Vermisstenfall in Ludwigsburg Schwester verschwand im heutigen Blüba: „Ich war das übrig gebliebene Kind“

Lutz Gwinner zeigt Fotos aus dem Familienalbum. Foto: Simon Granville

Lutz Gwinner war vier Jahre alt, als seine drei Jahre ältere Schwester Monika 1950 im Ludwigsburger Schlossgarten spurlos verschwand. Welche Folgen hatte das für ihn und die Familie?

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Im Jahr 1950, als seine Schwester Monika spurlos verschwand, war Lutz Gwinner erst vier Jahre alt. An viel kann er sich deshalb nicht mehr erinnern. Und doch glaubt er, dass sein Leben und seine Erziehung anders verlaufen wären, wenn es dieses tragische Ereignis nicht gegeben hätte.

 

„Ich war nicht nur ein Einzelkind, ich war das übrig gebliebene Kind“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Was aus seiner Sicht nicht ohne Folgen blieb. Denn schon Einzelkinder seien ja oft recht verwöhnt. Bei ihm sei es so gewesen, dass er nach dem Verschwinden seiner Schwester tun und lassen konnte, was er wollte – und er habe auch, sehr zum Missfallen seines Vaters, jeden Wunsch erfüllt bekommen. „Man könnte sagen: Ich habe mich selbst erzogen.“

Verhältnis der Eltern zueinander war nach dem Verschwinden belastet

Geboren sei seine Schwester, berichtet er, im Januar 1943 in Berlin. Als die Russen einmarschierten, habe die Familie noch dort gelebt. „Deshalb hatte meine Mutter, wenn sie in der Stadt unterwegs war, immer Monika dabei – als Frau mit einem kleinen Kind gab ihr das eine gewisse Sicherheit.“ Weil der Vater in Berlin keine Arbeit mehr hatte, sei die Familie nach dem Krieg ins großelterliche Haus in der Harteneckstraße in Ludwigsburg umgezogen – dort steht heute die ehemalige Pflegeschule des Krankenhauses. Auch die Familie seiner Mutter lebte nicht weit weg: Sie stammte aus Benningen.

Die ersten Lebensjahre verbrachte Monika in Berlin. Foto: privat

Dass Monika nie mehr auftauchte, habe letzten Endes auch das Verhältnis seiner Eltern zueinander belastet, ist Lutz Gwinner überzeugt. „Es war nicht besonders herzlich, und es gab immer wieder Spannungen.“ Dass auch Schuldzuweisungen wegen des Verschwindens von Monika dabei eine Rolle gespielt haben, sei möglich. „Wörtlich habe ich so etwas aber nie gehört, wahrscheinlich habe ich das hineininterpretiert.“

Verlust an sich war nie ein Thema in der Familie

Fest stehe: Das Verschwinden der Schwester, berichtet Gwinner weiter, sei „nie ein Thema in der Familie gewesen“. Dafür spricht auch ein Brief in den Unterlagen seiner Mutter. Geschrieben hat ihn der Vater, der damals schon wegen einer neuen Arbeitsstelle in Wiesbaden lebte, im September 1950 an seine Frau, die mit dem kleinen Sohn erst später nachzog. Monika und ihr Verlust kommen in dem zweiseitigen Schreiben mit keinem Wort zur Sprache, obwohl das tragische Ereignis erst wenige Monate zurücklag.

Nun gehörten die Eltern von Lutz Gwinner einer Generation an, in der man eher wenig Gefühle zeigte und vieles mit sich selbst ausgemacht hat. Dennoch erinnert er sich daran, dass sein Vater sich eines Abends zu ihm ans Bett setzte und zu erklären versuchte, was passiert war. „Das war, soweit ich weiß, das einzige Mal, dass ich meinen Vater weinen sah.“

So sah das erste Fahnungsplakat aus. Später wurde die Belohnung auf 3000 D-Markt erhöht. Foto: privat

Emotionaler Rückzug der Mutter

Anderes, sagt Gwinner, könne er mangels eigener Erinnerung nur aus alten Fotos schließen. „Darauf sehe ich, dass meine Mutter früher eine sehr fröhliche Frau war. Doch ihr Lachen ist zusammen mit Monika verschwunden.“ Sie sei danach sehr kontrolliert gewesen und habe kaum Emotionen zugelassen – was Folgen hatte: „Nach dem Verschwinden meiner Schwester fehlte die Herzlichkeit in unserer Familie und für mich die Nestwärme.“

Da war die Welt noch in Ordnung und beide Kinder bei der Mutter. Foto: privat

Seine Mutter habe sich zurückgezogen, es seien nie Freunde der Eltern zu Besuch gekommen. Zum Teil sei das vielleicht dem Umzug nach Wiesbaden geschuldet gewesen. Doch offenbar hätten seine Eltern dort auch keine neuen, engeren Kontakte geknüpft.

Endloser Kummer und immer noch Hoffnung

Sicher sei, dass seine Mutter über all die Jahre hinweg den Kummer über das Verschwinden der Tochter in sich getragen habe. „Sie hat sehr viele Anfragen gestartet und gehofft, doch noch irgendwo eine Spur zu finden – oder wenigstens Gewissheit darüber, was mit Monika geschehen ist.“ Doch weil man das nie erfahren habe, sei da „immer diese Hoffnung“ gewesen. Man habe nie abschließen können. „Und es ist völlig klar: Meine Mutter hat nie losgelassen.“

Bei ihm selbst sei es das komplette Gegenteil: „Wenn heute eine Frau vor mir stehen und sagen würde: ‚Ich bin Monika, deine Schwester’, wäre das ohne Bedeutung für mich. Es gibt keine familiären Gefühle mehr, ich habe 75 Jahre ohne sie gelebt.“

Und doch sei er dankbar dafür, dass diese Zeitung das Thema nochmals aufgreife. „Es hilft mir, diesen Teil der Familiengeschichte abzuarbeiten.“

Nach wie vor als Cold Case bei der Polizei aktenkundig

Nicht nur im kollektiven Gedächtnis vieler älterer Ludwigsburger ist der Vermisstenfall Monika Gwinner noch verankert. Auch in den Akten der Ludwigsburger Kriminalpolizei ist er nach wie vor als sogenannter Cold Case, also ungeklärter Fall, vorhanden. „Eine Überprüfung fand zuletzt im Jahr 2020 statt, der Fall ist seitdem nicht mehr aktiv in Bearbeitung, da keine neuen Ermittlungsansätze vorhanden sind“, teilt eine Sprecherin der Polizei mit. Ergänzt jedoch: „Ein Fall bleibt in der Regel ein Cold Case, solange die Möglichkeit besteht, dass der Täter noch am Leben ist.“

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