InterviewVerkehrsplaner Stephan Oehler „Radfahren kann man hier guten Gewissens“

Von Georg Friedel 

Der städtische Verkehrsplaner Stephan Oehler hält die Kritik der örtlichen Fahrrad-Initiative in einigen Punkten für überzogen und setzt zur Gegenrede an.

Zum Interview in den Räumen der Nord-Rundschau kommt   Stephan Oehler in voller Radlermontur. Er  fährt   regelmäßig     vom Wohnort Zuffenhausen zum Arbeitsplatz  in die Innenstadt. Foto: Georg Friedel
Zum Interview in den Räumen der Nord-Rundschau kommt Stephan Oehler in voller Radlermontur. Er fährt regelmäßig vom Wohnort Zuffenhausen zum Arbeitsplatz in die Innenstadt. Foto: Georg Friedel

Zuffenhausen - Stephan Oehler ist passionierter Radfahrer. Die zuletzt von der „Fahr-Rad! Offensive Zuffenhausen“ in der Nord-Rundschau geäußerte Kritik sei zwar in vielen Punkten richtig, aber die städtische Verkehrsplanung dafür verantwortlich zu machen und ihr den schwarzen Peter zuzuspielen, sei der falsche Ansatz: „Es gab in dem Bericht ein paar Aussagen, die mich granatenmäßig gestört haben“, sagt der stellvertretende Leiter des Amtes für Stadtplanung und Wohnen. Geärgert hat ihn zum Beispiel die Botschaft, man könne hier im Stadtbezirk nicht guten Gewissens Fahrrad fahren. Deshalb setzt der städtische Verkehrsplaner jetzt im Interview zur Gegenrede an.

Herr Oehler, Sie fahren selbst viel Rad und sind auch regelmäßig in Zuffenhausen unterwegs. Können Sie guten Gewissens empfehlen, hier Fahrrad zu fahren?

Selbstverständlich, wir haben ein Tempo-30-Zonen-Netz, das man gut nutzen kann. Ich fahre nicht nur auf den Hauptstraßen, sondern benutze auch Parallelwege, die es ja durchaus gibt. Außerdem fahre ich regelmäßig von Zuffenhausen in die Innenstadt zu meinem Arbeitsplatz im Amt für Stadtplanung und Wohnen. Das ist eine wirklich schöne Strecke.

Jetzt übertreiben Sie aber, was die Ästhetik der Strecke angeht.

Wieso? Man fährt vom Kelterplatz aus entlang der Krailenshalde und am TÜV vorbei. Anschließend kommt eine kurze Durststrecke an der Heilbronner Straße entlang und dann geht es ab dem Pragsattel komplett durch den Park bis in die Innenstadt. Das ist wirklich ein wunderbarer Weg für Radfahrer.

Dennoch fühlen sich offenbar Radfahrer zumindest auf einigen Straßen hier im Stadtbezirk unsicher. Können Sie das verstehen?

Sicherlich, die Kritik ist nachvollziehbar. Es gibt einfach Strecken, die für Radfahrer mehr oder weniger komfortabel sind, was sich auf das Sicherheitsgefühl auswirkt.

Wo besteht Handlungsbedarf?

An vielen Stellen, auf der Strohgäustraße müssen wir zum Beispiel noch etwas für die Radfahrer machen. Es ist sicherlich auch in der Gesamtstadt noch einiges zu tun, dies streite ich gar nicht ab. Allerdings basieren solche Einzelmaßnahmen immer auch auf einem politischen Abwägungsprozess. Denn die Straßenräume sind ja speziell hier in Stuttgart sehr begrenzt. Wenn man diese neu ordnet, kann das in manchen Fällen nur auf der Basis einer verkehrspolitischen Entscheidung erfolgen. Wir machen hier im Amt die Radverkehrsplanung und nicht die Radverkehrspolitik. Ich habe das Gefühl, das wird vielleicht von manchen bewusst oder unbewusst immer mal wieder durcheinandergebracht.

Jüngst wurden die Ergebnisse einer Befragung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) präsentiert. Auch dort schneidet Stuttgart schlecht ab, zum Beispiel beim Thema Ampelschaltungen für Radfahrer.

Das ist eine Abwägung von Interessen. Die Ampelschaltung orientiert sich daran, wem man den Vorrang einräumt. Das ist bei uns zunächst der Öffentliche Personennahverkehr.

Die hiesige Fahrrad-Offensive bemängelt und kritisiert auch, dass im Stadtbezirk kaum Einbahnstraßen für Radler in beide Richtungen geöffnet werden. Woran hakt es?

Das ist tatsächlich ein offener Auftrag. Fakt ist, dass die Straßenverkehrsbehörde leider seit Jahren personell unterbesetzt ist. Deshalb ist der Vorwurf berechtigt.

Was stört Sie dann, Herr Oehler, so an den Aussagen in dem Zeitungsbericht?

Zunächst hat mich die Botschaft, dass man in Zuffenhausen „nicht guten Gewissens“ Rad fahren kann, schon sehr verwundert. Dieser Appell von Pfarrer Dieter Kümmel ist meiner Meinung nach kontraproduktiv.

Warum eigentlich? Er warnt damit ja auch vor möglichen Gefahren.

Das schon, aber wir gewöhnen uns ja gerade daran, dass das Fahrrad zu einem alltäglichen Verkehrsmittel wird und sollten deshalb den Radfahrer auch mehr in den Blick des Verkehrsgeschehens nehmen. Das tut dem Thema und der Sicherheit der Radfahrer gut. Deshalb hat mich der Appell gestört.

Trotzdem muss ich eine Lanze für die Kritiker brechen: Wer die Unterländer Straße hochfährt, der muss wirklich hellwach sein und braucht auch gute Nerven.

Das kann ich verstehen. Aber es gibt natürlich auch hier Alternativstrecken. Ich fahre öfters die Markgröninger Straße.

Hat man damals bei der Planung der Unterländer Straße die Radfahrer vergessen?

Die Diskussion um den Bau der Stadtbahn ist jetzt 15 Jahre her. Damals war das Hauptthema, die Unterländer Straße zu begrünen und breite Gehwege zu schaffen. Darauf lag der absolute Fokus. Diese Historie bitte ich bei dem Thema zu bedenken.

Und wie würde man heute dort planen?

Heute würde man überlegen, ob zumindest vom Emil-Schuler-Platz hoch bis zur Besigheimer Straße etwas für die Radfahrer geschaffen werden könnte. Denkbar wäre in dem Bereich ein Fahrradstreifen oder sogar ein Radweg, wenn man dafür Bäume und Parkplätze infrage gestellt hätte. Damals ging es aber darum, mehr Aufenthaltsqualität an der Unterländer Straße zu schaffen. Ich denke heute würde man das anders diskutieren und die Verwaltung würde auch Vorschläge in diese Richtung machen.

So wie für die Zahn-Nopper-Straße?

Genau, damals hat der Bezirksbeirat ganz klar gesagt, wir verzichten auf die dortigen Parkplätze zugunsten des Radverkehrs. Auch auf der Stammheimer Straße entsteht jetzt ein Radverkehrsangebot.

Allerdings wird es eine Unterbrechung des Fahrradschutzstreifens im Bereich der Unterführung Unterländer Straße geben: Warum eigentlich?

Es gab einen Unfall außerhalb von Stuttgart. Dort hat ein Fahrer eines Sattelzuges in einer vergleichbaren Kurveneinfahrt wegen des toten Winkels nicht mehr den Fahrradfahrer im Seiten- und Rückspiegel gesehen. Der Sattelzug ragte im Anhängerbereich bis in den Fahrradschutzstreifen hinein. Eine vergleichbares Gefahrenpotenzial besteht auch an besagter Stelle in Zuffenhausen. Deshalb wurde der Schutzstreifen dort aufgehoben.

Und wo sollen die Radfahrer nun fahren?

Wer sich dort nicht sicher fühlt, wird auf den Gehweg ausweichen.

Der Fall zeigt aber auch, dass das oft zitierte Radwegenetz bisher eher ein Stückwerk bleibt. Oder wie sehen Sie das?

Ich kann nicht behaupten, dass wir jetzt schon ein gutes Fahrradwegenetz in Stuttgart haben. Aber wir arbeiten konsequent die Hauptstadtrouten für Radfahrer ab, diese werden wir auch in allen Stadtbezirken nacheinander umsetzen. Hinzu kommt: Natürlich erledigen wir auch Fahrradmaßnahmen im Windschatten von größeren Straßenbaumaßnahmen. Es wäre völlig kontraproduktiv, dieses zu unterlassen. Dadurch entsteht vielleicht der geschilderte Eindruck, es sei Stückwerk.

Sitzt man als Radverkehrsplaner oft zwischen den Stühlen?

Richtig ist, dass du ständig von verschiedenen Seiten angegriffen wirst: Und zwar von denen, denen deine Planung nicht weit genug geht und von denen, die deine Pläne für zu weitgehend halten. Die Autofahrer haben das Gefühl, sie stehen nur noch im Stau, auch weil andere Gruppen im Straßenverkehr aus ihrer Sicht zunehmend mehr Platz bekommen und bevorzugt werden. Die Vertreter der Radfahrerlobby greifen dich ebenfalls an, weil sie das Gefühl haben, es geht nicht schnell genug mit den Radwegen und kritisieren, dass die Stadt Stuttgart zu sehr die Interessen des motorisierten Individualverkehrs unterstützt.

Und wo ist die Ausfahrt aus der Sackgasse?

Ständig nur zu jammern, dass zu wenig passiert, bringt nichts. Wir sollten gemeinsam an dem Thema Radfahren arbeiten und versuchen, möglichst viel im gemeinsamen Konsens zu erreichen.

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