Vergiftungsdrama in Vaihingen/Enz Sanitäter hatten Angst, nächstes Giftopfer zu werden

Der spektakuläre Fall wird vor dem Landgericht Heilbronn verhandelt. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Mutmaßliche Giftattacken gegen Kollegen: Die Angeklagte ließ eine Erklärung verlesen. Zeugen sprechen von schwierigem Umgang mit ihr.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen die ehemalige Auszubildende zur Notfallsanitäterin, die versucht haben soll, Kollegen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zu vergiften, brachte am Mittwoch etwas mehr Licht ins Dunkel. Bislang war beispielsweise nicht bekannt, dass die 24-Jährige auf der Rettungswache in Vaihingen/Enz verschiedene Psychopharmaka zum eigenen Gebrauch entwendet hatte.

 

Gleich zu Beginn verlas der Strafverteidiger der 24-Jährigen eine von ihr genehmigte Erklärung, in der sie sich über Kindheit und Jugend ebenso äußerte wie über das Verhältnis zu ehemaligen Kollegen und ihren eigenen Medikamentenmissbrauch. Zum Vorwurf des mehrfachen versuchten Mordes und der Körperverletzung soll zu einem späteren Zeitpunkt eine Stellungnahme folgen. Vorab ließ die Angeklagte mitteilen, sie sei psychisch und physisch stark angeschlagen und könne deshalb keine Fragen beantworten.

Durch die verlesene Erklärung ergab sich das Bild einer jungen Frau, die offenbar bis auf wenige Ausnahmen Schwierigkeiten hat, mit Menschen klarzukommen. Sie selbst bezeichnete sich als schüchtern und zurückhaltend – eine Selbsteinschätzung, die auch von diversen Zeugen aus dem Umfeld des DRK-Kreisverbands Ludwigsburg, wo sie ihre Ausbildung absolvierte, bestätigt wurde. Teilweise kam darin aber auch eine gewisse Selbstüberschätzung zum Ausdruck. So hätten Kollegen einen anderen als sehr schlechten Praktiker bezeichnet – aber „ich konnte das nicht beurteilen, ich hatte damals noch kein herausragendes Wissen“.

Posttraumatische Belastungsstörung wegen Erlebnis in der Jugend?

Die Erklärung war zunächst von Banalitäten über die Zeit in Kindergarten und Schule geprägt, ließ zudem eine sehr starke Bindung zur Adoptivmutter erkennen, aber auch scharfe Verurteilungen anderer Menschen – von Lehrern bis hin zu Ex-Kollegen. Ihre Englischlehrerin beispielsweise sei „eine furchtbare Frau“ gewesen.

Ende der 6. Klasse sei dann „ein Übel“ gekommen, das sie bis heute verfolge und beim bloßen Gedanken daran noch „Ansätze einer Panikattacke“ auslöse. Laut ihrer Psychotherapeutin leide sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ihre damalige beste Freundin habe begonnen, „sexualisierte Gewalt“ gegen sie anzuwenden – so habe das zumindest ihre Psychotherapeutin später bezeichnet. Was genau geschehen ist, blieb unklar: „Ich hatte etwas, das sie wollte, nicht getan“, so die nebulöse Aussage. Die Gewalt habe über Monate hinweg stattgefunden, sie habe daraufhin teilweise mit Hyperventilieren und kurzzeitigen Ohnmachten reagiert, auch der Rettungsdienst habe kommen müssen.

Harsche Urteile über Ex-Kollegen

Nach der Schule, in der sie nur ungern lernte, absolvierte sie ein freiwilliges soziales Jahr beim DRK-Kreisverband Ludwigsburg, an das sich eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin ebenfalls beim DRK anschloss. Auch die lief nicht ohne Schwierigkeiten ab. Bei der Bahnfahrt zur Berufsschule in Stuttgart habe sie klaustrophobische Anfälle gehabt, die Pflegestation sei wegen Corona furchtbar gewesen. Sie habe vor allem gelernt, „wie man Leichen in den Keller fährt.“

Auf den verschiedenen Rettungswachen, für die sie eingeteilt war, gab es ebenfalls Probleme. Auf einer der Wachen war ein Kollege „ein verdammt fahrlässiger Fahrer“, bei einer anderen störte sie die lange Anfahrtszeit, außerdem sei der Leiter „ein sehr unangenehmer Mensch gewesen“, ein Notfallsanitäter ihr „zutiefst zuwider und sexuell übergriffig“, die Praxisanleiterin „die schlechteste von allen“. Ihren Ausbildungsleiter bezeichnete sie als „heillos überfordert und verpeilt“.

Bei einer dritten Rettungswache fand sie die Schicht, der sie zugeteilt war, furchtbar. Sie sei vor Patienten bloßgestellt worden, sie habe immer den Rettungswagen vor und nach den Fahrten herrichten müssen – „das wäre eine viel bessere Möglichkeit gewesen, Medikamente zu stehlen“. Schließlich habe sie Angst vor den Einsätzen bekommen. Noch größer sei allerdings ihre Angst vor Fehlstunden gewesen.

Letztendlich erreichte sie, dass sie die Schicht und die Wache wechseln durfte. „Eigentlich machen wir das bei Azubis nicht, sie sollen alles kennenlernen und sich auch durchsetzen“, sagte der Ausbildungsleiter. Nachdem aber ein Gespräch darüber damit geendet habe, dass die junge Frau „hyperventilierend rausgerannt sei“, habe man schließlich nachgegeben, weil man ihr die Chance geben wollte, dass sie ihre Ausbildung noch irgendwie zu Ende bringe.

Missbrauch von Psychopharmaka hatte offenkundig Folgen

An ihrer Wunsch-Rettungswache in Vaihingen besserte sich die Situation indes nicht. Mehrere ehemalige Kollegen erklärten, sie sei nicht auf dem ihrem Ausbildungsjahr entsprechenden Stand gewesen. Schlimmer waren jedoch zwei Vorfälle, bei denen die damals 23-Jährige offenbar völlig neben sich stand. „Beim ersten Mal konnte sie im Rettungswagen noch nicht mal mehr einfachste Tätigkeiten verrichten und wurde selbst zur Patientin, beim zweiten Mal war sie irgendwie verlangsamt“, so der Ausbildungsleiter.

Eine Gang- und Standunsicherheit hatte ein zweiter Kollege bei ihr festgestellt. Es sei klar gewesen, dass sie so nicht auf der Wache bleiben könne. Ein Angebot des Ausbildungsleiters, sich für ein paar Tage aus dem Dienst nehmen zu lassen, um die privaten Probleme in den Griff zu bekommen, mit denen sie ihre Ausfälle erklärt hatte – tatsächlich erkrankte ihre Mutter zu jener Zeit schwer – habe sie vehement abgelehnt. Das wurde auch von anderen Zeugen bestätigt, ebenso die Tatsache, dass sie nicht gesagt habe, was ihr eigentlich Probleme bereite.

Probleme mit ruppigem Umgangston

Etliche Zeugen berichteten auch, dass es vor allem bei kritischen Rettungseinsätzen manchmal recht ruppig zugehe. „Da sagt man halt nicht: ‚Würdest du bitte?’, sondern ‚Mach!’“, brachte es der Ausbildungsleiter auf den Punkt. Diesen Umgangston nahm die Angeklagte aber offenbar persönlich. Und flüchtete in die gestohlenen Psychopharmaka. Die habe sie nur dann nicht gebraucht, wenn sie mit ihrem Freund, der gleichzeitig mit ihr die Ausbildung begann, zusammengewesen sei, ließ sie über ihren Anwalt mitteilen.

Auch einer der von den mutmaßlichen Giftattacken betroffenen Kollegen wurde als Zeuge vernommen und berichtete anschaulich, wie es ihm danach gegangen sei. Bleibende Schäden habe er nicht behalten, aber er lasse seine Getränke nicht mehr unbeaufsichtigt stehen. Auch sonst ist offenbar an der Vaihinger Rettungswache die Angst umgegangen, dass man selbst als nächster betroffen sein könnte.

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