Nord-Süd-Straße in Stuttgart Verschiedene Strategien gegen den Kollaps

Der Synergiepark wächst. Der wirtschaftliche Erfolg beschert der Stadt hohe Gewerbesteuereinnahmen – und jede Menge Verkehr. Um dem Herr zu werden feilen Experten seit Jahren an einem Verkehrsstrukturplan. Doch jüngst hagelte es jede Menge Kritik.

Die Ostumfahrung ist das Nadelöhr, wenn es um den Ausbau der Nord-Süd-Straße geht. Sie ist an ihrer Belastungsgrenze. Foto: Alexandra Kratz
Die Ostumfahrung ist das Nadelöhr, wenn es um den Ausbau der Nord-Süd-Straße geht. Sie ist an ihrer Belastungsgrenze. Foto: Alexandra Kratz

Vaihingen/Möhringen - Heiße Diskussionen hat es in dieser Woche in den Sitzungen des Vaihinger und Möhringer Bezirksbeirats gegeben – und das lag nicht nur an den Temperaturen. In Vaihingen waren Vertreter dreier großer Firmen im Synergiepark vor Ort: Lapp, Stollsteimer und Dekra. Sie erklärten, dass wegen der langen Wege viele ihrer Beschäftigten auf das Auto angewiesen seien, um zur Arbeit zu kommen und der Ausbau der Nord-Süd-Straße darum elementar sei. In das gleiche Horn stieß Günter Sabow, der Vorsitzende der Wirtschafts- und Industrievereinigung (WIV). Im Möhringer Bezirksbeirat brachte ihm das harsche Kritik von der Grünen-Stadträtin Beate Schiener ein. Sie forderte von Sabow „einen neutralen Bericht statt Interpretationen“, da die von der WIV initiierte Pendler-Befragung auch von der Stadt mitbezahlt worden sei.

Die Ergebnisse der Pendler-Befragung

Etwa 4500 Pendler von 70 Firmen im Synergiepark haben sich beteiligt. Von diesen erklärten 51 Prozent, dass sie mit dem Auto ins Geschäft kommen, 40 Prozent nutzen Bus und Bahn, sechs Prozent das Fahrrad und drei Prozent kommen zu Fuß. Der Grund für diese Verteilung seien vor allem die langen Strecken zwischen Arbeitsplatz und Wohnung. Allerdings könnten sich 30 Prozent vorstellen, ganz oder teilweise mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen, wenn es dafür bessere Voraussetzungen gebe.

Was im Verkehrskonzept steht

In dem Konzept werden verschiedene Strategien formuliert, um die hohe Zahl der einpendelnden Autofahrer beherrschen zu können. Das bedeutet zum einen, dass die Zahl der Autofahrer gesenkt werden soll, indem die Radwege ausgebaut und Bus und Bahn attraktiver gemacht werden. Dabei sollen auch die Unternehmen helfen und zum Beispiel Job-Tickets und bessere Infrastrukturen für Radler wie gesicherte Abstellmöglichkeiten, Dusche und Spinde anbieten. Betriebliches Mobilitätsmanagement heißt das im Fachjargon. Andererseits will die Stadt aber auch bei künftigen Bauvorhaben nicht mehr so viele Parkplätze genehmigen wie bisher und so den Druck erhöhen, das Auto stehen zu lassen. Dafür müssen zwei Bebauungspläne geändert werden. Das Konzept bringt aber auch zum Ausdruck, dass die Nord-Süd-Straße weiter ausgebaut werden muss – um das Gebiet adäquat anzubinden und die untergeordneten Straßennetze in Vaihingen und Möhringen zu entlasten.

Die Pläne für die Nord-Süd-Straße

Auf den verschiedenen Abschnitten der Nord-Süd-Straße sind aktuell zwischen 20 000 und 30 000 Autos täglich unterwegs. Die Fachleute gehen davon aus, dass sich diese Zahlen bis 2030 je nach Abschnitt um 20 bis 50 Prozent erhöhen. Der nördliche Teil der Nord-Süd-Straße zwischen B 14 und Vaihinger Straße kann nicht weiter ausgebaut werden. Denn die Ostumfahrung Vaihingen, bestehend aus den zwei Tunneln und der Nesenbachbrücke, ist nun mal zweistreifig. Die Straße ist aber auch in diesem Bereich an ihrer Belastungsgrenze. Darum sollen die Kreuzungen vor und hinter den Tunneln ausgebaut werden, um den Verkehr zu verflüssigen. Dabei geht es insbesondere um den Abzweig zum Schulzentrum Hengstäcker und den Anschluss an die Vaihinger Straße. Im mittleren Abschnitt, zwischen der Vaihinger Straße und der Industriestraße, werde die Belastungsgrenze auch bis 2030 nicht erreicht, sagen die Experten. Darum sei in diesem Bereich kein weiterer Ausbau erforderlich. Hingegen müsse der südliche Abschnitt zwischen dem Synergiepark und der A 8 weiter ertüchtigt werden. Für diesen Bereich werden aktuell verschiedene Varianten untersucht. Erforderlich ist laut Verkehrskonzept zumindest ein dritter Fahrstreifen, der jeweils in Lastrichtung freigegeben wird, also morgens in Richtung Synergiepark und abends in Richtung Autobahn.

Der Grund für die aktuelle Kritik

Die Aussage der Fachverwaltung, dass ein Ausbau der Nord-Süd-Straße zwischen Vaihinger Straße und Industriestraße nicht erforderlich sei, hat in den vergangenen Wochen für Unmut gesorgt. Die Verkehrsplaner schlagen stattdessen in diesem Bereich einen Radschnellweg vor. Er soll an die Radverbindung aus L.-E. anschließen und neben der Fahrbahn für die Autos unter der Brücke an der Haltestelle SSB-Zentrum hindurch führen. Mehrere Unternehmen im Synergiepark laufen dagegen Sturm – allen voran Lapp, Dekra und Stollsteimer. Sie planen nun, ein eigenes Verkehrsgutachten in Auftrag zu geben. Auch mehrere Fraktionen aus dem Gemeinderat folgen nicht der Einschätzung der Verwaltung und haben Anträge eingereicht (wir berichteten).

Die Meinung der Bezirksbeiräte

Im Möhringer Bezirksbeirat war eine klare Trennlinie zwischen dem bürgerlichen Lager aus vornehmlich CDU und FDP und dem ökosozialen Lager aus vornehmlich Grünen und SPD erkennbar. Erstere verwiesen auf die Einschätzung der großen gewerbesteuerzahlenden Unternehmen und das Ergebnis der Pendlerbefragung, dass die Hälfte der Arbeitnehmer im Synergiepark auf das Auto angewiesen sei. Letztere verwiesen auf Umweltschutz, Nachhaltigkeit – und ebenfalls auf die Ergebnisse der Pendlerbefragung. Denn diese habe auch gezeigt, dass ein Potenzial für mehr Radverkehr da sei. Abstimmen konnten die Möhringer Lokalpolitiker aber nur über die vorgeschlagene Bebauungsplanänderung, damit künftig nicht mehr so viele Parkplätze gebaut werden dürfen. Das Gremium stimmte mit neun zu acht Stimmen denkbar knapp dafür.

Auch in Vaihingen gingen die Meinungen, ob das Geld besser in den dreispurigen Ausbau der nördlichen Nord-Süd-Straße oder lieber in die Radinfrastruktur und den ÖPNV investiert werden sollte, auseinander. Letztlich lehnten die Vaihinger die Pläne knapp mit sechs Ja-Stimmen, sechs Gegenstimmen und zwei Enthaltungen ab. Mehrheitliche Zustimmung fand hingegen die von der Verwaltung vorgesehene Bebauungsplanänderung zur Eindämmung von Parkplätzen im Synergiepark. Ein Antrag der Grünen, zeitgleich eine Parkraumbewirtschaftung in dem Gewerbegebiet und eine Bewohnerparkregelung in den angrenzenden Wohngebieten einzuführen, wurde mehrheitlich angenommen.

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