Vermisst wird ... Teil I Die Leiche wird nicht gefunden

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Es wurde aber weder in der Dreisam noch im Rhein eine Leiche gefunden, die als Georg Siegel identifiziert werden konnte. Das Landeskriminalamt und das Bundeskriminalamt haben Zentralstellen, so kann bei jedem Leichenfund geforscht werden, ob es sich um eine vermisste Person handelt. Vorausgesetzt, es gibt genetisches Vergleichsmaterial oder andere unverwechselbare Merkmale.

Auch Kriminalhauptkommissar Hahne sieht keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass sich Georg Siegel aus dem Staub gemacht haben könnte, allein schon, weil es ein schwerer Unfall war und kein unerklärliches Verschwinden. „Wer abhaut, hat meist einen irgendwie erkennbaren Grund“, sagt Hahne. Ist vielleicht todkrank und will sich fern der Heimat das Leben nehmen.

Oder ist pleite oder will keinen Unterhalt zahlen. Manche verraten sich, wenn sie nach einer Weile Geld vom heimischen Konto abheben. Nur wenige der Langzeitvermissten, im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Freiburg derzeit keine zwei Dutzend, tauchen wieder auf. Frühestens nach einem Jahr können Angehörige beim Amtsgericht beantragen, einen verunglückten Vermissten für tot zu erklären. Bei jemandem, der ohne lebensgefährlichen Unfall verschwunden ist, dauert es mindestens zehn Jahre. Das Gericht ermittelt dann noch einmal alle Umstände des Geschehens, und falls es keine Indizien dafür gibt, dass er oder sie noch lebt, wird ein „Aufgebot“ veröffentlicht. Falls auch dieses ergebnislos bleibt, ist der Fall amtlich abgeschlossen.

In der Stube steht ein großes Foto von Georg

„Nein, er wird nicht zurückkommen“, davon ist Helga Siegel überzeugt, sie wird beantragen, ihren Sohn Georg für tot zu erklären. Sie hat sich schweren Herzens mit dem Verlust abgefunden. So wie sie sich bereits mit dem frühen Tod eines anderen Sohnes abfinden musste, der 1997 in Spanien starb, er hatte ein nicht entdecktes Aneurysma, eine Schwachstelle in einer Arterie, die platzte, als er im Meer surfte. Auch ihren Mann hat Helga Siegel urplötzlich verloren. Im Jahre 2008, zwei Jahre vor Georg, starb er mit 73 Jahren völlig unerwartet an einer Lungenembolie. Sein Leben lang sei er nicht krank gewesen, sagt die verwitwete Frau.

Nun muss sie allein mit allem fertig werden. „Sich immer wieder bewusst am Leben zu freuen und sich nicht zu sehr ins Leid hineinzusteigern“, hat sie sich fest vorgenommen. Das große Foto von Georg hat sie aus der Stube genommen und in sein Zimmer gestellt. Ja, doch, die Kinder und die Enkel sind präsent, wenn auch nicht immer da. Helga Siegel setzt sich nicht auf das Sofa ihres kleinen Eigenheims und wartet, sie ist ständig in Bewegung. Eine 95 Jahre alte Tante im Altersheim und etliche, teils behinderte alte Frauen warten jeden Tag auf ihren Besuch und die Einkäufe. Helga Siegel macht Gymnastik, Walking – und Volkstanz in der Kirchengemeinde. Und sie fährt Rad, kommt oft unter der Schwabentorbrücke an der Dreisam vorbei. Dort, wo Georg zum letzten Mal gesehen wurde. „Ja“, sagt Helga Siegel, „ich denke an ihn. Ich kann jetzt an ihn denken.“