Verkehrsminister trifft auf Daimler-Chef in Stuttgart „Wir brauchen nicht noch mehr Autoindustrie“

Von Siri Warrlich 

Verkehrsminister Winfried Hermann hat mit Daimler-Chef Ola Källenius in einer Stuttgarter Schule über die Mobilität der Zukunft diskutiert. Staus wollen beide nicht – aber aus unterschiedlichen Gründen.

Daimler-Chef Källenius und Verkehrsminister Winfried Hermann diskutierten in der Turnhalle der Waldschule in Stuttgart-Degerloch. Foto: dpa/Christoph Schmidt
Daimler-Chef Källenius und Verkehrsminister Winfried Hermann diskutierten in der Turnhalle der Waldschule in Stuttgart-Degerloch. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Stuttgart - So sieht sie nicht aus, die Mobilität der Zukunft. Die Straße ist vollgeparkt. Autofahrer kommen immer nur in eine Richtung voran. Weil es keinen Radweg gibt, bremsen zwei Radfahrer die Autos zusätzlich aus. Hat man endlich einen Parkplatz ergattert, ruft schon der nächste durch das herunter gelassene Fenster: „Fahren Sie raus?“ Der übliche Feierabendwahnsinn in Stuttgart. An diesem Abend unterwegs zu „Mobilität: Heute. Morgen. Übermorgen“ – unter diesem Motto haben Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) und Daimler-Chef Ola Källenius am Mittwochabend in der Waldschule in Stuttgart-Degerloch diskutiert.

Großer Andrang – Menschen müssen draußen bleiben

Der Andrang war so groß, dass zahlreiche Menschen nicht mehr eingelassen wurden. Drinnen stieg der Schwede Källenius mit großen Worten ein. Das Auto sei eine fantastische Erfindung, doch „die Nebenwirkung dieser unglaublichen Erfindung ist CO2. Wir müssen diese Erfindung fundamental neu erfinden.“ Das ginge nicht umsonst.

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Daimler muss sparen, so Källenius. Der Druck auf die Zulieferer sei hoch und werde aus seiner Sicht noch steigen. Verkehrsminister Winfried Hermann appellierte dagegen gleich zu Beginn an die Bürger: Die Transformation der Automobilwirtschaft sei das eine, die der Gesellschaft das andere. Wenn der einzelne sein Verhalten nicht ändert, so Hermann, gelinge die Verkehrswende nicht. „Wir alle haben Verantwortung.“

Was muss sich bis 2030 verändern?

Das veranschaulichte der Moderator und ehemalige SWR-Chefredakteur Michael Zeiß ein wenig später in Zahlen: Bis 2030 muss ein Drittel weniger KfZ-Verkehr in den Städten unterwegs sein, der öffentliche Nahverkehr verdoppelt und jedes dritte Auto klimaneutral angetrieben werden. So sieht es Hermanns „Klimaschutzszenario 2030“ vor, um das Ziel der Bundesregierung zu erreichen, bis 2030 im Verkehrssektor rund vierzig Prozent weniger CO2 auszustoßen als noch 1990. Källenius betonte, dass Daimler diese Herausforderung„technologieoffen“ angehen wolle.

Die Brennstoffzelle sei keineswegs tot. Der Wirkungsgrad ist wesentlich geringer als beim Elektroantrieb, die Technologie derzeit teurer. Doch vor allem im LKW-Bereich setze Daimler Hoffnung in die Brennstoffzelle. Der Konkurrent VW will ab 2026 keine Verbrenner mehr entwickeln, den Verkauf um das Jahr 2040 einstellen. Solche klaren Verfallsdaten lehnt Källenius ab. Auch Stadtbusse waren Thema in der Diskussion. Sie werden aus seiner Sicht das erste Mobilitätssegment von allen sein, das komplett CO2-neutral werden wird, so Källenius.

Ist Hermann unzufrieden, dass Tesla nicht ins Ländle kommt?

Im letzten Block ging es um die Rolle von Fahrdienstleistungen. Hier wurde der Unterschied zwischen Hermanns und Källenius’ Sichtweise besonders deutlich. 1,5 Tonnen Gewicht würden benötigt, um im Schnitt etwa 1,5 Menschen zu befördern: Den „ineffizientesten“ Teil der Mobilität überhaupt nennt Hermann das Auto. Darum sei es nicht damit getan, alle Verbrenner durch Elektroautos zu ersetzen. „Dann werden wir dieselben Staus, dieselben Fragen nach der Lebensqualität haben wie jetzt“, sagte Hermann.

Källenius hingegen sieht die Lösung des Problems nicht in erster Linie in weniger Autos – schließlich, so der Daimler-Chef, würden die Pkws der Zukunft miteinander kommunizieren und dadurch der Verkehrsfluss besser werden. An Staus habe auch seine Firma kein Interesse. „Wenn das Kundenerlebnis nicht gut ist, haben wir auch nichts davon“, sagte Källenius.

Die letzte Frage des Moderators an diesem Abend: Ist der Verkehrsminister unzufrieden, dass Tesla seine Gigafabrik in Brandenburg baut und nicht im Ländle? Hermann winkt ab. Die Region hänge ohnehin schon zu einseitig an diesem Industriezweig. „Wir brauchen nicht noch mehr Automobilindustrie“, so Hermann.