Die Tempo 30-Schilder am Elbenplatz hatten heftige Diskussionen hervorgerufen. Nun könnten es bald weitere Tempo 30-Strecken in der Innenstadt geben. Foto: Eibner-Pressefoto
Eine Untersuchung zeigt, wie groß die Lärmbelastung in Böblingen ist. Deutlich wird: Die Stadt muss etwas tun, um vor allem in der Kernstadt den Lärm zu reduzieren.
Im Gegenteil schien es den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern ein Anliegen zu sein, das Tempo zu drosseln – und damit den Autolärm zu mindern. Genau darum ging es an diesem Abend. Die Verwaltung hatte die Bürger eingeladen, sich über die neueste Version des Lärmaktionsplans zu informieren. Die zeigt stellenweise eine hohe Lärmbelastung in der Stadt auf und empfiehlt eine Ausweitung der Tempo-30-Strecken.
Gekommen waren circa 15 Bürgerinnen und Bürger, darunter Anwohner von Straßen, in denen immer wieder die Verkehrsbelastung kritisiert worden war – beispielsweise aus der Friedrich-List-Straße.
Böblingen ist, so wie andere Kommunen auch, dazu verpflichtet einen Lärmaktionsplan aufzustellen. Lärmaktionspläne kartieren die Lärmbelastung und zeigen Maßnahmen auf, um sie zu senken. Denn sind Menschen dauerhaft zu großem Lärm ausgesetzt kann sie das krank machen.
Dort wo es dunkellila und dunkelrot leuchtet, ist die Lärmbelastung besonders hoch. Foto: Stadt Böblingen
Die Stadt hatte das Planungsbüro Modus Consult aus Karlsruhe damit beauftragt, einen Lärmaktionsplan zu erstellen. Adrian Gericke von Modus Consult stellte diesen für Böblingen vor. Deutlich wurde, wie viele Daten und Berechnungen darin stecken. Ein Bürger bat darum – und sprach damit wohl vielen aus dem Herzen – , etwas langsamer und verständlicher zu sprechen, um den komplexen Ausführungen folgen zu können.
Für die Berechnung der Lärmbelastung sind, grob gesagt, die Geschwindigkeiten, die Verkehrsmengen und die Topografie – das Gelände, aber auch die Bebauung – entscheidend. Bei den Geschwindigkeiten handle es sich um die erlaubten Tempovorgaben, nicht um real gemessene, so Gericke. Die Verkehrsmenge basiere auf Zählungen. Die ist teils eindrucksvoll: So fahren beispielsweise auf bestimmten Abschnitten der Poststraße am Tag 20 000 Autos, auf der Herrenberger Straße 16 000. Ist die Verkehrsmenge zu gering, taucht die Straße nicht im Plan auf.
Entlastet die Querspange die Innenstadt?
So abstrakt die Berechnung der Lärmbelastung möglicherweise klingt, sie scheint die Realität trotzdem gut abzubilden. „Wir bekommen über das Modell eine sehr gute Annäherung“, betonte Gericke. In dem Lärmaktionsplan, den er vorstellte, ist außerdem berücksichtigt, welche Auswirkungen die geplante Querspange Ost, also die neue Ortsumfahrung, auf den Verkehr in der Böblinger Innenstadt haben wird.
Und so liefert der neue Plan zwei zentrale Erkenntnisse: Aller Voraussicht nach verringert die Querspange die Anzahl an Autos in der Innenstadt, und es wird leiser. Und trotzdem ist die Lärmbelastung auch mit der neuen Ortsumfahrung an vielen Orten noch zu hoch. Es ist offenbar sogar so: Egal ob Querspange oder nicht, die empfohlenen Maßnahmen, um die Lärmbelastung zu senken, blieben dieselben.
Der Lärm übersteigt demnach auch mit Querspange stellenweise 67 Dezibel am Tag oder 57 Dezibel bei Nacht – Grenzwerte, bei denen die Stadt zwar über das „Wie“ entscheiden kann – aber klar ist, dass sie etwas gegen den Lärm tun muss, wenn Menschen davon betroffen sind.
Wo es besonders laut ist
Zu laut ist es demnach in der Herrenberger Straße, der Konrad-Zuse-Straße, der Poststraße und der Friedrich-List-Straße – Straßen, in denen viele Menschen wohnen. Natürlich berücksichtigt der Plan auch Dagersheim, wo etwa in der Böblinger Straße die Lärmbelastung hoch ist.
Modus Consult empfiehlt zur Lärmminderung die einfachste und am schnellsten umzusetzende Maßnahme, nämlich: mehr Tempo 30-Strecken. Konkret nennt das Büro etwa die Friedrich-List-Staße, die Konrad-Zuse-Straße, die Karlsstraße und in Dagersheim die Böblinger Straße. „Die Reduzierung des Tempos von 50 auf 30 entspricht gefühlt der Halbierung der Verkehrsmenge“, machte Gericke den Effekt deutlich.
Bei den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern schien das grundsätzlich gut anzukommen. Allerdings formulierten sie die dringende Bitte, dann auch die Geschwindigkeit zu überwachen und ein Bürger bat die Stadt darum, den im Plan nicht berücksichtigen Murkenbachweg näher anzuschauen.
Endgültig entschieden ist noch nichts. Im April berät der Technische Ausschuss über den neuen Lärmaktionsplan, Anfang Mai der Gemeinderat. Erst dann steht fest, wo und ob in Böblingen neue Tempo 30-Strecken ausgewiesen werden. Dass an verschiedenen Stellen etwas gegen den Autolärm getan werden muss, wurde aber bereits am Mittwochabend deutlich.
Kampf gegen Verkehrslärm
Recht Kommunen in Deutschland sind gesetzlich verpflichtet, alle fünf Jahre einen aktuellen Lärmaktionsplan zu erstellen. Die letzte Frist lief im Juli 2024 ab. Lärmaktionspläne basierend auf aktuellen Lärmkartierungen sind das zentrale Instrument der Europäischen Umgebungslärm-Richtlinie, um Verkehrslärm zu bekämpfen
Folgen Straßenlärm wird nach Angaben des Umweltbundesamts (UBA) von den Deutschen als größte Lärmquelle benannt. Einer Untersuchung aus dem Jahr 2024 zufolge fühlen sich 67 Prozent der Befragten in ihrem Wohnumfeld durch Straßenverkehr gestört oder belästigt. Lärm kann ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen. Schlafstörungen, Bluthochdruck und andere Krankheiten können die Folge sein.