Im Kreisverkehr an der Römerstraße in Leonberg häufen sich Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern. Foto: Simon Granville
Immer wieder verletzten sich Radfahrer oder Fußgänger in Leonberg und Umgebung. Welche Rolle Zebrastreifen und Kreisverkehre dabei spielen – und welche Maßnahmen der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club und Gemeinderäte fordern.
Ob im Kreisverkehr, auf dem Radweg oder am Zebrastreifen: Mehr als 400 Fußgänger und mindestens 900 Radfahrer wurden in den vergangenen acht Jahren in Leonberg und Umgebung verletzt – mindestens sieben davon tödlich. Davon ereigneten sich mehr als 100 Radfahrunfälle und rund 50 Unfälle mit Fußgängern allein im vergangenen Jahr.
Die Daten des Statistischen Landesamts aus den Jahren 2016 bis 2023 zeigen recht genau, wo die Gefahrenstellen liegen.
Auffällig: Römerstraße in Leonberg
Radunfälle ereignen sich im Leonberger Altkreis oft im Bereich von Kreuzungen, an Kreisverkehren oder aber außerorts. Innerorts sind dabei häufig Autos am Unfall beteiligt. Seit 2016 ist vor allem die Römerstraße in Leonberg als Radfahrer-Engstelle auszumachen. Auch die Kreuzungen zur Bahnhofstraße und der Kreisverkehr auf Höhe der Steinbeiss- und Poststraße fallen dabei mit besonders vielen Unfällen auf – wie die folgende Karte zeigt:
Ist der Mischverkehr das Problem?
Der Grünen-Gemeinderat Bernd Murschel setzt sich in Leonberg in Sachen Verkehr ein. Spricht man mit ihm über die Unfälle an der Römerstraße, verweist er auf den sogenannten Mischverkehr – also das Nebeneinander von Autos, Radfahrerinnen und Fußgängern. „Dort geht die Übersichtlichkeit zudem verloren, weil so vieles zusammenkommt mit Läden, Einfahrten, Parkplätzen und Kreuzungen.“
An der Römerstraße in Leonberg sind zahlreiche kleine Läden, Cafés sowie Lebensmittelmärkte. Foto: Chiara Sterk
„Entgegen der Vermutung, dass lange, gerade Straßen besonders sicher sind, laden sie eher zum zügigeren Fahren ein“, fügt Volker Gardain vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) im Strohgäu hinzu. Bei der gegebenen Verkehrsdichte in der Leonberger Römerstraße halte er es sinniger, die Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde zu reduzieren – beispielsweise auf 30.
Kreuzungen müsse man zudem so gestalten, dass man gezwungen sei, langsamer um die Kurve zu fahren. „Das geht zum Beispiel, indem man die Gehwege ein Stück weiter in den Kreuzungsbereich vorzieht oder Verkehrsinseln baut“, erklärt Stefan Frank vom Gerlinger ADFC.
Hinzukomme, dass der Radweg an der Römerstraße recht schmal sei und nicht durchgehend verlaufe, bemängelt Gardain. Das verlange den Radfahrern viel ab: „Ich muss mich dann immer an neue Gegebenheiten gewöhnen und entsprechend reagieren.“
Fahren Radfahrer an der Römerstraße neben Fußgängern, wird es teilweise ganz schön eng. Foto: Chiara Sterk
Die fehlende zusammenhängende Radinfrastruktur fehle auch in Ditzingen, bemängelt Simone Rathfelder, die dort für die Grünen im Gemeinderat sitzt. Auch sie setzt sich für Verkehrspolitik ein. „Es wird nicht geleitet, dadurch sucht sich jeder seinen Weg.“ Um mehr Leute aufs Rad und die Straße zu bewegen, brauche es ein attraktives Radstraßennetz, betont sie.
Gefahrenstelle Kreisverkehr
Dort knallt es besonders oft im Kreisverkehr bei der Feuerwehr an der Münchinger Straße oder im Kreisverkehr an der Calwer Straße, wenn sie in die Stuttgarter Straße übergeht. Auch der Kreisverkehr an der Leonberger Römerstraße, der in die Post- und Steinbeisstraße mündet, fällt auf: Grünen-Gemeinderat Murschel sieht dort das Problem, dass die Römerstraße stadtauswärts kommend ansteige: „Dadurch beschleunigen die Autofahrer, wobei der Kreisverkehr ohnehin schlecht einsehbar ist.“
Am Kreisverkehr an der Römerstraße zur Post- und Steinbeissstraße passieren viele Radunfälle. Foto: Chiara Sterk
Der ADFC plädiert deshalb dort für niedrigere Geschwindigkeiten – und, „dass Radfahrer ein gutes Stück vor dem Kreisverkehr auf die Fahrbahn geleitet werden.“ So würden die Radfahrer mehr als Teil des Kreisverkehrs wahrgenommen werden und dadurch fahren Autos eher hinter statt neben ihnen. Das sei besonders wichtig, weil Autos gerade in Kreisverkehren mehr auf andere Autos achten würden als auf Radfahrer.
„Es gibt außerdem keine gute Lösung zum Abbiegen von der Römerstraße stadtauswärts kommend in die Bahnhofstraße“, sagt Gardain vom ADFC. Dort führt der bei Pendlern und Ausflüglern beliebte Glemstalradweg über die Straße In der Au am Bauhof vorbei und über die Gebersheimer Straße – und verbindet so den Westen des Altkreises mit dem Osten.
Kommt man von auswärts, ist es für Radfahrer nicht so einfach auf der Römerstraße in die Bahnhofstraße abzubiegen. Foto: Chiara Sterk
Doch weil es dort stadtauswärts kommend einen hohen Bordstein und darauf einen benutzungspflichtigen Radweg gebe, sei das Abbiegen nach links dort gar nicht so einfach: „Es fehlt an einer Bordsteinabsenkung und eine markierte Ausleitung, um nach links in die Bahnhofstraße abbiegen zu können.“
Im Kreuzungsbereich der Bahnhofstraße mit der Römerstraße verletzen sich immer wieder Radfahrer, ebenso an den Kreuzungen mit der Lindenstraße oder der Rutesheimer Straße – wie die folgende Karte zeigt:
Die Engstelle an der Kreuzung Bahnhofstraße und Rutesheimer Straße werde sich noch verschärfen, vermutet Murschel – wegen des geplanten Post-Areals weiter südlich.
Die Kreuzung an der Bahnhofstraße/Rutesheimer Straße ist nicht so gut einsehbar – auch wegen der Bäume, die rechts Richtung Innenstadt stehen. Foto: Chiara Sterk
„Mit der Erschließung des Post-Areals muss man den Verkehr in der Bahnhofstraße regeln“, sagt Murschel. „Die Zufahrt über die Eltinger Straße reicht nicht aus.“
Schlechter Radweg?
Weitere Radunfälle passieren auf der Verbindungsstraße zwischen Gerlingen und Ditzingen, wie die Karte zeigt:
„Der Radweg von Ditzingen nach Gerlingen ist besonders schlecht“, sagt Stefan Frank vom Gerlinger ADFC. Er sei zu schmal und es gebe dort viele Unebenheiten, die vor allem bei Dunkelheit zur Gefahr werden. Sie bemängeln zudem, dass der Weg von Ditzingen schlecht zu erreichen sei und die Einmündung am Hausener Weg kurz vor Ditzingen sehr unübersichtlich sei.
Der Radweg von Gerlingen nach Ditzingen ist schmal und immer wieder sind Schlaglöcher zu sehen. Foto: Chiara Sterk
Mehr als zehn Radfahrer haben sich dort seit 2016 verletzt. Meist passieren die Unfälle in den Morgenstunden oder abends – und lassen daher vermuten, dass pendelnde Radfahrer, die bei Trumpf, Thales oder Bürger arbeiten, auf die Straße ausweichen.
Das Problem mit den Zebrastreifen
Entlang der Römerstraße in Leonberg ist es auch für Fußgänger besonders gefährlich. Anders als die Radfahrer werden Fußgänger überwiegend in der Nähe der Zebrastreifen verletzt, zum Beispiel beim Albert-Schweitzer-Gymnasium oder weiter Richtung Park bei der Volksbank – und meist tagsüber, zum Beispiel am Vormittag, wenn die Schule aus ist oder die Schülerinnen und Schüler Mittagspause haben.
„Wir diskutieren öfter im Gemeinderat, dass Zebrastreifen ein falsches Gefühl von Sicherheit erzeugen“, sagt Murschel und verweist auf den Fußgängerüberweg an der Bushaltestelle beim Albert-Schweitzer-Gymnasium. Oftmals hielten Autos zudem nicht an, wenn Radfahrer über den Zebrastreifen fahren.
Auch in Rutesheim entlang der Pforzheimer Straße, an der Renninger Bahnhofstraße oder an der Hauptstraße in Gerlingen ereignen sich Fußgängerunfälle oft in der Nähe von Überwegen:
Gardain kritisiert, dass an Zebrastreifen geltendes Recht oft nicht durchgesetzt werde. „Man kümmert sich immer nur um mehr Beleuchtung und Beschilderung, statt es zu ahnden, wenn Autos nicht anhalten.“ Er fordert zudem, dass es mehr Fußgängerüberwege an Orten brauche, an denen die Menschen natürlich über die Straße gehen. Wie zum Beispiel in der Ortsmitte in Gerlingen, an der Hauptstraße auf Höhe des Rathauses:
Im Gerlinger Ortskern gibt es viele Kreuzungen mit mehreren Zebrastreifen. Foto: Chiara Sterk
„Es gibt auf dem direkten Weg zwischen Rathausplatz und der Kirchstraße neben der Bushaltestelle keinen Zebrastreifen – sodass die meisten abkürzen“, sagt er. „Wenn man zu Fuß und ohnehin am langsamsten ist, macht man ungern Umwege.“ Fußgänger könne man schlechter steuern als Autofahrer. „Wenn man die Überwege nicht an natürlichen Überquerungsstellen anlegt, werden sie nicht genutzt.“
Der ADFC geht noch weiter: „Wir sind dafür, die verschiedenen Verkehrsarten voneinander zu trennen“, sagt Gardain. Das bedeute, dass man Hauptrouten für Radfahrer und Autofahrer definiere. In Gerlingen könnte das zum Beispiel heißen, dass für Radfahrer etwa die Schillerstraße als Fahrradstraße ohne Kfz-Durchgangsverkehr gestaltet wird, während Autofahrer die Weilimdorfer Straße und Ditzinger Straße entlangfahren.
Polizei: „Keine Unfallschwerpunkte“
Die Unfälle sind der Polizei bekannt, aber Unfallschwerpunkte sieht sie dort keine. Die Polizei spricht erst von einem Unfallschwerpunkt, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Etwa müssen an einer Stelle entweder innerhalb von drei Jahren fünf Personenverletzt werden, in drei aufeinanderfolgenden Jahren mindestens drei Personen an einem Ort schwer verletzt werden oder fünfmal ein Unfall der gleichen Art, wie etwa Unfälle beim Abbiegen, passieren.
Daten Die Unfalldaten stammen vom Statistischen Landesamt, das diese von der Polizei bekommt. Die Daten liegen von 2016 bis einschließlich 2023 vor und enthalten Verkehrsunfälle, bei denen Personen verletzt wurden. Dabei ist jeweils die schwerste Unfallfolge entscheidend. Die Unfälle wurden anhand von Koordinaten plausibilisiert.
Verletzungsart Unter leicht verletzt werden Personen verstanden, die nach einer Behandlung weniger als 24 Stunden im Krankenhaus bleiben müssen, unter Schwerverletzten solche, die mehr als 24 Stunden im Krankenhaus bleiben mussten.