Vernetzte Kunst in Stuttgart Die beschleunigten Künstler

Von Benedikt Rittweiler 

Immer mehr Künstler organisieren sich jenseits etablierter Strukturen. Die StZ stellt Künstlerkollektive vor: Beim Teilchenbeschleuniger aus Stuttgart zucken die Füße, schlackern die Beine und wirbeln die Hände durch die Luft.

Anfang September ist Premiere und die Tanzproben zu „Cantus Firmus“ laufen derzeit auf Hochtouren. Foto: Teilchenbeschleuniger 4 Bilder
Anfang September ist Premiere und die Tanzproben zu „Cantus Firmus“ laufen derzeit auf Hochtouren. Foto: Teilchenbeschleuniger

Stuttgart - Die Mittagshitze kriecht auf das rostbraune Postgebäude am Rosensteinpark, auf dem Parkdeck glühen die Motorhauben, die Luft flirrt. Ein paar Postangestellte huschen ins Innere und spähen in den verwinkelten Fluren nach Abwechslung – da ertönen aus einem Raum deutsche Psalme: Eine kleine Tänzergesellschaft hat sich zu den Proben des Stücks „Cantus Firmus“ eingefunden.

Es ist der Stadt zu verdanken, dass ein Postgebäude zugleich ein Ort der Kunst sein kann. „Ich gehe etwa ein Jahr lang mit einem Stück schwanger“, sagt Katja Erdmann-Rajski, die Leiterin von „Campus Firmus“. Nach der Idee geht es an die Organisation, an das Werk vor dem Kunstwerk: Proberaum, Technik, Kostüme und Bühne müssen vorbereitet, Publikum und Kritiker angelockt werden. Da dies ein einzelner Künstler kaum zu leisten vermag, leistet diese Vorarbeit meist ein Netzwerk.

„Wir schließen uns projektweise zusammen“, sagt die Performerin Antje Jetzky. Wie Erdmann-Rajski gehört sie zur freien Szene. Beide sind an kein Theater- oder Opernhaus gebunden. Freie Künstler spielen heute auf dieser und morgen auf jener Bühne. Ein Stammpublikum kann sich so nur schlecht etablieren.

Eine Art virtuelles Künstlerhaus

Deswegen gründete die freie Stuttgarter Szene 2011 den Teilchenbeschleuniger: eine Art virtuelles Künstlerhaus, das der Flüchtigkeit der zahllosen Projekte eine feste Adresse entgegensetzt. Unabhängig vom Ort, kann man jederzeit nach seinem Lieblingskünstler oder Lieblingsstück suchen. Die gemeinsame Webseite macht es möglich.

Der Teilchenbeschleuniger versammelt mehr als hundert Künstler unter sich; das Kunstprogramm ist dementsprechend vielfältig: zeitgenössischer Tanz, Sprech- und Figurentheater, ein Kinder- und Jugendprogramm – „Wir bieten eine enorme Bandbreite“, sagt Isabelle Löffler, Pressereferentin des Teilchenbeschleunigers.

Ihre Stelle, die von der Stadt finanziert wird, soll die freien Künstler entlasten, ja beschleunigen und dann – wie die Atome in einem Teilchenbeschleuniger – dazu animieren, etwas Neues entstehen zu lassen.

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