Verlagsbranche Rettendes Ufer für Suhrkamp?

Blick über den Wannsee beim Sommerfest des Literarischen Colloquiums Berlin Foto: IMAGO/IPON/IMAGO/IMAGO

Mit einem spektakulären Eigentümerwechsel geht Deutschlands traditionsreichster Verlag neuen Zeiten entgegen. Der Hamburger Unternehmer Dirk Möhrle kommt aus einer Baumarkt-Dynastie – nun investiert er in kulturelles Kapital.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Auf einem jener schönen Bände der Bibliothek Suhrkamp, die den Mythos dieses Verlages befeuern, ist ein – wohl fälschlicherweise – Gustav Mahler zugeschriebenes Zitat zu lesen: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Vielleicht behält man es im Hinterkopf, schwer zu sagen, welche Bedeutung es angesichts der jüngsten Entwicklungen im Hause Suhrkamp annimmt. Kaum sind die letzten Weihrauchschwaden verzogen, die Reden verklungen, die das Erbe des Verlegerheros Siegfried Unseld anlässlich dessen 100. Geburtstag beschworen haben, und schon endet die mit seinem Namen verbundene Verlagshistorie in einem spektakulären Eigentümerwechsel.

 

Normalerweise beginnen die Mails aus Berlin mit den Worten: „Der Suhrkamp Verlag freut sich“, und dann wird zumeist ein prominenter Preis für eine Autorin oder einen Autor des Hauses verkündet.

Doch nun gelangte unter dem trockenen Betreff „Pressemitteilung“ eine Nachricht in die Postfächer der Redaktionen, die im Hinblick auf Freude oder Besorgnis offenbar einen breiten Interpretationsspielraum zulässt. „Die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, unter dem Vorsitz von Ulla Unseld-Berkéwicz, und die Familie Ströher werden sich zum 31.10.2024 als Aktionäre der Suhrkamp Verlag AG zurückziehen“, hieß es in dürren Worten. Neuer Alleininhaber werde der Hamburger Investor Dirk Möhrle, der Vorstand der Suhrkamp Verlag AG, mit Jonathan Landgrebe als Verleger, bleibe von den Veränderungen unberührt.

Befreiungsschlag oder Notsignal

Ulla Unseld-Berkéwicz, Dirk Möhrle, Jonathan Landgrebe (von li.) Foto: dpa/Imago/Suhrkamp

Die FAZ wertete die neuen Umstände als „Befreiungsschlag“, „Suhrkamp in Not“ titelte dagegen die „Süddeutsche Zeitung“, und hat recherchiert, dass im Jahr 2022 erstmals ein Verlust 270 000 Euro eingefahren worden sei, Möhrle, damals noch mit 39 Prozent beteiligt, habe zudem für das Geschäftsjahr 2021 Landgrebe die Entlastung verweigert. Als vor einigen Monaten die Nachricht die Runde machte, dass in Frankfurt die Unseld-Villa in der Klettenbergstraße verkauft werde, wo bis zuletzt während der Buchmesse die legendären Kritikerempfänge stattfanden, wurde das in erster Linie als ideeller Verlust verbucht. Mittlerweile deutet vieles darauf hin, dass mit dem Erlös von vier Millionen höchst materielle Verluste zu decken waren, möglicherweise auch solche, die mit dem kostspieligen Verlagssitz in Berlin zu tun haben.

An dieser Stelle ist es Zeit für einen kleinen Exkurs. Nach dem Tod Siegfried Unselds 2002 trat seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz, bis dahin Vorsitzende der Familienstiftung, die bei Suhrkamp Mehrheitsgesellschafter war, in das operative Geschäft ein. Dem vorausgegangen waren turbulente Diadochenkämpfe, in deren Gefolge nicht nur die von Unseld vorgesehenen Kronprinzen, sondern auch eine Reihe wichtiger Autoren das Haus verließen, darunter Martin Walser und Daniel Kehlmann. Namen, die einem Verlag schwarze Zahlen garantieren können.

Zu denen, die mit der neuen Leitung nicht zurechtkamen, gehörte auch der Schweizer Unternehmer Andreas Reinhardt, dessen Familie seit 1950, noch vermittelt durch Hermann Hesse, 29 Prozent der Anteile hielt. Diese verkaufte Reinhardt 2006 an den Hamburger Kunsthändler Hans Barlach. Die Familienstiftung lief dagegen Sturm, weil der Verkauf gegen ihren Willen erfolgt war. Die neuen Minderheitsgesellschafter wiederum revanchierten sich, indem sie die Absetzung von Ulla Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin forderten. Der Kampf war eröffnet.

Seitdem waren sich die Akteure in herzlicher Feindschaft zugetan, woran auch der Umstand nichts änderte, dass Barlach 2010 die Geschäftsführerin bei ihrem Vorhaben unterstützte, den Frankfurter Traditionsverlag nach Berlin umzusiedeln – gegen die Stimme von Siegfried Unselds Sohn Joachim, der seine Anteile von zwanzig Prozent daraufhin zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und an Barlachs Medienholding verkaufte. Prozess folgte auf Prozess: Barlach fühlt sich notorisch übergangen, hinsichtlich seiner betriebswirtschaftlichen Vorstellungen ebenso wie in seinen Renditeerwartungen. Es folgte eine Schlammschlacht, in der der traditionsreiche Verlag zu versinken drohte. Mittels raffinierter juristischer Winkelzüge gelang es 2013 den ungeliebten Teilhaber über eine Scheininsolvenz zu entmachten. Der Verlag wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Barlach, der 39 Prozent der Anteile besaß, verlor die Mitspracherechte und starb ein halbes Jahr später an einer Lungenentzündung in Hamburg.

Alte Feindschaften, neue Bande

Es entbehrt nicht der Ironie, dass es just diese Anteile sind, über die der mit Barlach befreundete Dirk Möhrle bei Suhrkamp eingestiegen ist. Wie er diese Woche in einem Interview mit der FAZ sagte, seien die Aktien das Pfand dafür gewesen, dass er seinem in finanzielle Schwierigkeiten geratenen prozessfreudigen Freund unter die Arme gegriffen habe. Dessen alte Feindschaft scheint er nicht mit übernommen zu haben. Nun hält er 100 Prozent. Er habe nirgendwo Ruinen hinterlassen, sagt Möhrle, was sich mit der Herkunft aus einer Baumarkt-Dynastie auch schlecht vertragen würde.

Sieben Jahre hat der 61-Jährige die von seinem Vater aufgebaute Max-Bahr-Kette geleitet. In Berlin gründete er die Möhrle Group, die mit Investments in Immobilien, Luftfahrt und Medien offenbar so gute Geschäfte macht, dass es sich der Unternehmer leisten kann, das kulturelle Flaggschiff der Verlagsbranche zu übernehmen. Oder zu kapern? Auf jeden Fall zu kapitalisieren. Dirk Möhrle verspricht als Begrüßungsgeschenk eine Einlage aus seinem eigenen Vermögen. Der Geschäftsführung um Jonathan Landgrebe versichert er sein vollstes Vertrauen.

Eingedenk des oben zitierten Mottos, muss Feuer unter dem Dach ja nicht immer nur Schlimmes bedeuten. Abgesehen von den Turbulenzen, die die Branche insgesamt in schwierigen Zeiten umtreiben, steht der Name Suhrkamp unter Landgrebes Leitung immer noch für eine der ersten Adressen der Gegenwartsliteratur, auch wenn andere gerade kurzlebige Bestsellerlisten zuverlässiger bestücken. Dafür trudeln, wenn es um die wirklich großen Dinge geht, in schöner Regelmäßigkeit Suhrkamp-freut-sich-Mails ein: 2022 der Nobelpreis für Annie Ernaux, und seit 2020 scheint der Verlag ein Abonnement für den wichtigsten Deutschen Literaturpreis im Namen Georg Büchners zu besitzen, im November wird er an den Lyriker Oswald Egger verliehen. Die Suhrkamp-Kultur lebt, aber sie hat ihren Preis. Gut wenn jemand bereit ist, dafür zu investieren.

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