Pünktlichkeitsziel verfehlt Bahn ist auch im Land langsamer als der Fahrplan erlaubt

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Als Reaktion auf Pannen und Sturmschäden gibt die Deutsche Bahn ihr Pünktlichkeitsziel für dieses Jahr auf.

Ärgernis für Bahn-Kunden: Züge verspäten sich häufiger. Foto: AP
Ärgernis für Bahn-Kunden: Züge verspäten sich häufiger. Foto: AP

Stuttgart - Die Deutsche Bahn gibt ihr Pünktlichkeitsziel vorerst auf. Der für 2017 angepeilte Wert von 81 Prozent an pünktlichen Zügen wird die Bahn nach Angaben des neuen Bahn-Chefs Richard Lutz im Fernverkehr nicht mehr erreichen. „Wir sind bei der Pünktlichkeit noch nicht da, wo wir hinwollen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Dafür sei im zweiten Halbjahr zu viel passiert, etwa der Sturm Xavier, der den Bahnverkehr im nördlichen Teil Deutschlands zum Erliegen brachte. Im Oktober 2017 waren laut Bahn nur 74,3 Prozent der Fernzüge pünktlich oder hatten eine Verspätung von weniger als sechs Minuten; im Februar waren es noch 86,4 Prozent gewesen.

Damit hat sich der positive Trend nicht fortgesetzt. Im Jahr 2016 waren die DB-Züge im Vergleich zum Vorjahr nämlich deutlich pünktlicher unterwegs, auch wenn das selbst gesteckte Ziel von 80 Prozent Jahrespünktlichkeit im Fernverkehr knapp verfehlte wurde. Allerdings gab es schon damals eine große Bandbreite: während die ICE- und Intercity-Züge bei 78,9 Prozent Pünktlichkeit lagen, waren die Nahverkehrszüge zu 94,8 Prozent pünktlich unterwegs. Als pünktlich gelten alle Züge, die nicht mehr als sechs Minuten verspätet sind. Lutz nannte in dem Interview keine genaueren Zahlen, was die Pünktlichkeit der einzelnen Zugarten angeht, er machte aber deutlich, dass die Bahn ihr langfristiges Ziel von 85 Prozent pünktlichen Zügen nicht aufgeben werde. „Wir halten daran fest, auch wenn auf dem Weg dorthin beträchtliche Hindernisse zu beseitigen sind“, sagte er.

Der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne) forderte die Bahn auf, „ihre Pünktlichkeitsziele ernst zu nehmen“. Die Bahn müsse mehr für die Pünktlichkeit tun, „anstatt die richtigen Ziele einfach abzumoderieren“, sagte Gastel.

Auf der Strecke Stuttgart – Heilbronn gibt es viele Verspätungen und Zugausfälle

Auch wenn der süddeutsche Raum von den Unwettern nicht so stark betroffen war, ist auch hier die Pünktlichkeit ein Problem, vor allem im Regionalzugverkehr. Seit Oktober 2016 häufen sich die Zugausfälle und Verspätungen auf vielen Trassen; besonders betroffen sind die Strecken von Stuttgart nach Heilbronn (Frankenbahn), nach Göppingen/Ulm (Filstalbahn), nach Aalen (Remsbahn), nach Schwäbisch Hall (Murrbahn) und nach Mühlacker/Karlsruhe (Residenzbahn). Pendler beklagen sich bis heute über unhaltbare Zustände, zumal die S-Bahn in der Region Stuttgart ebenfalls nicht zuverlässig unterwegs ist und immer wieder durch technische Störungen aus dem Takt geworfen wird.

Die DB Regio muss nicht nur alle zwei Wochen zum Rapport ins Landesverkehrsministerium, sie veröffentlicht ihre Pünktlichkeitswerte nun auch wöchentlich im Internet. Danach sind vom 20. und 26. November 91,3 Prozent der Züge in Baden-Württemberg pünktlich gewesen, der Jahreswert liegt momentan bei 91,8 Prozent – diese Werte beziehen sich aber „nur“ auf den Regionalverkehr, nicht auf Fernzüge und S-Bahnen. Wöchentlich fallen zudem baden-württembergweit rund 150 Züge aus – Mitte September waren es 189, in der vergangenen Woche 152. Laut der Statistik weisen weiterhin die Filstal- und die Frankenbahn die schlechtesten Pünktlichkeitswerte auf, sie liegen in manchen Wochen unter 80 und sogar bei 75 Prozent. Am geringsten war die Pünktlichkeit in der ersten Oktoberwoche auf der Strecke Stuttgart–Göppingen–Ulm mit 74 Prozent.

Nach Klagen von Fahrgästen hat sich das Verkehrsministerium eingeschaltet

Während die Bahn eine Anfrage zur aktuellen Entwicklung nicht beantwortete, erklärte eine Sprecherin des Verkehrsministeriums, dass es zwar eine Tendenz zur Besserung gebe, „für uns die Situation aber nicht zufriedenstellend ist“. Das Ministerium sei nach wie vor im engen Austausch mit der Bahn. „Wir haben den Eindruck, dass die Lage im Personalbereich besser geworden ist“, sagte die Sprecherin.

Das Verkehrsministerium hatte sich nach den Klagen der Fahrgäste eingeschaltet und bis hin zur Bahn-Zentrale in Berlin interveniert. Die DB Regio reagierte mit einem Zehn-Punkte-Programm: Einerseits gab es Entschädigungen für Stammkunden, andererseits sollten zusätzliche Züge und eilig rekrutiertes Personal aus anderen Regionen für zuverlässigere Fahrten sorgen. Schließlich wird auch der Fahrplan überarbeitet, er soll beispielsweise auf der stark belasteten Filstaltrasse von Dezember an für stabilere Verhältnisse sorgen.

Die Verspätungen werden laut Experten zu je einem Drittel vom Bahnbetreiber selbst, von äußeren Einflüssen und durch Infrastrukturschäden verursacht. Allerdings gibt es im Südwesten eine Sondersituation. Seit Herbst 2016 fährt die DB Regio auf vielen Strecken im Rahmen eines Übergangsvertrags nur noch zwei bis drei Jahre. Danach kommen die in den Ausschreibungen des Landes siegreichen Konkurrenten wie Abellio und Go Ahead, die sich die Stuttgarter Netze ergattert haben, zum Zug. Auch das trage zu den Schwierigkeiten bei, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

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