Verkehrschaos in Ludwigsburg Wie ein Optiker den Parkplatz-Streit anfacht

Von Michael Bosch und  

Wie viele Autoverkehr verträgt Ludwigsburg? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Ein Optiker aus der Myliusstraße hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, für Stellplätze vor seiner Tür zu kämpfen. Er geht dabei ziemlich brachial vor.

Umstritten: Die Parkplätze in der Ludwigsburger Myliusstraße entzweien Politik und Bürger. Foto: factum/Andreas Weise
Umstritten: Die Parkplätze in der Ludwigsburger Myliusstraße entzweien Politik und Bürger. Foto: factum/Andreas Weise

Ludwigsburg - Es geht um etwa 20 Parkplätze in der Ludwigsburger Myliusstraße. Nicht viel also, und parken kann man auch anderswo, im nahen Umfeld gibt es mehrere Parkhäuser. Trotzdem wird genau hier, in der rund 200 Meter langen Straße zwischen Bahnhof und Innenstadt, in ungewöhnlicher Schärfe ein ganz grundsätzlicher Streit ausgefochten. Auf der einen Seite: diejenigen, die weniger Parkplätze wollen. Sie argumentieren mit dem unnötigen Parkplatzsuchverkehr in der engen und dauerverstopften Straße. Damit, dass die Busse am Bahnhof wegen der rangierenden Autos ständig aus dem Takt geraten. Damit, dass es in Ludwigsburg ausreichend Parkplätze gibt. Aber: diese Seite hat den Kürzeren gezogen. Ende Juli hatte der Gemeinderat abgestimmt – und einen Vorschlag der Grünen, die Anzahl der Stellplätze zu reduzieren, mehrheitlich abgelehnt.

Doch erst danach eskalierte der Streit, und das liegt an Markus Stammberger. Der Optiker hat es sich zur Aufgabe gemacht, für die Erhaltung der Parkplätze, von denen auch sein Geschäft in der Myliusstraße profitiert, zu kämpfen. Er startete eine Unterschriftenaktion, schreibt Mails an alle und jeden, polemisiert in sozialen Medien, kritisiert, schimpft. Er wirft denen, die weniger Parkplätze wollen, „puren Egoismus“ vor oder unfaires Verhalten gegenüber der älteren Generation. Speziell an die Grünen gerichtet äußert er gerne den Vorwurf, die Partei sei unfähig, demokratische Entscheidungen zu akzeptieren.

Grüne wollen Parkplätze gar nicht abschaffen

Entsprechend angesäuert reagiert Christine Knoß, die grüne Vizechefin im Gemeinderat, auf Stammberger. Lächerlich und fragwürdig sei dessen Vorstoß, sagt sie, und auch der Aktionismus sei nicht nachvollziehbar. „Das Thema ist aktuell gar keines mehr.“ Ihre Partei habe bei der Abstimmung verloren, und bevor über eine Vorlage ein zweites Mal abgestimmt werden darf, muss mindestens ein halbes Jahr vergangen sein. Außerdem, so Knoß, habe man nie vorgeschlagen, alle Parkmöglichkeiten in der Myliusstraße abzuschaffen. Sondern nur, die Kurzzeitparkplätze in Behindertenparkplätze beziehungsweise Flächen für den Lieferverkehr umzuwandeln.

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Stammberger kümmert das nicht. Den Grünen wirft er „ideologische Politik“ vor, das Ziel autofreie Innenstadt verfolge die Fraktion ohne Rücksicht auf Verluste. Andererseits betont er immer wieder, dass es ihm nicht primär um den Einzelhandel gehe, sondern um Senioren, die auf Parkplätze angewiesen seien. „Die Myliusstraße hat eine Sonderstellung“, sagt er und verweist darauf, dass dort Ärzte, Gesundheitsdienstleister und Apotheken angesiedelt sind. Für die Alten und Gebrechlichen, die dort ein und ausgingen, seien die umliegenden Parkhäuser zu weit entfernt.

Warum setzt sich dann keiner der Ärzte derart vehement für die Parkplätze ein? „Das müssen sie die fragen“, antwortet Stammberger. Viele Anlieger hätten seine Petition unterschrieben. Bloßes Eigeninteresse weist der Optiker von sich. „Es trifft mich wirtschaftlich nicht, wenn da elf Parkplätze wegfallen.“ Das sagt er wörtlich, doch in seinen Mails schreibt er, dass die Innenstadt mehr Parkplätze benötige als heute – wegen des Einzelhandels, der sonst sterbe.

Wie autofreundlich muss eine Stadt noch sein?

Mit seiner Kampagne jedenfalls ist es Stammberger gelungen, eine ideologische Debatte wieder anzufachen, die seit vielen Jahren die Bevölkerung entzweit. Kaum eine Frage in Ludwigsburg ist so umstritten wie diese: Wie autofreundlich muss eine Stadt heutzutage noch sein?

Die Grünen wollen weniger Autos, mehr Fußgänger, Radler, ÖPNV. Aber den Vorwurf, sie seien egoistisch gegenüber Senioren, will Knoß nicht stehen lassen. „Auch auf den Lieferzonen, die wir vorschlagen, darf gehalten werden, um Menschen aussteigen zu lassen“, sagt sie. „Auf einem Kurzzeitparkplatz darf hingegen jeder sein Auto parken.“ Ähnlich argumentiert der ökologische Verkehrsclub (VCD), der ebenfalls für eine Umgestaltung der Myliusstraße plädiert, denn: „Aktuell sind die vorhandenen Parkplätze oft belegt durch junge gesunde Menschen, die sich in Bahnhofsnähe aufhalten.“

Armin Haller, der Sprecher des VCD Baden-Württemberg, ist daher fast dankbar, dass Stammberger solch einen Wirbel veranstaltet. Das Thema sei „noch heiß“, weil die Planungen für die Bus-Rad-Trassen in Ludwigsburg bald fortgesetzt würden. „Da ist es nicht verkehrt, wenn die Verantwortlichen wissen, was für Meinungen es gibt“, sagt Haller.




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