Stuttgart - Der Zuspruch für die Grünen ist nach dem Erfolg bei der Europawahl riesig. In Umfragen liegen sie vor der Union, die Fridays-for-Future-Bewegung gibt ihnen zusätzlich Auftrieb. Doch die großen Erwartungen setzen die Partei auch unter Erfolgsdruck, gerade beim Klimaschutz, einem der entscheidenden Themen bei der zurückliegenden Wahl. „Wir müssen jetzt liefern“, sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). „Alle anderen aber auch.“ Nisha Toussaint-Teachout, Mitorganisatorin der Stuttgarter Fridays- for-Future-Demonstrationen, sagte unserer Zeitung: „Wenn wir jetzt nichts machen, werden unsere Kinder keine lebenswerte Erde mehr vorfinden.“
Dass das Abbremsen des Klimawandels erhebliche Anstrengungen und womöglich unpopuläre Entscheidungen erfordert, zeigt eine Projektion des Stuttgarter Verkehrsministeriums. Darin wird untersucht, was geschehen muss, um das Klimaschutzziel der Bundesregierung zu erreichen. Demnach sollen die Kohlendioxidemissionen im Verkehrssektor im Jahr 2030 um vierzig Prozent niedriger sein als im Jahr 1990.
Verdoppelung des öffentlichen Verkehrs
Um dies zu erreichen, ist eine Verdoppelung des öffentlichen Verkehrs in Baden-Württemberg erforderlich, was einen markanten Ausbau der Schieneninfrastruktur nötig macht. Dazu zählen die Elektrifizierung von Südbahn und Hochrheinbahn sowie der Ausbau der Gäubahn – solche Projekte müssen allerdings deutlich zügiger vorangetrieben werden als in der Vergangenheit. 500 Kilometer staufreie Schnellbuslinien legt das Verkehrsministerium seiner Projektion zugrunde. Darüber hinaus ermöglichen tausend Mobilitätsstationen einen möglichst bequemen Umstieg von Bahn und Bus auf die dort zugänglichen Leihfahrräder oder Carsharing-Fahrzeuge.
Nach dem Szenario des Verkehrsministeriums fährt bei Einhaltung des Klimaziels im Jahr 2030 jedes dritte Auto klimaneutral, also elektrisch mit Ökostrom, mit Brennstoffelle oder mit synthetischem Kraftstoff. Das sind dann mehr als zwei Millionen Personenwagen. Für die Elektroautos gibt es eine Millionen Ladepunkte – entweder öffentlich oder privat in der Garage. 50 000 Lastwagen und 90 Prozent der Busse fahren klimaneutral. Der Verkehr in den Städten sinkt um ein Drittel. Um dies zu gewährleisten, verteuern die Kommunen zum Beispiel die Parkplätze und reduzieren deren Zahl. Außerdem muss im Güterverkehr jede dritte Tonne klimaneutral transportiert werden. Und es sollte, da ist jeder Einzelne gefragt, jeder zweite Weg zu Fuß oder mit dem Rad bewältigt werden.
Für den Radverkehr werden 20 Schnellwege gebaut, der erste wurde gerade zwischen Böblingen und Stuttgart freigegeben. 500 verkehrsberuhigte Stadtmitten, die nur im Schritttempo oder mit maximal 20 Stundenkilometern befahren werden dürfen, machen die Stadt- und Ortskerne attraktiver.
Die drei Autoländer Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bayern wollen gemeinsam den ökologischen Umbau der Autobranche schneller voranbringen – und werfen dem Bund Bummelei vor. „Zu viel Zeit wurde auf Bundesebene schon verspielt und zu viele Ziele wurden verfehlt“, hieß es in einem Papier, das die Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne), Stephan Weil (SPD) und Markus Söder (CSU) am Freitag gemeinsam in Berlin vorstellten.
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