Trauerbegleiter gibt Rat Mit Trauer umgehen – was man tun kann
Wie kann man zu seinen Gefühlen zurückfinden? Der Trauerbegleiter und Seelsorger Klaus Onnasch erklärt im Interview, wie man mit Trauerphasen umgehen kann.
Wie kann man zu seinen Gefühlen zurückfinden? Der Trauerbegleiter und Seelsorger Klaus Onnasch erklärt im Interview, wie man mit Trauerphasen umgehen kann.
Stuttgart - Wenn wir einen wichtigen Menschen durch den Tod verlieren, stehen wir unter Schock. Unser Körper und unsere Psyche sind dann immensem Stress ausgesetzt. Der Seelsorger Klaus Onnasch erklärt, was in Trauerphasen helfen kann.
Herr Onnasch, in Ihren Trauergruppen geht es recht lustig zu. Der Raum Ihrer Gruppen in einem Bestattungsinstitut musste schallisoliert werden, weil oft laut gelacht wird. Ist es ein Bedürfnis, nach tiefer Trauer zu lachen?
Ja, das ist etwas Ursprüngliches, eine Selbstheilung von Körper und Seele. Der Körper wird aus der Erstarrung herausgeführt. Ich habe oft erlebt, dass Weinen und Lachen ineinander übergehen. Gerade habe ich von einem Menschen gehört, der immerzu gearbeitet hat. Er wollte in seinem Arbeitsanzug bestattet werden. Da lag er nun in seinem Arbeitsanzug aufgebahrt da und die Leute sagten: Nun hat er endlich mal Pause! Natürlich haben alle gelacht.
Trotzdem steckt die Angst tief in uns, dass Späße angesichts von Tod und Trauer deplatziert und taktlos sind.
Ich finde das schade. Das sind kulturelle Einschränkungen, die aus der Vergangenheit kommen, aus preußischen Traditionen und aus dem Nationalsozialismus. Damit hängt zusammen, dass sich einige Menschen überhaupt schwer tun, Gefühle zu äußern. Ich glaube, dass wir solche unmenschlichen Normierungen hinter uns lassen und etwas Neues ausprobieren können. Als meine Frau starb, habe ich das rote Jackett angezogen, das sie so gerne mochte. Das hat Kopfschütteln ausgelöst. Ich habe gesagt: Das trage ich, damit mich meine Frau schnell findet.
Hat sich unsere Trauerkultur in den letzten Jahren verändert?
Oh ja. Viele Bestattungsinstitute achten inzwischen darauf, die Trauernden zu beteiligen, zum Beispiel, indem sie den Sarg mit Symbolen bemalen lassen, die zum Verstorbenen passen. Andere spielen freudige Lieder wie „When the saints go marching in“.
Trauer und Freude – sind das nicht gegensätzliche Gefühle?
Nein, sie gehören zusammen. Wenn jemand seine Trauer mitteilt und weint, dann ist da der Schmerz. Aber fast jedes Mal, wenn er in dieser Situation von einem anderen Menschen verstanden wird, kommt ein Lächeln. Er fühlt sich angenommen und erleichtert und kann wieder lachen. Eine Frau hat einmal zu mir gesagt: Ich weiß gar nicht, wo meine Trauertränen aufhören und meine Freudentränen anfangen. Trauer und Freude sind stark miteinander verbunden.
Was weiß man aus der Neurobiologie über diese Emotionen?
Einen Menschen zu verlieren, der einem nahe ist, löst unheimlichen Stress aus. In dieser Situation kehren wir zu urtümlichen Reaktionen zurück – zu Flucht oder Kampf. Dabei wird das Alarmsystem, das im Hirnstamm weiter unten sitzt, aktiviert.
Viele Leute fühlen sich nach einem schweren Verlust wie taub.
Erstarrung ist wie Flucht und Aggression eine archaische Reaktion. Ursprünglich half sie uns zu überleben, sie ist also durchaus sinnvoll. Wenn die Erstarrung aber länger anhält, dann ist das nicht günstig.
Wie kann man zu Gefühlen zurückfinden?
Indem ich innehalte und spüre: Was tut mir gut? Wo möchte ich hin? Manchmal hilft es, eine Tasse Tee zu trinken und ein- und auszuatmen – und auf das Ausatmen zu achten. Und unsere Gefühle mitzuteilen.
Sie haben ein „Modell des Spielraums“ entwickelt, um Trauerprozesse zu erklären. Was meinen Sie damit?
Trauernde berichten, dass ihre Stimmungen unheimlich schwanken. Bei Kindern ist das noch viel stärker als bei Erwachsenen: Sie spielen lustig und halten plötzlich traurig inne, spielen dann weiter. Dieses Pendeln zwischen Gefühlen ist gesund. Oft spürt man den Schmerz ja körperlich: Rücken, Bauch, Beine, alles tut weh. Wenn man von einem Spaziergang zurückkommt und sich wie befreit fühlt, lebt man wieder auf. Die Erholung von der Trauer ist genauso wichtig wie die Auseinandersetzung mit ihr.
Wie kamen Sie dazu, sich so intensiv mit dem Thema Trauer zu beschäftigen?
Ich war 23 Jahre Gemeindepastor in Kronshagen und habe das mit großer Freude gemacht, habe aber gemerkt, wie unendlich schwer Trauer ist. Deshalb habe ich in der Gemeinde Trauerbegleitung aufgebaut. Dann starb mein Sohn. Da schien mein Leben zu Ende zu sein, es war wahnsinnig. Aus dieser Situation hat mich ein wunderbarer Trauerbegleiter herausgeführt, ein Freund und Kollege. Ich konnte mich mitteilen, er hat mich verstanden und weitergeführt.
Auch ihre Frau ist gestorben.
Ja, das war vollkommen anders als bei meinem Sohn. Ich hatte das große Glück, sie die gesamte Situation über zu begleiten. Meine Frau hatte Krebs. Sie hat mir in dieser Zeit von besonderen Erfahrungen erzählt, von einer Himmelsschaukel, auf der sie hin- und herschaukelt. Das waren wunderbare Bilder, die mir gezeigt haben, was ich unter Ewigkeit verstehen kann. Wenn ich an meine Frau denke, ist diese Ewigkeit für mich präsent.
Die Beziehungen bleiben also oft über den Tod hinaus bestehen?
Ja. Und das kann sehr bereichernd sein. Um das zu erfahren, ist es so wichtig innezuhalten. Dazu könnte die Zeit der Pandemie Gelegenheit bieten.