Verkehrsbelastung in Esslingen Mit Autobarrieren gegen den Durchgangsverkehr

Ein organisiertes kleines Verkehrschaos im Berufsverkehr – damit wollen die Anwohner den Durchgangsverkehr vertreiben. Foto: Ines Rudel

Die Mutzenreissträßler auf dem Esslinger Zollberg wollen den zunehmenden Durchgangsverkehr aus ihrer Straße „vergrämen“ – und greifen nach jahrelangem vergeblichem Kampf jetzt zu drastischeren Mitteln.

Die Frau am Steuer lässt irritiert ihre Scheibe herunter. „Darf ich jetzt hier fahren oder nicht? Ich muss meine Tochter in die Schule bringen.“ Ja, sie darf – sagt die Straßenverkehrsordnung. Sie soll aber nicht – wünschen sich Anwohner der Mutzenreisstraße in Esslingen-Zollberg. Sie haben in der Nacht ihre Autos am Mutzenreiswald geparkt. Ordnungsgemäß, wie sie sagen. Aber so, dass sich der morgendliche Berufsverkehr von der Filderebene hinunter ins Neckartal nur mühsam seinen Weg bahnen kann. Und sie haben Plakate gemalt, um den Verkehrsteilnehmern klarzumachen, wo es aus ihrer Sicht eigentlich langzugehen hat: „Nehmt die Aufstiegsstraße. Da ist die Aussicht schöner!“

 

„Unerträgliche Belastungen“

Die Teilnehmer der Initiative Mutzenreisstraße wollen sich nicht auf dem Asphalt festkleben. Es geht ihnen auch nicht um den globalen Klimawandel, sondern nur um die eigene kleine Welt in ihrer Straße, die seit Jahren durch den immer weiter anschwellenden Durchgangsverkehr zur „gesundheitsgefährdenden und unerträglichen Belastung“ geworden ist. Rund 50 Anwohner hatten sich vor wenigen Tagen in einer Garage zusammengefunden, um das Dauerthema wieder einmal anzugehen.

Ihre Straße ist ein klassisches Beispiel für die seit Jahren zunehmende Verkehrsbelastung und -verlagerung: Wird ein Schlupfloch zugemacht, schleicht sich der Verkehr durchs nächste. Im konkreten Fall hatte sich die Lage zugespitzt, als das benachbarte Ostfildern vor rund 20 Jahren die Rinnenbachstraße als direkte Querung kappte, die die Hauptverkehrsachsen zwischen Neckartal und Filderebene verknüpfte. Anstatt die Zollbergstraße oder die großen Verbindungen wie die Berkheimer Aufstiegsstraße oder die Champagne ganz auszufahren, zieht es viele Verkehrsteilnehmer seitdem durch das Tempo-30-Wohngebiet auf dem Zollberg. Dort ist die Durchfahrt nur für Lastwagen verboten. Und selbst das war ein Kampf.

Bypass zwischen den Verkehrsadern

Städtebaulich ist die Mutzenreisstraße als „Wohn- und Wohnsammelstraße“ angelegt. Doch durch die direkte Anknüpfung an die Hauptverkehrsachsen zwischen B 10 und den Filderkommunen sowie den Berkheimer Arbeitgeber Festo „entsteht ein Bypass, der auch Fremdverkehr anzieht“, bestätigt Axel Fricke, der neue Chef des Esslinger Stadtplanungsamts. Die jüngsten Verkehrszählungen sprächen mit täglich 2250 Kraftfahrzeugen zwar nicht für eine überdimensionierte Belastung der Straße – allerdings stammen sie noch aus Coronazeiten. Die Hauptbelastung sind aus seiner Sicht die Lastwagen, die trotz Verbots über die zahlreichen Schlaglöcher scheppern.

Bereits vor 20 Jahren hatte man versucht, mit einer Pförtnerampel an der Hohenheimer Straße den Durchgangsverkehr auszubremsen. Die hatte pro Grünphase nur drei Autos durchgelassen. „Doch dann hieß es, der Rückstau sei dort zu groß, man müsse wieder mehr Fahrzeuge durchlassen“, erzählt Margitta Zöllner von der Initiative. Immer wieder brandeten Empörungswellen auf. Die Mutzenreissträßler galten im Rathaus schon als Wutbürger, noch bevor es diesen Begriff überhaupt gab.

Anwohner fotografieren Verkehrssünder

Zuletzt hatte die Verwaltung im Sommer 2021 dem Bürgerausschuss, also den ehrenamtlichen Vertretern des Stadtteils, drei Vorschläge zur Umgestaltung der maroden Straße präsentiert. „Die hätten aber eine noch breitere Straße zur Folge gehabt“, sagt Felix Hausmann, der das Gremium erst seit wenigen Tagen mit Katrin Bunjes-Thie in einer Doppelspitze führt. Man begrüße es, wenn das Thema wieder mehr Aufmerksamkeit erfahre, will sich aber in die Initiative nicht einklinken. Hausmann: „Wir behandeln das Thema eigenständig. Wir wollen ein Verkehrskonzept für den ganzen Stadtteil.“

Ein Verkehrsplanungsbüro soll jetzt Straße und Umgebung intensiver untersuchen und Vorschläge zur künftigen Verkehrsführung machen, heißt es aus dem Rathaus. Die Mutzenreissträßler haben indessen schon längst selbst zum Handy gegriffen und schicken Fotos von sündigen Lastern ans Ordnungsamt. Zöllner: „Wir spüren jeden Schichtwechsel bei Daimler. Die Älteren klagen, nicht mehr schlafen zu können. Die Kinder kommen kaum noch sicher über die Straße. Es geht darum, den Verkehr aus unserer Straße zu vergrämen.“ Am allerliebsten hätten die Anwohner ihre Straße nur für sich, Minimalstforderungen sind abbremsende Schwellen und Smileys. Jedenfalls will man den Widerstand öffentlichwirksam in Szene setzen. Gedacht ist zum Beispiel an einen großzügigen Glühweinstand am Straßenrand oder weitere Barrikaden. Sind solche Aktionen nicht eine Zumutung für alle anderen, die rechtzeitig am Arbeitsplatz sein müssen? Zöllner: „Wir wollen niemanden gefährden. Wegen unserer Aktion kommt keiner zu spät. Uns mutet man die Situation in dieser Straße ja schon seit Jahren zu.“

Ein Stadtteil kämpft gegen den Verkehr

Zollberg
Der Zollberg im Esslinger Süden ist in den 1950er Jahren als Nachkriegsstadtteil zügig aufgesiedelt worden. Die Zollbergstraße trennt die Reihenhäuser auf der westlichen Seite und die Geschossbauten im östlichen Teil. Sie ist neben der östlich gelegenen Berkheimer Aufstiegsstraße und der Champagne im Westen eine viel genutzte Verbindungsachse zwischen Neckartal und Filderebene.

Mutzenreisstraße
Die 700 Meter lange Mutzenreisstraße ist eine von zwei Straßen, die das Wohngebiet westlich der Zollbergstraße erschließt. Sie verbindet zugleich die Zollberg- mit der Hohenheimer Straße und damit mit dem Champagne-Aufstieg von der B 10 auf die Filder. In der stark sanierungsbedürftigen Straße gilt Tempo 30. Für Lastwagen ist die Durchfahrt verboten, dennoch gibt es zahlreiche Verstöße.

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