Verhandlungen zur historischen Länderfusion Hitze auf dem Hohenneuffen

Von Stefan Hupka 

1948 trafen sich die Länderchefs auf dem Hohenneuffen, um die Gründung von Baden-Württemberg zu planen. Am Ende stand der Burgfrieden – aber vorher flogen die Fetzen.

Viktor Renner, Leo Wohleb, Heinrich Köhler und  Reinhold Maier (v.l.) Foto: StZ
Viktor Renner, Leo Wohleb, Heinrich Köhler und Reinhold Maier (v.l.) Foto: StZ

Erkenbrechtsweiler - Wem es an Weitsicht fehlt, dem kann geholfen werden. Das ist das stille Kalkül hinter der Einladung, die schon vor Wochen rausging. Also schnauft eine Karawane dunkler Karossen die Serpentinen der Schwäbischen Alb herauf, Auspuffwolken hinter sich lassend. Zwanzig Autos werden es sein, die, auf der Hochfläche angekommen, vor Erkenbrechtsweiler westwärts abbiegen in den Forst. Früher, bei den alten Rittersleut, war hier eine Zugbrücke, und vor unfreundlichem Besuch blieb sie hochgezogen. Jetzt, in der frühen Nachkriegszeit, ist Freundschaft Staatsräson. „Alle abfälligen Bemerkungen“, befahl der Gastgeber im Voraus, hätten „zu unterbleiben“.

Es ist heiß an diesem ersten Montag im August 1948, mehr als 30 Grad – unten im Land. Hier oben, auf 740 Metern über Null, erträgt man es besser, eine Nachmittagsbrise fächelt um den frei stehenden Klotz hoch über dem Neuffener Tal. Die Korpulenteren unter den Besuchern lassen sich ganz nach oben kutschieren, die Sportlicheren lassen ihre Chauffeure anhalten und nehmen die letzten hundert Meter zu Fuß. Der Lohn der beschwerlichen Anreise wartet schon: „riesige Kannen echten Kaffees und gewaltige Mengen Hefekuchen“, dazu reichlich Schwarzwälder Kirschwasser, serviert von Mädchen mit Bollenhüten. Vor allem aber – Weitsicht.

Von hier aus sieht man das ganze Land – fast das ganze Land

Und zwar das volle Panorama. Vorn liegt Nürtingen, dahinter ahnt man Stuttgart im Neckartal, im Westen wölbt sich der Schönbuch, im Südwesten thronen Achalm und Hohenzollern. Wer hier oben steht, auf der Burg Hohenneuffen, dem liegt halb Württemberg zu Füßen. Betonung auf „halb“, denn ein Teil davon ist derzeit – Ausland. Ganz in der Nähe, noch vor Metzingen, verläuft unsichtbar etwas, das ein Teil der Reisegesellschaft als geradezu kränkend empfindet: eine sogenannte Staatsgrenze zwischen Nordwürttemberg-Nordbaden und Südwürttemberg-Hohenzollern, das eine Rumpfländle von den Amerikanern besetzt, das andere von den Franzosen.

Und Südbaden? Je nun, bei extrem guter Sicht, mit viel Glück, an seltenen Tagen mag das da, ganz hinten am Horizont, der Schwarzwaldkamm sein. Allerdings ist angesichts dessen auch verständlich, dass es unter den 58 angereisten Gästen derjenige mit dem weitesten Weg ist, der Badener vom Dienst, der mit diesem Ort und Termin am meisten fremdelt: Leo Wohleb, der Staatspräsident von Baden.

Zum Fremdeln hat der 60-Jährige Gründe. Er weiß: wenn das Kalkül seiner Gastgeber aufgeht, ist er die längste Zeit Staatspräsident gewesen. Dabei ist er es überhaupt erst seit gut einem Jahr, und das erkennbar gerne, er residiert im Colombi-Schlösschen zu Freiburg, wenn auch von der Besatzungsmacht Frankreichs Gnaden. Zudem erblicken die hier versammelten Widersacher in seinem Südbaden gar keinen richtigen Staat, höchstens einen Kleinstaat, der ohne sie nicht überleben könne. Und drittens weiß Wohleb um sein persönliches Handicap: Der vormalige Gymnasialdirektor ist gebildet und eloquent, aber als Mann keine Schönheit, klein von Statur neben seinen stattlicheren Kontrahenten. Nickelbrille, Spitznase und eine Art, tja, Hitlerbärtchen tun ein Übriges.

Wohlebs Verhandlungspartner wollen den Südweststaat

Wer sind seine Kontrahenten? Voran Reinhold Maier (58), Regierungschef von Württemberg-Baden und Liberaler aus dem Remstal; dann Gebhard Müller (48), Konservativer aus Oberschwaben samt dem cleveren Ministerialrat Theodor Eschenburg (43); aber auch Heinrich Köhler (70), ein nordbadischer Landsmann Wohlebs und christdemokratischer Parteifreund aus Karlsruhe. Die wollen den fusionierten Südweststaat. Als Mitspieler in der Liga von Bayern und NRW und als Garanten dafür, dass der westliche Teil Württemberg-Badens nicht auf Dauer unter französische Fuchtel kommt. Sie haben es eilig. Denn die Westalliierten verfügten: Falls Ländergrenzen in Deutschland neu gezogen werden sollten, muss das noch vor der Gründung der Bundesrepublik passieren.

Doch Vorsicht, wer hier drängelt, macht sich verdächtig. Man sei nicht hergekommen, um Beschlüsse zu fassen, so wird Maier später zähneknirschend die eigene Ungeduld dementieren, „sondern um uns kennenzulernen und den gegenseitigen Standpunkt abzutasten“. Wohleb will nicht einmal tasten, das Treffen, sagt er, sei nur ein „Beriechen“. Zunächst klappt das auch ganz gut. Sowohl Maier als auch Wohleb halten sich zurück und überlassen den Klartext anderen – als hätten sie sich von Manfred Rommel beraten lassen: („Politik ist die Kunst, heiße Eisen mit fremden Fingern anzufassen“). Maier lässt den Nordbadener Köhler reden, von dem man immer hoffte, auch er wolle das alte Baden wieder haben, der aber nun, zum Entsetzen Wohlebs und Entzücken der anderen, flammend für die Südweststaatsfusion appelliert.

Und statt Wohleb redet dessen Justizminister Hermann Fecht, der den Württembergern entgegenschmettert: „Verhandlungen unter Bajonetten sind niemals frei“, und sich zu der Warnung versteigt: „Ein auf Vergewaltigung einzelner Teile gegründetes neues Staatsgebilde wäre auf Sand gebaut.“ Die Südbadener wollen sie nicht, die Vereinigung, und werden sie auf Jahre hinaus nicht wollen. Sie wollen die „Wiedervereinigung von Nord- und Südbaden zum alten Baden“ (Fecht). Die aber ist utopisch, denn dazu müssten die Amerikaner dem Drängen der Franzosen nachgeben und ihr Nordbaden gegen deren Südwürttemberg tauschen, was sie nicht vorhaben, schon wegen ihres geliebten „Heidelbörg“ und aus allgemeinem Misstrauen gegenüber Paris.