Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt Ein Besuch am schwierigsten Verkehrsknoten in Stuttgart

Von Armin Friedl 

35 000 Autos, 43 000 Umsteiger und in der Stunde kommen 84 Fahrzeuge der SSB an. Und das alles wird von 105 Ampeln geregelt – wer sind die Gewinner und wer sind die Verlierer in diesem täglichen Verkehrschaos?

Freie Fahrt für Busse und Autos am Wilhelmsplatz, und dennoch geht nichts. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Freie Fahrt für Busse und Autos am Wilhelmsplatz, und dennoch geht nichts. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Drei, gar vier der Expressbusse der neuen SSB-Linie X1 warten manchmal am Wilhelmsplatz auf Fahrgäste, von denen noch viel zu wenig zusteigen. Mit extra Ampelregelungen und einer zusätzlichen Fahrspur wurden die schwarz gepunkteten gelben Gelenkbusse flott gemacht auf ihrem Weg in die Innenstadt und zurück nach Bad Cannstatt. Doch am Start sind sie erst mal nicht wieselflink, sondern schneckenlahm.

Durch kommen ohne Warten und Drängeln

Der Grund: Am Wilhelmplatz in Bad Cannstatt geht es an Werktagen zu wie bei einer Schlacht am kalten Buffet: Alle wollen möglichst schnell ran, um sich die besten Häppchen zu sichern. Das Ergebnis ist dann meist: allgemeiner Ärger, viel Konfusion – letztlich Unzufriedenheit allenthalben.

Beim Wilhelmsplatz geht es nicht ums Essen, sondern ums möglichst schnelle Durchkommen an einem Verkehrsknotenpunkt, den alle hinter sich lassen wollen ohne längere Wartezeiten und Gedrängel.

Für solche Wünsche ist Wolfgang Hertkorn zuständig als Leiter der Dienststelle Verkehrsmanagement und Verkehrstechnik beim städtischen Tiefbauamt. Da kommt auch gleich eine Einschränkung von ihm: „Der Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt ist mit Abstand der anspruchsvollste Ort in Sachen Verkehrs- und Ampelsteuerung in Stuttgart.“ Das bedeutet: Mehr als 200 Kombinationen sind eingespeichert, um mit den verschiedensten Rot-Grün-Ampelabfolgen den möglichst zügigen Durchfluss aller Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten. Geregelt wird das mit 105 Ampeln, also für Autos, Fußgänger und öffentlichen Nahverkehr. Die Technik ist damit an das maximal Mögliche angelangt. Außerdem ist selbst für versierte Fachleute ein Grenzbereich erreicht, in dem sie noch die Übersicht über die komplexen Abfolgen behalten können.

ÖPNV hat Vorrang

Allerdings werden hier nicht alle gleich gewertet: Öffentlicher Nahverkehr hat Vorrang vor Individualverkehr. Doch auch der kommt sich hier schon ziemlich in die Quere: Seit dem nun die U 16 ihren Betrieb aufgenommen hat, kreuzen sich hier fünf Stadtbahnlinien. Und seit es den Schnellbus X1 gibt, beanspruchen drei Buslinien ihren Vorrang. Das bedeutet: Im Hauptverkehr benutzen 84 Fahrzeuge der SSB den Wilhelmsplatz, und das stündlich. Rechnerisch sind das alle 42 Sekunden ein Fahrzeug. Ihre Vorrangstellung haben sie, weil sie täglich 43 000 Ein- , Aus- und Umsteiger über diesen Platz transportieren, Tendenz steigend. Da sind jene, die hier mit der SSB durchfahren oder zu Fuß den Platz überqueren, noch gar nicht hineingerechnet. Nach einer Verkehrszählung im Oktober 2016 befahren auch etwa 35 000 Fahrzeuge diesen Platz an einem Tag. Doch wie viele Personen werden damit befördert?

Hindernisparcours für Busse

Das ist eine typische Situation im Hauptverkehr: Bekommen die Busse an ihrem zweispurigen Haltebereich in der König-Karl-Straße einmal freie Fahrt, machen sich durchaus gleich zwei oder drei auf den Weg. Aber schnell werden sie ausgebremst durch die Stadtbahnen U 1, U 13 oder U 16, blockieren damit die Autospuren zur Wilhelmstraße und nach Fellbach, machen dazu noch den Fußgängerüberweg zwischen Wilhelmsplatz und Bahnhof zu einem Hindernisparcours. Weitere Rotphasen für diese Busse drohen schon wenige Meter weiter vor den Autos stadteinwärts auf der Waiblinger Straße und dann gleich wieder vor den Gleisen der U 2 / U 19. Der Bus X 1, der nicht in die Badstraße abbiegt, muss möglicherweise auch noch vor den Gleisen von U 13 und U 16 warten. Das sind Straßenabschnitte, die nicht für die 18-Meter-Gelenkbusse ausgelegt sind, die deshalb den anderen Verkehr blockieren. Doch gerade diese Busse werden ausschließlich auf den drei Linien am Wilhelmsplatz eingesetzt.

Das ist eine der Aufgaben, welche die Verkehrssteuerer als nächstes angehen wollen: „Die Busse sollen ohne rote Ampeln den Wilhelmsplatz überqueren können“, so Harald Naumann, Mitarbeiter bei Hertkorn. Seit dem 17. Dezember soll diese Anforderung in das Steuerungssystem eingespeist sein. Aber funktioniert dies auch wirklich? – Denn was der eine an durchgängiger Fahrzeit bekommt, wird einem anderen ja gleichzeitig genommen.

So melden die Stadtbahnen ihre Ankunft an

Sämtliche Ampelphasen sind hier allerdings auch in einem gewissen Rahmen flexibel gestaltet. Da ist entscheidend, wer wo sein Kommen ankündigt. Stadtbahnen vom Augsburger Platz melden sich per Kontaktschwelle an der Haltestelle Uff-Kirchhof an, Stadtbahnen aus Neugereut am Daimler-Platz. Erstere haben dann 40 Sekunden Fahrtzeit, um beim Wilhelmsplatz anzukommen, die anderen 30 Sekunden. Busse melden sich per Satellitennavigation GPS an. „Bis die direkt am Wilhelmsplatz sind, bleibt Zeit für die eine oder andere Grün-Phase“, weiß Hertkorn. Eindeutiger ist es bei den Stadtbahnen und Bussen, die stadtauswärts unterwegs sind: Dort fordern die Fahrer ihre freie Fahrt direkt an ihren Haltestellen an, wenn sie absehen können, dass alle ein- und ausgestiegen sind.

Mit Ampelsteuerung allein lässt sich der Verkehrsfluss nicht immer optimieren, entscheidend ist auch die Verteilung der Fahrspuren. Autofahrer, die von der Innenstadt kommend in die Wilhelmstraße abbiegen, haben jetzt zwei Abbiegespuren, geradeaus Richtung Augsburger Platz gibt es nur noch eine. „Die zwei Spuren in Richtung Marktplatz reichen jetzt in die Wilhelmstraße hinein“, so Hertkorn, „da fließt mehr Verkehr vom Platz weg, der Rückstau hat nachgelassen. Das wird gut angenommen“.

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