst In kurzer Zeit war der Flussabschnitt tot

Von Tanja Kurz 

Giftiges Löschwasser, das im Kreis Schwäbisch Hall ein großes Fischsterben ausgelöst hat, wird nach Behördeneinschätzung in den Neckar fließen. Das Landratsamt Heilbronn rät dringend davon ab, im Fluss zu baden, zu fischen, Wasser zu entnehmen oder Kanu zu fahren.

Am Rechen des Wasserkraftwerks Hürden bei Langenburg-Bächlingen versuchen die Fischer, noch lebende Tiere abzufangen und umzusetzen. Foto: Tanja Kurz
Am Rechen des Wasserkraftwerks Hürden bei Langenburg-Bächlingen versuchen die Fischer, noch lebende Tiere abzufangen und umzusetzen. Foto: Tanja Kurz

Langenburg-Bächlingen - Die Menschen an der Jagst sind hilflos, verzweifelt. Und sie sind wütend, denn sie fühlen sich von Ämtern und Behörden alleine gelassen. In der Nacht zum Sonntag war nach einem Großbrand in einer Mühle in Kirchberg (Landkreis Schwäbisch Hall) verunreinigtes Wasser in den Fluss gespült worden. Bei dem Feuerwehreinsatz mischte sich nach Polizeiangaben wahrscheinlich hochgiftiges Ammoniumnitrat aus Düngemitteln mit dem Löschwasser und gelangte durch einen undichten Damm des Rückhaltebeckens in den Fluss.

Unterhalb der Brandstelle haben die Männer vom Fischereiverein Kirchberg in Eigenregie seit Sonntagmorgen bereits vier Tonnen toter Fische aus dem Wasser geholt – Barben, Nasen, Döbel, Welse, Aale. Wohin damit, wissen sie nicht. Die Tierkörperbeseitigung wollte die Kadaver nicht annehmen. „Sie sagen, das sei vielleicht Sondermüll“, berichtet das Vereinsmitglied und Nabu-Vorsitzender Bruno Fischer. Und noch immer liegen Tausende toter Fische auf dem Grund des Flusses. Rund vier Tonnen tote Fische seien bislang aus der Jagst gesammelt worden – „Tendenz steigend“, sagt ein Polizist. „Wir können nur noch aufräumen“, sagt Fischer resigniert: „Innerhalb einer Viertelstunde war auf einem Flussabschnitt von 200 Metern alles tot.“ Es werde Jahre dauern, bis sich das Ökosystem davon erholen werde.

Das gilt wohl für einen längeren Abschnitt als die zunächst befürchteten 20 Kilometer Flusslauf unterhalb von Kirchberg, denn seit Tagen rollt die Giftwelle ungebremst weiter. Hilflos stehen am Morgen überall Menschen auf den Brücken und schauen auf ihren Fluss hinunter, der als einzigartiges Naturparadies gerühmt wird.

Rund 15 Kilometer flussabwärts von Kirchberg, an der Mosesmühle in Langenburg-Bächlingen hat der Besitzer Friedrich Ziegler in der Not die Sache selbst in die Hand genommen. Wo sonst die Autos und Fahrräder der Urlauber parken, die bei Radler und Vesper die Natur genießen, stehen um die Mittagszeit Feuerwehrautos.

Belastetes Wasser wird auf die Felder gepumpt

Auf Zieglers Geheiß „und auf meine Verantwortung“ pumpen Männer und Frauen der freiwilligen Feuerwehren Bächlingen und Langenburg am Wehr der Mühle belastetes Wasser auf die Felder der Talaue.

An anderer Stelle versuchen sie das Flusswasser mit Sauerstoff anzureichern, um das Gift zu verdünnen. „Das ist eine echte Naturkatastrophe“, sagt der Mosesmühlen-Besitzer und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Wir haben überall angerufen, alle sind in Krisensitzungen“, ergänzt aufgebracht Zieglers Tochter Katharina, „dabei ist die Krise hier. Wir bräuchten mehr Feuerwehren und Leute vom THW.“

Der Haller Kreisbrandmeister Jürgen Mors ist im roten Audi vorgefahren. „Wir versuchen, Wasser herauszusaugen, über die Kläranlagen zu säubern und zurück zu pumpen“, erläutert er, „aber wir wissen nicht, welche Schadstoffe noch drin sind.“ Die Betroffenen können nicht glauben, dass das Ergebnis der Analyse noch immer nicht vorliegt. Einige Jungs vom Fischereiverein mit Schüler-Chemiebaukasten nehmen Wasserproben und messen den PH-Wert – ein Ausdruck der Hilflosigkeit, die überall zu greifen ist. „Ihr schaut zu, bis hier alles verreckt ist“, wirft Ziegler dem aus dem Urlaub herbeigeeilten Haller Landrat Gerhard Bauer vor. „Wir versuchen doch alles“, versucht der die aufgeheizte Situation zu beruhigen. Aber er muss einräumen, dass die bisherigen Maßnahmen nicht so recht gegriffen haben.

Vom Baden, Fischen und Kanufahren wird dringend abgeraten

Am späten Nachmittag bestätigt das Landratsamt Schwäbisch Hall, dass die Giftwelle Langenburg-Bächlingen erreicht hat. Die Konzentration des Giftes habe zwar abgenommen, liege aber noch immer zehn- bis zwanzigfach über der für Fische tödlichen Dosis. Die späten Beschlüsse des Krisenstabs entsprechen den Selbsthilfemaßnahmen, die der Mosesmühlen-Betreiber Ziegler am Morgen veranlasst hat: Das Wasser wird an der Mühle von der Feuerwehr abgepumpt und über die Kläranlage Langenburg wieder in die Jagst eingeleitet. Feuerwehr und THW versuchen durch Absaugen und Abspritzen von Jagst-Wasser in das Bachbett, verstärkt Sauerstoff in die Jagst zu transportieren.

Die weiteren Maßnahmen lesen sich freilich wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein: Landwirte sind beauftragt, der Jagst Wasser zu entnehmen und auf die Felder auszubringen. Frischwasser aus dem Kocher wird mit Güllefässern in die Jagst gebracht. In den kommenden Tagen wird das kontaminierte Wasser im Jagstabschnitt des Landkreises Heilbronn zwischen Jagsthausen und der Einmündung in den Neckar erwartet. Das Landratsamt Heilbronn rät überdies dringend davon ab, im Fluss zu baden, zu fischen, Wasser zu entnehmen oder Kanu zu fahren. Die Gesundheit sei in Gefahr. Die Warnung gilt bis zum kommenden Montag. Bruno Fischer und seine Kollegen sind inzwischen wenigstens informiert worden, wo und wie sie die toten Fische entsorgen können.

Gefahr durch Ammoniumnitrat

Das Fischsterben wurde nach derzeitigen Erkenntnissen des Landratsamts in Schwäbisch Hall durch Ammonium (Kalkammonsulfat) ausgelöst, das beim Löschen des brennenden Industriedüngers mit Löschwasser in die Jagst ausgeschwemmt wurde. Der genaue Weg der Auswaschung ist noch unbekannt und muss analysiert werden. Tödlich für Fische ist ein Wert über ein Milligramm pro Liter Wasser. Gemessen werden in der Schadstoffblase derzeit bis zu 23 Milligramm pro Liter.

Das aus Ammoniak und Salpetersäure gewonnene Ammoniumnitrat ist als Düngemittel besonders geeignet, weil es chemisch gebundenen Stickstoff enthält. Dieser regt das Wachstum der Pflanzen an. Ammoniumnitrat wird wegen der großen Explosionsgefahr nur in Mischungen als Dünger verwendet.

Ammoniumnitrat reizt die Haut, die Augen und die Atemwege. Man kann das zunächst an den geröteten Augen und druckempfindlichen Hautstellen bemerken – dies kann schließlich auch schmerzhaft werden. Wer die Chemikalie versehentlich schluckt oder trinkt, muss mit Übelkeit und Durchfall rechnen. Bei schweren Vergiftungen kann es auch zu akuter Atemnot kommen. Das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, wird manchmal von einer sogenannten Zyanose begleitet. So bezeichnen Mediziner die blau-violette Färbung von Fingerspitzen, Lippen oder der Haut. Auch Blutzellen werden geschädigt