Verkehrsplaner bilanzieren Wie geht es weiter mit dem Pop-up-Radweg in Kaltental?

Sicherheitsabstand: Radler haben in Kaltental eine eigene Bahn zur Verfügung Foto: Torsten Schöll

Verkehrsplaner positionieren sich bereits zugunsten des Radwegs in Kaltental, der die Sicherheit für Radler verbessern sollte. Das hat im Bezirksbeirat Ärger verursacht – denn eine abschließende Befragung aller Beteiligten steht noch aus.

Was mit dem umstrittenen Pop-up-Radweg in Kaltental passiert, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden. Die Stadt plant im November eine abschließende Evaluation des zweijährigen Versuchs, bei der Auto- und Radfahrer, Anwohner und Gewerbetreibende vor Ort befragt werden sollen. Für die Verkehrsplaner der Stadtverwaltung steht allerdings schon jetzt fest, dass die Schutzstreifen in der Böblinger Straße ihr Hauptziel, die Sicherheit der Radfahrer zu verbessern, erfüllt haben.

 

Seit Sommer 2022 gibt es den Pop-up-Radweg zwischen den U-Bahn-Haltstellen Waldeck und Kaltental. 600 Meter lang, 25 Höhenmeter Gefälle, beidseitig der Straße. Rund 2000 Radfahrer nutzen, laut Verkehrsplaner, an dieser Stelle täglich die Hauptradroute 1. An Spitzentagen sind es noch mehr. Rund 100 Parkplätze fielen seinerzeit für die Einrichtung der beiden Schutzstreifen weg.

Fahrräder konnten nicht legal überholt werden

Hintergrund der Maßnahme war im Wesentlichen die Novellierung der Straßenverkehrsordnung im Jahr 2020, wonach Fahrradfahrer nur noch mit einem Mindestabstand von 1,50 Meter überholt werden dürfen. So, wie es bis dahin in Kaltental war, also mit Parkplätzen am Straßenrand, schmalem Radschutzstreifen und der einspurigen Fahrbahn, die durch die U-Bahn-Trasse begrenzt ist, war damit legales Überholen von Fahrrädern schlichtweg nicht mehr möglich.

Die Folgen waren abzusehen: Das aus der Gesetzesänderung resultierende faktische Überholverbot von Radfahrern in der Böblinger Straße wurde nach entsprechenden Messungen zu 90 Prozent von den Autofahrern missachtet. Der Abstand zwischen motorisierten Fahrzeugen und Radfahrern lag beim Überholvorgang auf dem Straßenabschnitt bei durchschnittlich 75 Zentimetern. Vor allem für die Radfahrer brandgefährlich.

Die Situation nach zwei Jahren soll evaluiert werden

Das hat sich nach der Einrichtung des neuen Schutzstreifens ohne parkende Autos gründlich geändert, wie der Radverkehrsplaner Robin Oeden von der Abteilung Verkehrsplanung der Stadt kürzlich im Bezirksbeirat Süd belegte. Nach einer Erhebung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) beträgt in dem Straßenabschnitt aktuell der durchschnittliche Abstand beim Überholen 2,40 Meter. „Die Verbesserung der Sicherheit der Radfahrer können wir jetzt schon feststellen“, bilanziert Oeden.

Gleichwohl soll nun noch einmal evaluiert werden, wie sich die Situation nach zwei Jahren für alle Betroffenen im Stadtteil zeigt. Dazu sollen ab November, so die Verkehrsplaner, sowohl Radfahrer als auch Anwohner, Gewerbetreibende und Autofahrer befragt werden. Zum Teil direkt vor Ort, zum Teil über das Onlineportal meinestadt.de. Zudem würden auch Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei, ADFC und Verkehrsüberwachung um Stellungnahmen gebeten. Im Zuge der Einrichtung des Pop-up-Radwegs und des Wegfalls der Parkplätze war es zu massiven Protesten von Kaltentaler Anwohnern und Gewerbetreibenden gekommen.

Radverkehrsplaner irritiert mit seiner Aussage

Die weitere Aussage des Radverkehrsplaners, dass es aufgrund des bereits festgestellten positiven Effekts des Radwegs auf die Sicherheit der Radfahrer der Stadtverwaltung jetzt „nicht mehr grundsätzlich darum geht, den Radfahrstreifen auf den Prüfstand zu stellen“, hat im Bezirksbeirat dann freilich selbst bei Befürwortern erhebliche Irritationen ausgelöst. Zumal, wie Oeden betont, die Evaluation dazu dienen solle, „Verbesserungspotenzial zu identifizieren und für künftige Vorhaben zu lernen“.

Raiko Grieb zeigte sich in seiner letzten Sitzung als Bezirksvorsteher von Stuttgart-Süd verärgert über das Verfahren und betonte, die Stadt müsse die Antworten abwarten, bevor sie sich positioniert. „Sonst ist es, wie viele befürchtet haben: Die Stadt will den Pop-up-Radweg, und man werde nicht ehrlich gehört.“ Auch Bezirksbeirat Reinhard Otter (Grüne) kritisierte in diesem Sinne das Verfahren und die vorschnelle Positionierung der Verwaltung: „Auch als Befürworter des Radwegs erwarten wir mit Spannung das Ergebnis der Befragung. Als Demokrat muss man anerkennen, dass dieses Ergebnis offen ist“, sagte Otter. Rainer Wallisch von der Abteilung Verkehrsplanung der Stadt Stuttgart sah sich angesichts der Kritik veranlasst klarzustellen, dass die Verwaltung „Stand heute“ den Radweg befürwortet. Es sei aber noch nichts entschieden.

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