Verkehr am Stuttgarter Katzenstift Lotsen gegen rasende Fahrradfahrer

Von Lisa Wazulin 

Weil der Schulweg zum Königin-Katharina-Stift einen Radweg kreuzt, stellen sich die Schüler den rasenden Radfahrern selbst entgegen – und sorgen damit für mehr Sicherheit.

Der Schülerlotse Ben Michael vom Katzenstift stellt sich  täglich in der großen Pause mit Warnweste und Fahne rasenden Radfahrern am Ferndinand-Leitner-Steg  entgegen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der Schülerlotse Ben Michael vom Katzenstift stellt sich täglich in der großen Pause mit Warnweste und Fahne rasenden Radfahrern am Ferndinand-Leitner-Steg entgegen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

S-Mitte - Immer morgens, um Punkt 9.30 Uhr, ereignet sich Sonderbares auf dem Ferndinand-Leitner-Steg, unweit des Königin-Katharina-Stifts. Dann nämlich, wenn die erste große Pause der Schule beginnt, stellen sich Schüler mitten auf den Fahrradweg, der Teil der Hauptradroute Eins ist. Die Route führt einmal durch die ganze Stadt und kreuzt seit Baubeginn von Stuttgart 21 nun eben auch den Schulweg von rund 560 Schülern der umgangssprachlich Katzenstift genannten Einrichtung. Ausgestattet mit Warnweste und Fahne, treten deshalb Lotsen einer heranbrausenden Gefahr der etwas anderen Art entgegen.

Gefährliche Fahrradfahrer

„Wir machen das wegen den Fünftklässlern“, sagt Ben Michael. Seit Anfang des Schuljahres regelt der 15-Jährige gemeinsam mit anderen Klassenkameraden im Wechsel den Verkehr, wie er ihn selbst nennt, und behandelt den Radweg wie eine gut befahrene Straße. Die Gefahr, das sind eben die Fahrradfahrer, die den Schwung vom steil nach unten führenden Ferdinand-Leitner-Steg Richtung Staatstheater ausnutzen und dabei nicht an die Unterstufler denken, die zweimal täglich zum Ersatzschulhof auf der gegenüberliegenden Wiese pilgern.

„Der neue Pausenhof ist eine gute Übergangslösung“, sagt Schulleiter Franz Baur. Gebaut hat ihn die Deutsche Bahn, die im Zuge der S-21-Baustelle den eigentlichen Schulhof des Katzenstifts solange besetzt, bis der Stadtbahntunnel fertig gestellt ist. Deshalb hatte sich die Bahn dazu verpflichtet, sich für diese Zeit um einen Ersatz für die Schüler zu bemühen.

Pause im Käfig

Drei Schuljahre gibt es den „Käfig“, wie die Jugendlichen ihren Schulhof nennen, nun schon, und auch die Lotsen sind seitdem im Einsatz. Das eingezäunte Geländer auf der gegenüberliegenden Wiese soll aber nur vorübergehend als Schulhof genutzt werden, denn sobald die Bagger verschwunden sind, wollen die Schüler wieder auf ihren eigentlichen Pausenhof zurückkehren. Schulleiter Baur ist davon überzeugt, dass das schon bald passieren könnte, schließlich kann er vom Fenster seines Büros aus den Baufortschritt verfolgen. Bis dahin aber müssen die Katzenstifler täglich den Radweg überqueren.

„Passiert ist hier noch nichts, wir sind ja jeden Tag da und passen auf“, sagt der Schülerlotse Ben Michael. Er ist auf Anweisung seines Schulleiters im Einsatz, denn Baur hat schon früh die mögliche Gefahr erkannt. Deshalb, so berichtet Baur, habe er das Ordnungsamt frühzeitig informiert. Das schickte wiederum einen Bauingenieur zum begutachten der Gefahr. Der Befund des Fachmanns: Ein Warnschild und eine Straßenbemalung mit der Aufschrift „Achtung, Schulweg kreuzt“ würden genügen, um die Sicherheit der Schüler zu gewährleisten.

Warnschilder gegen schelles Fahren

Diese Maßnahmen aber reichten dem Schulleiter nicht aus – die Idee, Schülerlotsen einzusetzen, war geboren. „Da könnte jeden Tag etwas passieren, deshalb bin ich im ständigen Kontakt mit der Stadt“, sagt Baur. Dort kennt man das Problem mit den rasenden Radfahrern schon länger und hält den Einsatz von Schülerlotsen deshalb für sinnvoll, so der städtische Pressesprecher Sven Matis.

Schon früher hatten Beamten der Verkehrspolizei direkt vor Ort zum Langsamfahren ermahnt. „Das ist eben keine Rennstrecke, auch wenn der Schwung bis zum Rathaus reicht“, sagt Matis. Bei der Verkehrsbehörde setze man vor allem auf Verkehrsschilder, die Raser zum rücksichtsvollen Fahren anhalten sollen, so Matis weiter.

Und die Schüler selbst? Sie wünschen sich zwar ihren alten Pausenhof schnell zurück, das Lotsen und die Radfahrer stören sie aber nicht wirklich. „Besonders morgens sind die Fahrradfahrer super schnell unterwegs. Deshalb passe ich da extra auf, ist halt wie eine echte Straße“, sagt Ben Michael. Er hat nach zwanzig Minuten seine Pflicht getan – und die Radfahrer wieder freie Bahn.

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