Verhütung Wo bleibt die Pille für den Mann?

Will bei Paaren der Mann die Verhütung übernehmen, gibt es bislang nur zwei Optionen: Kondom oder Vasektomie. Foto: imago/Louis Christian

Der Durchbruch bei der Pille für den Mann wurde schon oft verkündet, auf dem Markt ist sie aber noch immer nicht. Dabei gibt es durchaus einige Hoffnungsträger unter den Mitteln. Wann ist damit zu rechnen?

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Ende März haben Forscherinnen und Forscher einen großen Erfolg verkündet: Sie haben an der Universität Minnesota eine Pille für den Mann entwickelt, hormonfrei, sicher verhütend und ohne Nebenwirkungen. Nicht bei Männern, sondern bei Mäusen, aber immerhin, es hat für weltweite Schlagzeilen gereicht. Das war nicht das erste Mal so. Schon 1994 titelte die „Süddeutsche Zeitung“: „Anti-Baby-Spritze für den Mann einsatzbereit.“ Auch 2001, 2009 und 2015 – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – war die Pille für den Mann kurz vor dem Durchbruch, manche der Präparate waren wesentlich weiter als jenes aus Minnesota.

 

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Auf dem Markt ist diese Pille bis heute nicht, obwohl die Pille für die Frau am kommenden Mittwoch vor 61 Jahren in Deutschland auf den Markt kam. Dabei will selbst die Bundesregierung das Thema angehen. Im Koalitionsvertrag steht der Satz: „Wir wollen die Forschungsförderung für Verhütungsmittel für alle Geschlechter anheben.“ Warum geht dabei nichts voran?

Die Nachfrage nach der Pille ist da

Tatsächlich machten Forscherinnen und Forscher immer wieder bedeutende Schritte. Und in Umfragen gibt immer wieder ein großer Teil der Männer an, dass sie eine Pille zur Verhütung nehmen würden, wenn es sie gäbe. Mal ist es die Hälfte, mal etwas weniger, aber es nimmt ja auch nur etwa ein Drittel der Frauen die Pille . Allerdings versandeten die Studien immer wieder, oder es gab Nebenwirkungen, die zwischen Erprobung und Markteinführung standen. Es fehlt an Geld, und das richtige Mittel ist einfach noch nicht gefunden. Aber glaubt man Michael Zitzmann und Christian Leiber, zwei führenden Andrologen (Männerheilkundlern) in Deutschland, ist man durchaus auf dem Weg zu einem brauchbaren Mittel. Diese Geschichte lässt sich am besten ab dem Jahr 2008 erzählen.

Damals führte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die bisher größte Studie zu Kontrazeptiva für Männer durch. Man testete eine Testosteron-Spritze. Werde dem Körper Testosteron zugeführt, „denkt die Hirnanhangsdrüse, der Hoden arbeitet gut genug und stellt die Hormone, die für die Hodenarbeit nötig sind, nicht mehr aus“, sagt Zitzmann von der Uniklinik Münster, der damals an der Studie beteiligt war. Das Resultat: Der Hoden produziert kein Testosteron und keine Spermien mehr. Dabei wird der Hoden kleiner, aber das ist reversibel. Das Verhüten habe funktioniert, aber es habe Nebenwirkungen gegeben, so Zitzmann – Libidoverlust, Kopfschmerzen, etc.

Ein bisschen Testosteron, ein bisschen Gestagen

Die Nebenwirkungen führt Christian Leiber vom Alexianer Krankenhaus Maria-Hilf in Krefeld auf die damals eher hohen Mengen an Testosteron zurück. „Der Trend geht in Richtung Kombinationspräparate“, sagt Leiber. Das heißt: Testosteron wird gemeinsam mit Gestagen verabreicht – ähnlich wie bei vielen Pillenprodukten für die Frau, wo auf Östrogen und Gestagen gesetzt wird. So könne man die Testosteronmengen verringern, sagt Leiber. Eine Studie mit einem solchen Produkt als Gel sei im vorletzten Schritt, sagt sein Kollege Zitzmann, man suche mehrere Hundert Paare für eine große Studie. Vorletzter Schritt bedeutet in wissenschaftlichen Zeiträumen immer noch: Das kann dauern.

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Aber ist hormonelle Verhütung überhaupt noch zeitgemäß? Schließlich wenden sich seit Jahren viele Frauen von der Pille ab, weil sie die Nebenwirkungen nicht mehr hinnehmen wollen. Und ganz ohne Nebenwirkungen – zumindest bei manchen – wäre wohl auch die Pille für den Mann nicht. Gäbe es da nicht auch andere Mittel?

Ein Gel in den Samenleiter, klappt das?

Die Heilpflanze Justicia gendarussa etwa, indigene Völker in Indonesien und Neuguinea sollen sie seit Jahrhunderten als Tee nutzen. Zitzmann hält davon wenig, erwartet auch hier in der entsprechenden Konzentration starke Nebenwirkungen. Und die sogenannte Risug-Methode, bei der ein Gel in den Samenleiter injiziert wird, das Spermien unfruchtbar macht? Hier ist etwa unklar, wie gut man das Gel wieder aus dem Samenleiter herauskriegt. YCT529, das kürzlich gehypte Mittel der Universität Minnesota? Das würde im Körper Vitamin A blockieren und hätte dadurch wohl starke Nebenwirkungen, sagt Zitzmann. „Da fände ich es besser, mechanisch zu verhüten.“

Damit meint Zitzmann den sogenannten Sperm-Switch des Schweizer Entwicklers Clemens Bimek. Es handelt sich dabei um ein Ventil, das in den Samenleiter eingesetzt wird. Von außen kann am Hodensack ein Schalter umgelegt werden, damit keine Spermien mehr ins Ejakulat gelangen – wie bei einer Vasektomie, also einer Durchtrennung des Samenleiters. Nur dass sie leicht reversibel ist, was bei einer Vasektomie nur mit einem komplizierten Eingriff möglich ist. Aber der Schalter wirke auf lebendes Gewebe, „das kann zuwachsen“, sagt Zitzmann. Auch das müsste man in einer Studie untersuchen, man sei in Kontakt mit dem Entwickler. Auch das würde also dauern, auch das würde Geld kosten.

Pharmafirmen? Keinen Bock auf die Pille für den Mann

Was bislang fehlt, ist die Unterstützung der großen Pharmafirmen. Die Datenbank Pharma Intelligence listet derzeit nur ein Unternehmen weltweit, das an Kontrazeptiva für Männer arbeitet. Auch Zitzmann sagt: „Aus der Pharmabranche gibt es im Moment gar kein Interesse.“

Wenn Pharmafirmen nicht in eine Pille für den Mann investieren, bleibt die Möglichkeit, dass Regierungen das tun – wie es die Ampelparteien im Koalitionsvertrag angekündigt haben. Ob es dazu schon konkrete Pläne gibt? Eine Anfrage im Bundesforschungsministerium ergibt: Es gibt keine Förderung, „und es gibt auch keine Pläne hierzu“, so eine Sprecherin. Sie verweist an das Gesundheitsministerium, das wiederum an das Familienministerium, das sich aber nicht zuständig sieht. Wird es die Pille für den Mann trotzdem auf den Markt schaffen?

„Wenn ich optimistisch bin, haben wir frühestens in fünf Jahren ein Verhütungsmittel für den Mann“, sagt Zitzmann. Leiber nennt den gleichen Zeitrahmen, glaubt an das Projekt, „weil da einige Stellen sehr seriös daran arbeiten“. Jetzt müsste nur noch irgendwo das Geld dafür herkommen.

Warum Nebenwirkungen unterschiedlich bewertet werden

Nebenwirkungen
Bei bisherigen Studien zur Pille für den Mann kam es zu Nebenwirkungen, die jenen der heute zugelassenen Antibabypille für die Frau ähneln. Werden hier unterschiedliche Maßstäbe bei Männern und Frauen angelegt? Zum Teil ja. Die Erklärung: Für Frauen steigt das Risiko einer Thrombose durch die Einnahme der Pille auf knapp das Dreifache (5 bis 8 Frauen von 10 000 entwickeln eine solche, wenn sie die Pille einnehmen). Im Falle einer Schwangerschaft – welche die Pille verhindern soll – wäre das Risiko aber noch höher, die Nebenwirkung sozusagen stärker. Bei Männern entfällt das, die Pille würde bei ihnen selbst kein Ereignis mit größeren Nebenwirkungen – die Schwangerschaft – verhindern. Das erschwert laut Experten die Zulassung einer Pille für den Mann.

Grundprinzip
Ein Kontrazeptivum muss bei Männern grundsätzlich anders funktionieren als bei Frauen. Bei Frauen muss einmal im Monat der Eisprung verhindert werden. Bei Männern müsste das Verhütungsmittel – egal ob Gel, Spritze oder Pille – permanent bewirken, dass keine Spermien mehr produziert oder diese unfruchtbar gemacht werden.

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