InterviewVerkehr auf den Fildern „Wir jammern auf hohem Niveau“

Die Fildern leiden massiv unter dem Verkehr, die Straßen sind regelmäßig verstopft. Würde ein Ausbau helfen? Und ist das schon der oft prophezeite Verkehrsinfarkt? Verkehrsexperte Michael Friedrich von der Universität Stuttgart meint: Von dem sind wir weit entfernt.

Stau auf der B 27: ein fast alltägliches Bild. Aber wie lässt sich dieses Problem lösen? Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Stau auf der B 27: ein fast alltägliches Bild. Aber wie lässt sich dieses Problem lösen? Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Filder - Markus Friedrich ist Verkehrsexperte und Professor an der Universität Stuttgart: Seit 2003 hat er den Lehrstuhl für Verkehrstechnik und Verkehrsleitplanung inne.

Herr Friedrich, die Filder ächzen unter dem Autoverkehr und dem damit verbundenen Stau. Oft wird von einem drohenden Verkehrsinfarkt gesprochen. Können Sie das nachvollziehen?

Das kommt natürlich darauf an, wie man das Wort Verkehrsinfarkt definiert. In der Verkehrsforschung benutzen wir dieses Wort nicht, wir beschäftigen uns mit Staustunden. Denn was man messen kann, ist die Verlustzeit. Dazu nimmt man die Reisezeit ohne Störungen und die Zeit, die die Menschen dann wirklich unterwegs sind. Die Differenz ist die Verlustzeit.

Wie groß sind die Verlustzeiten?

Die Verlustzeit für eine Fahrt mit dem Auto liegt in der Region Stuttgart im Schnitt bei etwa drei Minuten pro Fahrt. Da es sich um die ganze Region handelt, gleicht es sich aus. Autofahrer, die in der Hauptverkehrszeit nach Stuttgart fahren, haben eine mittlere Verlustzeit von etwa acht Minuten. Geht man von zwei Fahrten pro Tag aus, liegt die mittlere tägliche Verlustzeit je nach Ziel zwischen sechs und sechzehn Minuten. Dadurch verlängert sich die Reisezeit jeden Tag um 10 bis 30 Prozent gegenüber einem ungestörten Zustand.

Wie ist dieser Zeitverlust einzuschätzen?

Eine Verlustzeit von acht Minuten für eine Fahrt nach Stuttgart klingt viel. Bezogen auf die gesamte Reisezeit oder verglichen mit einer Reise im öffentlichen Personennahverkehr relativiert sich der Zeitverlust aber. Im ÖPNV wendet man diese Zeit bereits für das Warten an Haltestellen auf. Und wenn ein Fahrgast beim Umsteigen einen Bus verpasst, erhöht sich die Verlustzeit gleich um zehn Minuten. Problematisch ist nicht die regelmäßige Verlustzeit. Die kann man mehr oder weniger einplanen. Was Autofahrer und ÖPNV-Fahrgäste anstrengt, sind zufällige Störungen wie Unfälle, die nicht planbar sind.

Und wie sieht es verglichen mit anderen Ländern aus?

Im internationalen Vergleich zeigt sich: Die Situation in Deutschland ist nicht perfekt, aber von einem Infarkt sind wir ziemlich weit weg. Wir jammern auf hohem Niveau. Die Angebotsqualität in Deutschland ist hoch. Allerdings haben wir ein Robustheitsproblem: In jedem Verkehrsnetz gibt es neben den regelmäßigen täglichen Staus zufällige Störungen. Wenn jeder Bewohner der Region Stuttgart einmal in seinem Leben eine Störung verursacht – das kann ein Unfall mit Blechschaden sein oder ein Notarzteinsatz in der S-Bahn – dann haben wir bereits zehn Störungen am Tag. Jüngst hat ein Lastwagen auf der B 14 in Stuttgart Reinigungsmittel verloren. Die Folge sind längere Fahrstreifensperrungen. Jede Störung erhöht die Verlustzeit und stresst die Verkehrsteilnehmer.

Könnte ein Ausbau denn helfen?

Ob ein Ausbau eine sinnvolle Option ist, hängt von der Lage der Straße und der politischen Zielsetzung ab. Der täglich wiederkehrende werktägliche Stau im Stadtgebiet Stuttgart kann durch einen Ausbau kaum reduziert werden. Denn Ausbaumaßnahmen verlagern den Stau in erster Linie in die Innenstadt – das heißt, der Stau beginnt dann eben dort, wo der Ausbau endet. Störungen auf übergeordneten Straßen führen zu Ausweichverkehren in Siedlungsgebieten. Das sollten wir vermeiden. Hier kann man sich Ausbaumaßnahmen und ein Verkehrsmanagement vorstellen.

Würde es helfen, wenn mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen?

Zwei Züge pro Stunde zwischen Karlsruhe und Stuttgart ersetzen einen Fahrstreifen auf der Autobahn. Und ein S-Bahn-Gleis in Stuttgart ersetzt sogar acht bis zehn Fahrstreifen. Ohne öffentlichen Verkehr funktioniert eine Stadt nicht. Das Problem besteht darin, dass die Reisezeiten mit dem ÖPNV in der Regel höher sind als mit dem Auto, und dass es auch hier Störungen gibt. Das Auto bringt dem Einzelnen einen Vorteil, für das gesamte System einer Stadt ist der ÖPNV aber besser.

Wie könnte man die Verkehrssituation also verbessern?

Es wird schwer sein, Verkehrsprobleme zu lösen, ohne dass die Menschen ihr Verhalten ändern. Eine Stadt funktioniert nur, wenn wir kooperieren. Dafür brauchen wir andere Rahmenbedingungen, die die Politik vorgeben muss. Es genügt nicht, das Verhalten nur durch Anreize, beispielsweise billigere Tickets oder die Förderung von Elektrofahrzeugen, zu beeinflussen. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, müssen wir von den Autofahrern mehr Geld verlangen und dieses Geld in alle Verkehrssysteme investieren. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die die Politik nur parteiübergreifend lösen kann.