Verkehr in Stuttgart Stau erreicht Rekordniveau

Durchschnittlich 73 Stunden standen Autos 2015 in Stuttgart im Stau – so lange wie sonst nirgendwo in der Republik. Das Rathaus reagiert zurückhaltend auf den Titel Stau-Hauptstadt.

Gewohntes Bild: auf Stuttgarts Straßen staut es sich. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Gewohntes Bild: auf Stuttgarts Straßen staut es sich. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Für die ohnehin nicht verwöhnten Stuttgarter Autofahrer ist die Situation auf den Straßen der Landeshauptstadt im zurückliegenden Jahr nochmals schlechter geworden – dann jedenfalls, wenn man den Daten folgt, die von dem Unternehmen Inrix nun veröffentlicht wurden. Demnach standen Autos auf den Straßen der Stadt im vergangenen Jahr durchschnittlich 73 Stunden im Stau – verglichen mit dem Jahr 2014 hat sich der Wert um achteinhalb Stunden verschlechtert. Das bringt Stuttgart den zweifelhaften Titel „Stauhauptstadt Deutschlands“ ein. 2014 war noch Köln die Kapitale des Stillstands. Die abermalige Verschlechterung bringt Stuttgart somit an die Spitze im nationalen Vergleich. Europaweit ist die Verkehrssituation lediglich im Großraum London noch beklagenswerter.

Zurückhaltende Reaktion aus dem Rathaus

Das Rathaus reagiert zurückhaltend. „Wir wissen nicht, wie belastbar die Daten der Studie und ihre Aussagekraft sind“, erklärt der Stadtsprecher Sven Matis auf Anfrage. Die Verwaltung verlässt sich lieber auf selbst erhobene Werte und verweist auf die sogenannte Kesselrandzählung. Demnach habe der Verkehr an den 21 Zählstellen am Stichtag 19. Mai 2015 auf 430 000 Fahrzeuge am Tag um gut zwei Prozent gegenüber 2013 nachgelassen.

Gleichwohl beharrt Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) darauf, der Autoverkehr müsse im Kessel um 20 Prozent abnehmen. „Das hilft gegen zu viele Staus, zu viel Lärm und Stress in der Stadt und trägt – insbesondere wenn es sich um weniger konventionell angetriebenen Autoverkehr handelt – zur Schadstoffreduktion bei“, heißt es aus dem Rathaus.

Stuttgart „leidet“ unter seiner Attraktivität

Konsens zwischen dem die Stauwerte erhebenden Unternehmen und der Stadtverwaltung gibt es bei der Einschätzung, woher diese die Straßen verstopfenden Blechmassen kommen. „Stuttgart ist Opfer seines eigenen Erfolgs, mit einem soliden Arbeitsmarkt und einer wachsenden Wirtschaft, die mehr Autopendler, mehr Investitionen und somit folglich mehr Verkehr anzieht“, sagt Bryan Mistele, Chef von Inrix. Das Rathaus differenziert und verweist auf die mittlerweile 604 757 Menschen, die in Stuttgart leben. Seit dem Jahrtausendwechsel hat die Stadt unterm Strich 20 000 Einwohner mehr. Zudem gehen 500 000 Menschen in der Stadt ihrer Arbeit nach, wovon mehr als die Hälfte jenseits der Stadtgrenzen wohnt und also pendeln muss – ganz überwiegend mit dem Auto. Ursächlich für den häufigen Stillstand sind nach Ansicht der Stadt die zahlreichen Baustellen. Rund 10 000 davon zählte die Verkehrsbehörde im städtischen Straßennetz im Jahr 2015.

Eine der größeren davon, der Bau des B-10-Rosensteintunnels, könnte eine von Inrix als besonders stauträchtig identifizierte Route in der Stadt entlasten. Auf den 5,3 Kilometern zwischen dem Pragsatteltunnel und dem Stuttgarter Osten haben Autofahrer nach den Erhebnungen von Inrix 30 Stunden länger gebraucht, als wenn sie freie Fahrt gehabt hätten. Besonders viel Geduld müssen Autofahrer auch zwischen Olgaeck und Zuffenhausen aufbringen. Auf der rund 9,5 Kilometer langen Distanz ließen sie 33 Stunden mehr liegen als nötig wäre.

Die Stadt verweist auf Zuwächse beim Radverkehr

Das Unternehmen stützt sich auf Daten von selbst entwickelten Apps, die auf den mobilen Endgeräten von Nutzern laufen. So ist es auch wenig überraschend, dass die Hüter in diesem Datenschatz den Ansatz zur Lösung von großstädtischen Verkehrsproblemen sehen. Auch die Stadt setzt auf verkehrslenkende Maßnahmen. Sie verweist auf die vor zehn Jahren eingerichtete Integrierte Verkehrsleitzentrale. „Sie arbeitet Tag für Tag daran, den Verkehr intelligent zu steuern und Staus zu vermeiden.“ Manchmal freilich nutzen alle diese Bemühungen nichts, wenn etwa ein Rohr an einer Stelle bricht, die bislang nicht als neuralgischer Punkt im fragilen Straßennetz aufgefallen wäre. So führt das Rathaus einen Wasserrohrbruch in der Wolframstraße an, der im vergangenen November zu massiven Beeinträchtigungen des Verkehrs geführt habe. Darüber hinaus gibt es auch Zahlen, die das Rathaus zuversichtlich stimmen, das Verkehrsproblem in den Griff zu bekommen. „An der Fahrrad-Zählstelle am Leuze wurde ein Zuwachs von 17,8 Prozent, an der Böblinger Straße/Waldeck ein Zuwachs von 6,7 Prozent verzeichnet.“ Für die Zählstelle in Kaltental bedeutet das ein Plus von 4000 Radlern pro Jahr.

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