Vermisste Tiere im Kreis Ludwigsburg Heftiger Streit um Facebook-Katzenhilfe entbrannt

Dem Wohl von Katzen fühlen sich alle Beteiligten verpflichtet. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Rund um die 8300 Mitglieder starke Facebook-Gruppe „Vermisste Tiere Kreis Ludwigsburg“ gibt es Zwist. Selbst die Polizei ist eingeschaltet.

Ludwigsburg: Andreas Hennings (hen)

Kreis Ludwigsburg - Neben dem Ziel, vermisste Katzen oder Hunde, im schlimmsten Fall den Besitzer verunglückter Tiere zu finden, kümmert sich das 24-köpfige Helferteam der Facebook-Gruppe „Vermisste Tiere Kreis Ludwigsburg“ um streunende Katzen. Ein Thema, zu dem ein Streit zwischen Kritikern und der Gruppenleitung entbrannt ist. Zwischen Katzenliebhabern und Katzenliebhabern, bis hin zur Anzeige und Gegenanzeige. Die Polizei ermittelt. Was ist da los?

 

Klar ist: Streuner sind gefährdet für Krankheiten. Da sie sich mit bis zu vier Würfen pro Jahr schnell vermehren, ist das Ziel von Tierschützern zu kastrieren. Ein Grundgedanke, den das Tierheim Ludwigsburg als „absolut richtig“ einstuft. Ebenso das Vermitteln der Katzen, wenn der Weg der richtige ist. Und um genau den geht’s beim Zwist.

Das Vorgehen der Tierschützer

Das Helferteam versorgt Streuner mit sieben Futterstellen und sammelt sie mit empfohlenen Fallen, die Signale ans Handy leiten. Auch Bürger melden der Gruppe Katzen. Die Tiere werden vom Arzt untersucht, kastriert und markiert – und am Fundort ausgesetzt oder in eigenen Pflegestellen gehalten.

Kitten werden teils mit der Flasche aufgezogen und vermittelt. „Dass wir die jungen Tiere nicht aussetzen, dürfte nachvollziehbar sein“, sagt Jaqueline Hörer, Leiterin der Facebook-Gruppe. Für sie steht das Tierwohl „an oberster Stelle“. Die Lage sei schwierig. „Es gab eine Kittenwelle. Viele wurden überfahren oder von Fuchs oder Marder getötet. Und es gibt Krankheiten. Gestern hatten wir Katzen mit Wunden und Milben.“ Sie und ihr Team sind pausenlos für die Vierbeiner aktiv.

Kritik betrifft vor allem Bürokratisches

Das Problem: Hin und wieder stellt sich heraus, dass aufgegriffene Katzen nicht herrenlos sind. Denn es gibt keine Kennzeichnungspflicht. „Der Unterschied zwischen Freigängern und wilden Katzen zeigt sich am Fellzustand und Verhalten gegenüber Menschen“, sagt Hörer. Doch es gibt Ausnahmen. Anfang Januar brachte die Polizei eine Katze zurück zum Halter in Steinheim. „Den bisherigen Ermittlungen zufolge war das Tier von der Gruppe zu Unrecht eingesammelt und in Pflege genommen worden“, teilt die Polizei mit. Es ist nicht der einzige Fall.

Die Bürokratie macht es noch komplexer: Bei der Gruppe „Vermisste Tiere“ handelt es sich um Privatpersonen. Laut Veterinäramt Ludwigsburg sollten private Pflegestellen aber einem Tierschutzverein angegliedert sein. Und laut Gesetz braucht es eine Erlaubnis der Behörde, will man fremde Tiere in einer Pflege halten oder vermitteln – Streuner sind offiziell Gemeindesache. Sie zu kastrieren wäre Sachbeschädigung. Streuner dürften laut Amt nur kastriert und gekennzeichnet werden, sofern die Kommune eine Katzenschutzverordnung erlassen hat. Selbst dann solle es nur durch Tierschutzvereine und in Rücksprache mit der Gemeinde erfolgen. Auf diese Weise sollten auch Futterstellen betreut werden. Von einer solchen etwa in Ottmarsheim wusste das Ordnungsamt Besigheim jedoch nichts.

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Die Kritiker, die anonym bleiben möchten, werfen den Helfern auch vor, dass nicht alle mitgenommenen Tiere als gefunden gemeldet werden. Das Tierheim Ludwigsburg bestätigt: „Es kam häufiger vor, dass die Finder, die der Facebook-Gruppe eine Katze gemeldet hatten, sich erkundigten, ob das Tier zu uns gebracht oder gemeldet wurde. In mehreren Fällen passierte das nicht.“ Über die Aufnahme in eine Pflegestelle müsse das Tierheim aber informiert werden, falls ein Besitzer die Katze als vermisst gemeldet hat.

Ermittlungen der Polizei

Bei der Polizei laufen laut einem Sprecher „drei Ermittlungsverfahren gegen weibliche Mitglieder der Facebook-Gruppe“. Dabei lasse sich sagen, „dass hier die Tierliebe wahrscheinlich übertrieben wird“. Da die Ermittlungen „geraume Zeit andauern werden“, nennt die Polizei keine Details. Sie bestätigt aber, dass es um die Vorgehensweise geht.

Gruppenleiterin widerspricht vehement

Dass teils Behörden die Katzen abholen, hat laut Jaqueline Hörer einen Grund: „Wir wollen einen Nachweis über den Besitz. In einem Fall haben wir den bis heute nicht. Polizei und Veterinäramt brachten die Katze trotzdem zurück. Obwohl ihr Zustand nicht für den möglichen Besitzer sprach.“ Hörer betont, dass die Futterstellen je nach Lage mit Rathaus oder Privateigentümer abgestimmt seien. Und sie versichert, dass man jedes Tier melde und den Fund aus Kulanz auf Facebook stelle. „Der Vorwurf ist an den Haaren herbeigezogen.“ Man stehe in engem Kontakt mit Tierheim und Landratsamt.

Ihr sei bewusst, dass das Streunerthema „immer spalten wird“, so Hörer. Ihr Team befindet sich im Spagat, möglichst unbürokratisch zu helfen, ohne Vorgaben außen vor zu lassen. Es erfährt viel Unterstützung – finanziell und mit Wissen etwa von den Katzenfreunden Bietigheim-Bissingen. Deren Vorsitzende Jutta Framenau lobt in höchstem Maß: „Ich ziehe den Hut vor den Helfern. Sie haben Familie und Job und machen das nebenher bis in die Nacht, was mit Zeit und Geld verbunden ist.“ Die Vorwürfe stoßen ihr sauer auf – auch der, dass mit Vermittlungen Geld verdient werde. „Wir wissen nichts von Vermittlungen. Allein eine Impfung kostet aber 50 Euro, dazu kommen Kastration, Nahrung, Sprit . . .“ Die Erfahrung zeige: Passiert einem ungekennzeichneten Tier etwas, „will plötzlich niemand mehr der Besitzer sein“.

Gibt es eine Lösung?

Oft steht Aussage gegen Aussage. Hörer betont, ihr Team lasse sich nicht unterkriegen. „Wir sind auch dran, ein Verein zu werden.“ Das würde vieles vereinfachen. Ruhe dürfte aber erst einkehren, falls doch die vielfach geforderte Kennzeichnungspflicht kommt.

Die Facebook-Gruppe „Vermisste Tiere Kreis Ludwigsburg“

Gründung
Obwohl die Gruppe erst seit 2017 besteht, zählt sie 8300 Mitglieder. Im Austausch geht es vor allem darum, vermisste Katzen zu finden – was oft gelingt. Allein der Hashtag #happyend umfasst beinahe 2000 Beiträge. Immer wieder muss auch die Nachricht übermittelt werden, dass ein Tier überfahren wurde. Um die toten Katzen zuordnen zu können, wurde ein auf den Kreis verteiltes Helferteam mit Chipslesegeräten ausgestattet. Zuvor war es laut der Gruppe teils so, dass Kadaver vom Bauhof beseitigt wurden – ohne, dass Halter informiert wurden. Die Helfer setzen sich dafür ein, „dass kein Tier ohne Namen sterben und kein Besitzer mehr mit der Ungewissheit leben muss“.

Entwicklung
Jaqueline Hörer ist seit Sommer Gruppenleiterin und treibt seit zwei Jahren die Hilfe für Streuner voran. Auch Spenden werden hierfür genutzt. Das Engagement der Gruppe umfasst außerdem auch andere Tierarten. hen

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