Wie fühlt es sich an, wenn man eine Verbrennung hat, sie aber gar nicht sehen kann, weil sie am Hinterkopf liegt? Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich in der Notaufnahme meinen Nacken ganz starr gehalten habe, die Schultern eingezogen, den Kopf nach oben. Ich vergrub mich innerlich in meine rosarote Winterjacke mit dem Fake-Fellkragen an der großen Kapuze. Tränen kullerten mir über die Wangen, während meine Mutter mir tröstend die Hand hielt und wir im Warteraum des Krankenhauses saßen. Sieht die Stelle am Hinterkopf so schlimm aus, wie sie sich anfühlt? Muss ich meine langen Haare abschneiden? Sind sie arg verbrannt?
Es knallt
Während mir diese Fragen durch den Kopf ratterten, blickte mich ein junger Mann an, dem Blut über das Gesicht lief. Trotz der rot glänzenden Blutströme sah er relativ entspannt aus. Wohl, weil er ziemlich betrunken war. „Alles wird gut“, sagte er zu mir. „Schau, ich habe einfach so einen Aschenbecher ins Gesicht gepfeffert bekommen. Einfach so, aus dem Nichts“, blickte er mich ungläubig an. Er konnte es nicht fassen. Als könnte er meine Gedanken lesen, sagte er mir, dass seine Haare wohl auch abrasiert werden müssen.
Wenige Stunden zuvor liefen wir vergnügt mit ein paar Verwandten durch die Innenstadt meiner österreichischen Heimatstadt, es war der Silvesterabend 2001, ich war 13 Jahre alt und alles war aufregend. Es war schon dunkel, wir liefen über den Hauptplatz zum Fluss runter und dann rechts in Richtung Parkplatz, als es plötzlich knallte. Hinter uns liefen ein paar Jungs, die Böller und Raketen zündeten. Sie waren etwa im gleichen Alter wie ich, vielleicht sogar ein wenig jünger. Sie johlten und lachten, warfen laute Böller in die Luft und grinsten. Ich drehte mich ein paarmal um, weil ich ein schlechtes Gefühl hatte. Doch bevor ich mich näher mit meinem unangenehmen Kribbeln beschäftigen konnte, sah ich aus dem Augenwinkel, wie ein funkensprühendes Geschoss auf mich zuraste. Die Rakete flog an meiner Kapuze vorbei und landete in meinem Nacken.
„Alles nicht so schlimm“
Der junge Mann mit dem Aschenbecher-Loch am Haaransatz wischte sich das Blut weg. Er musste nun auch bemerkt haben, dass es bei ihm tropfte. „Alles nicht so schlimm“, lallte er zu mir rüber und zwinkerte mit einem Auge. Dann wurde ich auch schon aufgerufen und ging mit meiner Mutter ins gelb gestrichene Behandlungszimmer. Noch immer hielt ich meinen Nacken steif. Es brannte und stach. Ich müsse nun meine Jacke ausziehen, sagte man mir. Ein Arzt sah sich meinen Nacken an, während eine Pflegerin eine Schere und eine Rasierklinge holte. Die Haare am unteren Haaransatz wurden entfernt, die Brandwunde gereinigt und desinfiziert. Ich bekam ein Pflaster und hielt meinen Nacken so steif, als wäre mein Kopf ein Korken in einem Flaschenhals. Nach wenigen Minuten war es vorbei, und wir konnten gehen.
„Ganz klein, so wie zwei Zehn-Schilling-Münzen“
Ich wollte meine Mutter fragen, wie groß die Verbrennung sei, sie kam mir aber zuvor. „Ganz klein, so wie zwei Zehn-Schilling-Münzen“, sagte sie mir. „Und die Haare wachsen wieder nach – da hinten sieht man das ja auch gar nicht“, versprach sie mir. Beim Verlassen des Behandlungszimmers winkte ich dem jungen Mann mit dem Aschenbecher-Loch verstohlen zu. Ich war noch immer ganz stumm und verschreckt, brachte kein Wort heraus. Ich hoffe, dass seine Haare auch wieder schön nachgewachsen sind und er keine lebenslange Angst vor Aschenbechern davongetragen hat. Ich fürchte mich seither vor Böllern und Raketen, mein Nacken versteift sich, ich suche instinktiv nach Fluchtmöglichkeiten, schlage Haken wie ein Hase, wenn ich Männergruppen mit Feuerzeugen und Böllern hantieren sehe. Aber meine Haare sind schön nachgewachsen.