Als Winfried Hermann sich für wenige Sekunden mit dem Rücken auf dem kleinen Stück Rasen im Superblock ablegt, wirkt er zufrieden. Dann stellt er fest, dass sein Hemd nass wird. Doch der Grünen-Politiker und baden-württembergische Verkehrsminister lässt sich davon nicht beirren: „Es wäre schön, wenn dieses Projekt Ausstrahlung in die Stadt findet.“ Die Rede ist von dem autoarmen Quartier rund um die Augustenstraße im Stuttgarter Westen, auch genannt: Superblock.
Ziel ist: mehr Lebensqualität auf der Straße
Auf anderthalb Jahre ist der Versuch ausgerichtet, bei dem Autofahrer nicht mehr schnurstracks durch die Augustenstraße fahren können, sondern nur noch im Zickzack. Schon jetzt ist der Durchgangsverkehr deutlich weniger geworden. Zudem wurden einige Parkplätze durch Sitzgelegenheiten und Bäume ersetzt. Das Ziel ist mehr Lebensqualität und mehr Grün auf der Straße.
Am Dienstag, 4. Juni, wird das Ganze offiziell eröffnet. Dann kommt der Stuttgarter Bau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne) in die Augustenstraße und enthüllt ein Banner. Doch schon vor diesem Termin kam Winfried Hermann vorbei.
Echte Aufwertung oder nur ein Parkplatzverlust?
Hermann lobte unter anderem die Farbgebung: Auf den Kreuzungen sowie an den Stellen, wo man sein Fahrrad oder Roller abstellen kann, wurde türkis-blaue Farbe auf den Asphalt gepinselt. „Im Silicon Valley sind Radwege in dieser Farbe gekennzeichnet“, sagte er. Er konnte zudem aus Barcelona berichten, wo es solche Superblocks schon länger und in viel größerem Umfang gibt: „Dort werden die Straßen teilweise komplett umgebaut, mitten auf einer Kreuzung ist ein Schachbrett oder Spielplatz.“ Allerdings hätten die Menschen dort auch weniger Autos und stattdessen Zweiräder aller Art, räumte er ein.
Beim Superblock im Stuttgarter Westen halte er es für entscheidend, dass es zu einer spürbaren Aufwertung und Steigerung der Lebensqualität komme – und dass sich nicht der Duktus verbreite: ‚Jetzt haben sie uns mal wieder Parkplätze weggenommen.‘
Zuletzt viel Kritik an dem Verkehrsversuch
In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Kritik an dem Verkehrsversuch: Vor allem Gewerbetreibende kritisierten, dass dadurch Kunden ausblieben. Die Betreiberinnen der Erotikboutique Frau Blum sagten sogar, dass die Verkehrsberuhigung im Viertel ein Grund für ihren Auszug sei – weg aus der Augustenstraße.
In Stuttgart sei es bislang schwieriger als in anderen Städten, Projekte wie den Superblock umzusetzen, sagt Winfried Hermann: „Ich erlebe die lokale Politik, ja ganze Stadtgesellschaft bisweilen als sehr vorsichtig, es ist oftmals mühselig, hier Innovationen durchzusetzen.“ Er riet dazu, sich weiterhin die Mühe zu machen, einen Konsens zu finden: „Hier wohnen nicht nur Leute, die das toll finden.“
Während manche es begrüßen würden, wenn sie anstatt Verkehrsgeräuschen nun Menschen hören würden, wollten andere genau das nicht. Doch der Vorteil bei einem Verkehrsversuch sei ja, dass es erst mal ein Probelauf ist, bei dem auch noch Korrekturen und Anpassungen möglich sind. Nun gehe es darum, die „Köpfe und Herzen der Menschen zu öffnen und für die neue Lebensqualität im Quartier zu gewinnen“.