Am Dienstagmorgen machte eine Reiterin in der Stallgasse des Böblinger Reitvereins in der Tiergartenstraße eine traurige Entdeckung: Die fünfjährige Stute Bella sollte wie gewöhnlich aus der Pferdebox geführt werden, verhielt sich aber auffällig: als habe sie Schmerzen. Daraufhin fiel der Reiterin eine Verletzung an den Genitalien des Pferdes auf, die geschwollen waren und bluteten. „Schnell entstand der Verdacht, dass die Verletzung von einem Menschen verursacht wurde und wir es mit einem Pferdeschänder zu tun haben“, sagt die Pressesprecherin des Reitvereins. Der Verein alarmierte umgehend den Tierarzt, das Veterinäramt des Landkreises sowie die Polizei.
Das Landratsamt erhärtet den Verdacht: „Unsere Veterinäre können bestätigen, dass sie bei einer Stute Verletzungen festgestellt haben, die augenscheinlich durch einen Menschen verursacht wurden“, sagt Kreis-Pressesprecher Benjamin Lutsch. Das Pferd wurde am Dienstagmorgen von einer Tierärztin im Beisein einer Amts-Veterinärin untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass die Stute mit einem langen stumpfen Gegenstand penetriert wurde. „Die Wunden werden versorgt und Bella bekommt Antibiotika“, sagt die Vereinssprecherin.
Videokamera liefert wertvolle Hinweise
In dem Stall stehen derzeit rund 40 Pferde von Privatbesitzern sowie zehn Schulpferde. Die meisten reiten Dressur, es gibt aber auch mehrere Springpferde. Dem Verein kommt zugute, dass er im Sommer dieses Jahres eine Videokamera in dem Stallgebäude angebracht hat, die auch bei Nacht verwertbare Aufnahmen macht. Auf den Aufzeichnungen ist ein Unbekannter zu sehen, wie er am Montag zwischen 22.45 und 23 Uhr in der Stallgasse hantiert und die Box des verletzten Pferdes betritt. Die Person ist dem Aussehen nach männlich und zwischen 25 und 40 Jahren alt. Gleich am Dienstagmorgen alarmierte der Reitverein die Polizei, die umgehend die Ermittlungen aufgenommen hat.
„Wir haben eine heiße Spur“, sagt Polizei-Pressesprecher André Kielneker. Die Kriminalpolizei habe einen Tatverdächtigen im Visier, die Ermittlungen laufen – auch gestützt auf die Auswertung des Videomaterials. Dieses könnte jetzt ganz wesentlich dazu beitragen, den Verdächtigen dingfest zu machen. „Wir haben die Kamera im Sommer installiert, nachdem es an unserem Stall und auf dem Kayserhof in Böblingen verdächtige Vorfälle gab“, sagt die Vereinssprecherin.
Der Kayserhof liegt am südlichen Ortsrand von Böblingen am Grenzweg unterhalb der Herrenberger Straße. Im Frühsommer dieses Jahres machten Reiter dort auffällige Entdeckungen: „Es waren Putzkisten verlegt und in einer Pferdebox stand ein Schemel, der dort nicht hingehört“, sagt der Betreiber Gebhard Kayser. Daraufhin wurde eine Tasche gefunden mit einem Personalausweis darin, die niemand am Stall gehörte. So kam die Polizei einem Verdächtigen auf die Spur, der schließlich wegen Hausfriedensbruch angezeigt wurde. Im Reitverein in der Tiergartenstraße wurden im Sommer ähnliche Beobachtungen gemacht. Pferde wurden damals augenscheinlich nicht verletzt. Trotzdem installierten beide Stallbetreiber Kameras, was nun eine große Hilfe ist.
Mitte Oktober dieses Jahres kam es in Eberdingen-Hochdorf im Kreis Ludwigsburg zu einem schlimmen Fall von Pferdemisshandlung. In der Nacht hatten sich ein oder mehrere Unbekannte Zutritt zum dortigen Reiterhof verschafft. Verletzt wurden insgesamt zehn Tiere mit Schnitten und Stichen, teilweise schwer. Ein Pferd musste zur Behandlung in die Tierklinik, viele der Wunden mussten tierärztlich behandelt werden. Der Boden im Hof war übersäht mit Blutlachen. Der Täter habe die Zutraulichkeit und das Vertrauen der Pferde ausgenutzt, sagte der Stallbetreiber damals. Dadurch, dass die Pferde in Eberdingen zum Teil in einem offenen Stall in der Herde gehalten werden, hatten es der oder die Täter offenbar besonders leicht.
Ähnlicher Vorfall auf den Fildern
Auf einem Reiterhof in Sielmingen bei Filderstadt kam es im Sommer ebenfalls zu Misshandlungen von Pferden, auch hier stach und schnitt ein Unbekannter zu. Vier Mal hintereinander drang er ein, verletzte jedes Mal ein anderes Pferd. Die Betreiberin brachte daraufhin 20 Kameras auf dem Gelände an. Darunter auch Wildkameras, die bei Bewegung auslösen. Seitdem kam es an dem Stall zu keinem weiteren Vorfall.
Dass zwischen den Taten in Eberdingen und dem Vorfall in Böblingen ein Zusammenhang besteht, davon geht die Polizei derzeit nicht aus. Immerhin gibt es gute Nachrichten von Bella: Die Stute soll sich bereits auf dem Wege der Besserung befinden.