Verkehr in Leonberg Letzte Chance für eine Umfahrung?

Ein seltenes Bild: In den Sommerferien sind weniger Autos in der Leonberger Innenstadt unterwegs. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Der Vorstoß der FDP hat Charme und könnte zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Eine großflächige Umfahrung von Leonberg war im Kommunalwahlkampf ein großes Thema. Allerdings nicht in den Wochen vor dem 9. Juni 2024, sondern vor fünf Jahren. Damals hatte der Freie Wähler Johannes Frey, von Haus aus Architekt, eine Variante entwickelt, die von der A 8 bei Leonberg-West an Höfingen vorbei nach Ditzingen führen sollte: die Nordwestumfahrung. So würde nicht nur die Innenstadt entlastet, sondern auch Höfingen und Gebersheim.

 

Freys Plan war der letzte spannende Beitrag in der seit Jahrzehnten währenden Diskussion, wie das Zentrum und die Stadtteile gleichermaßen vom Verkehr entlastet werden könnten. Vorher war lange von einem Tunnel unter der Altstadt die Rede, zu dem es ebenfalls mehrere Varianten gab. Beides ist in der Versenkung verschwunden.

Nur das Prinzip der Pförtnerampeln - seinerzeit von der SPD ins Spiel gebracht, um im Bedarfsfall der Verkehr aus der Innenstadt herauszuhalten – steht offiziell noch auf der Tagesordnung. Gehört hat man davon aber lange nichts mehr.

Jetzt plötzlich reaktivieren die Leonberger Liberalen in unserem Sommergespräch das Thema Umgehungsstraße. Dass der Autoverkehr in absehbarer Zeit ernsthaft abnehme, so argumentieren die Führungsleute Horst Nebenführ und Kurt Kindermann, werde, trotz aller gegenteiligen Bemühungen, nicht der Fall sein. Die Zulassungen steigen kontinuierlich. Auch der Schwerlastverkehr nimmt zu, nicht ab. Für diese Erkenntnis braucht es gar nicht die die von Nebenführ erwähnten Statistiken. Ein Blick auf den alltäglichen Autobahn-Wahnsinn genügt. Selbst jetzt, in den Sommerferien.

Stets differenzierte Ansichten

Den Leonberger Freidemokraten ist wichtig, dass ihre Bestrebungen nichts mit der gegenwärtigen Pro-Auto-Kampagne der Bundespartei zu tun haben, die sie in die Abteilung Wahlkampf einordnen. Tatsächlich hatte schon der langjährige Fraktionsvorsitzende Dieter Maurmaier, ein anerkannter wie parteiübergreifend geschätzter Verkehrsexperte, in kommunalen Verkehrsfragen stets differenzierte Ansichten vertreten.

Auch sein Nachfolger Nebenführ ist der Meinung, dass das Ergebnis des mittlerweile schon zwei Jahre alten Verkehrsversuches in die Tat umgesetzt werden kann: In der Eltinger Straße und der Brennerstraße, den beiden Hauptachsen im Zentrum, könne jeweils eine Autospur für Busse und Radfahrer reserviert werden. Dies aber, und das ist der Unterschied zur Meinung der Grünen, sei nur realistisch, wenn erst gar nicht so viele Autos in die Innenstadt kommen – auch nicht, wenn mal wieder die Autobahnen und der Tunnel dicht sind.

Liegen die Freidemokraten also richtig, wenn sie das längst ad acta gelegte Thema aus der Schublade holen, oder ist es nur eine öffentlichkeitswirksame Schlagzeile? Selbst wenn sich der Gemeinderat überraschend schnell für eine Umgehung aussprechen würde, dauerte es um die 20 Jahre, bis dort die Autos rollen könnten. Andererseits könnten sie das womöglich jetzt schon, wären die Vorschläge in den vergangenen Jahrzehnten nicht immer wieder zerredet worden, ähnlich wie bei vielen Themen.

Dass Orte, in denen weniger Autos unterwegs sind, mehr Lebensqualität haben, liegt auf der Hand. Sowohl im Zentrum wie in den Stadtteilen. Deshalb steht eine Umfahrung nicht im Widerspruch zu den Zielen der oberbürgermeisterlichen Vision der „Stadt für morgen“ mit viel Freiraum und Grün – ganz im Gegenteil. Vielleicht gibt es jetzt noch eine Chance für einen ernsthaften Anlauf. Es dürfte die allerletzte sein.

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