Vernichteter Theaterfundus Acht Monate nach dem Großbrand: Wie sieht es am Ulmer Schauspiel aus?
Im Juni 2025 vernichtet ein Großfeuer den Fundus des Theaters Ulm. Die Ensembles spielen weiter. Doch kaum etwas ist noch, wie es war.
Im Juni 2025 vernichtet ein Großfeuer den Fundus des Theaters Ulm. Die Ensembles spielen weiter. Doch kaum etwas ist noch, wie es war.
Ruhmreich klingt die Geschichte des Ulmer Schauspiels. Gegründet im Jahr 1641, ist es das älteste Stadttheater Deutschlands, 1930 startete hier ein gewisser Jungdirigent namens Herbert von Karajan seinen Höhenflug. Der Neubau nach Plänen des Architekten Fritz Schäfer von 1969 machte das Drei-Sparten-Haus zum noblen Treffpunkt der kunstsinnigen Ulmer Stadtgesellschaft. 817 Plätze im Großen Haus – im Grunde zu viele damals und heute, aber eben Ausdruck von unbändiger Zukunftsgläubigkeit. Und jetzt: die Katastrophe.
So bezeichnet der Intendant Kay Metzger, was in der Nacht zum 25. Juni vergangenen Jahres passiert ist. Ein Feuer vernichtete den kompletten Theaterfundus, der zwei Steinwürfe vom Theater entfernt, in der dreistöckigen sogenannten alten Paketposthalle, untergebracht war. Rund 27 000 Kostüme wurden zu Asche, dazu Tausende Menschen- und Tiermasken, Möbel, Skelette, Perücken und zwei Probebühnen, jede 200 Quadratmeter groß. Es war Brandstiftung. „Auch wenn der Rauch verpufft ist, die Folgen werden noch für Jahre zu spüren sein“, sagt Metzger in seinem Chefbüro. „Das war fast alles Handarbeit.“
Wer Sinn dafür hat, könnte aus den Ereignissen etwas Mystisches, Ahnungsvolles herauslesen. Noch am Abend des 24. Juni wurde in der Paketposthalle, die der Stadt Ulm gehört und jetzt eine Ruine ist, die abschließende szenische Probe für das Theaterstück „Das letzte Feuer“ der Dramatikerin Dea Loher abgehalten. Ausgerechnet. Der Brand als Menetekel einer anbrechenden düsteren Epoche, eine Warnung, oder etwa Strafe für Hochmut? Da lächelt Kay Metzger schwach. Er ist kein Schwadroneur, das Gegenteil eines dampfenden Impresarios, der Kerben in den Schreibtisch haut, wenn’s nicht läuft. Im Sommer tritt der gebürtige Kieler in den Ruhestand, nach acht Jahren, er hat den guten Ruf des Hauses gefestigt und es an einem Stück durch die Tristesse der Corona-Jahre gebracht. Doch anstatt auf der Schlussgeraden seiner Karriere den ersten Applaus entgegenzunehmen, muss er mehr denn je Manager des Chaos sein. Nach einer kurzen „Schockstarre“ nach dem Feuer sei seine Haltung gewesen: „Wir packen das an.“
Umgehend verhandelte er Platz er für Ersatz-Probebühnen, eine davon steht jetzt in einer innerstädtischen Schulsporthalle. Nebenher muss er für die Brandversicherung zusammenrechnen, wie hoch der Schaden ist. „Wie berechnet man diesen Fundus in Euro?“, fragt Metzer, dann doch mit einem Anflug von Ratlosigkeit. „Ein Rokoko-Kostüm kaufen Sie nicht von der Stange.“
Kaum etwas davon dringt bisher nach außen. Weil beseelte Angestellte des Theaters, wie viele Kreative ohnehin mit der Bereitschaft zur Selbstausbeutung ausgestattet, ihre Anstrengungen noch gesteigert haben.
So wie Ruth Hauser, die Leiterin der Damenschneiderei. Eine Woche lang sei sie nach dem vernichtenden Feuer wie paralysiert gewesen. Da waren so viele Sachen, die sie mit eigenen Händen gemacht hat, von denen sie exakt wusste, an welchem Bügel im Halbdunkel des riesigen Fundus sie hingen. „Ich liebe das Theater so sehr“, sagt sie. Ihre Sätze sind wie ein Königinnenkleid aus rotem Brokat, das gerade neu in der Werkstatt entsteht – nichts daran zu viel oder zu wenig. Eine interne Besprechung wurde nach dem Brand angesetzt, sie konnte nicht mehr, erinnert sie sich. „Ich habe sehr geweint. Das war dieser Moment, wo ich mich entschlossen habe, nach vorne zu sehen.“
Oder Daniela Mayerbacher, Chefin der Damenmaske, Meisterin der feinfühligen Distanzwahrung. Niemand im Haus kommt den Darstellerinnen körperlich näher als sie. Man werde nach dem unersetzbaren Verlust künftig wohl „Stücke abspecken“ müssen, glaubt sie. Keine Verzweiflung? „Was wollen sie machen?“, fragt die Expertin für Verwandlung zurück. Als junge Maskenbildnerin arbeitete sie früher bei den bayerischen Karl-May-Festspielen. Am Spielort, in der Western-City Dasing nahe ihrem Wohnort Augsburg, lagerte der Kostümfundus, auf den Stallungen des Betriebsgeländes hat die Hobbyreiterin ein Pferd eingestellt. 2017 brach ein verheerender Brand aus. Das Pferd wurde gerettet, der Fundus nicht.
Und dann brannte auch noch der historische Dachstuhl des Nachbarhauses der Mayerbachers in der Augsburger Innenstadt ab. Alle angrenzenden Wohnungen wurden aus beißendem Rauch evakuiert, für ein Jahr mussten sie ihr Zuhause verlassen, sämtliche Polstermöbel, alles, woran Stoff haftete, taugte noch für den Müll. Die Abteilungschefin zeigt auf ihrem Handy Fotos, die den damaligen nächtlichen Einsatz der Feuerwehr unter ihren Fenstern dokumentieren. Als sie am 25. Juni vergangenen Jahres wie immer morgens in Ulm aus dem Zug stieg, sah sie die Rauchfahne von der alten Paketposthalle aufsteigen. „Ich dachte: Nicht schon wieder.“
Im September fasste die Polizei den mutmaßlichen Brandstifter, einen 42 Jahre alten Obdachlosen. Verborgen auf dem Posthallenareal soll er sich, zusammen mit anderen Wohnsitzlosen, ein Schlaflager eingerichtet haben. Die Gruppe wurde aufgespürt, Polizisten erteilten am 23. Juni Platzverweise. Das Feuer, so die Anklage der Staatsanwaltschaft Ulm, soll der Mann aus Rache gelegt haben, im Zustand der Trunkenheit. Gebäudeschaden fünf Millionen Euro, Inventarverlust etwa acht Millionen, so die vorläufige Schätzung der Ermittlungsbehörde. Der Beschuldigte schweigt, der Strafprozess ist für das Frühjahr zu erwarten.
Wahrscheinlich ist es in der alten Paketposthalle zu einem sogenannten Flashover gekommen, ein Phänomen, bei dem sich Gase schlagartig entzünden. Dann können Temperaturen bis um die 1000 Grad Celsius entstehen. Darauf deutet hin, dass Stahlträger sich verbogen haben. „Die Halle hatte keine Rauchabzüge“, sagt Peter Perkovac, der Technische Direktor des Ulmer Theaters. Die Wände seines Büros mit einem großen Konferenztisch in der Mitte hängen voller Gebäude-Planzeichnungen. Die Werkstattkollegen durchkreuzen jetzt viel die Stadt, setzen Ersatz-Probebühnen um, versuchen zudem, einiges vom Möbelfundus, der im Kellergeschoss der Brandhalle im Löschwasser versank, zu restaurieren. „Die Technik ist ein Wanderzirkus geworden“, konstatiert Perkovac, die Kräfte seien am Schwinden. Wo ein neuer Kostümfundus Platz findet, kann zurzeit niemand sagen. „Man fragt sich: Ist die nächste Etappe eine Verbesserung oder Verschlechterung der Situation?“
Das Publikum merkt von all dem kaum etwas, und so soll es sein – nicht auch noch ein Einbruch beim Ticketverkauf. Dafür werden jetzt auch Chorkostüme zum Beispiel vom Staatstheater Stuttgart geliehen, wie kürzlich für La Bohème. Theaterleute, zeigt sich, halten zusammen. Unablässig wirbt Johanna Kienzle, die Vorsitzende des Theater-Fördervereins, um Spenden. Ihre Kontakte, gerade auch ins betuchte Premieren-Prosecco-Publikum, erweisen sich als wertvoll. Rund 200 000 Euro sind schon zusammengekommen. Aus dem bisherigen gepflegten Ehrenamt sei ein anstrengender Teilzeitjob geworden, sagt die Ruheständlerin.
Die Ulmer Stadtverwaltung bewilligte drei befristete zusätzliche Schneiderinnen-Stellen. Zwei Inhaber aufgegebener Geschäfte für Hochzeits- und Trachtenbekleidung boten zur Freude der Theatermacher kostenlos ihren Ladeninhalt an, ein Verbund katholischer Kirchengemeinden aus der Region Kleidung von Messdienern. Es müsse gelingen, wieder Armeen aller Epochen auf die Bühne bringen zu können, sagt der Intendant. Richterroben sind auch willkommen, Privatspenden aus Großmutters altem Kleiderschrank dagegen nicht.
So hebt sich der Vorhang immer weiter. Aber indem das Theater seine Nöte gegenüber der Öffentlichkeit erfolgreich camou-fliert, verfestigt es zugleich den Eindruck, das Gröbste sei inzwischen geschafft. Die Vereinsvorsitzende Kienzle bestätigt, dass die große allgemeine Betroffenheit am Verblassen ist; sie zieht weiter, in Richtung anderer Orte, an denen es brennt.
Der dicke farbige Kalender für die Spielzeit 2025/2026, gedruckt lange vor dem Feuer, liegt weiter im Foyer des Theaters aus. Der Programmtitel ist ein Zitat aus Richard Wagners „Meistersinger“ und klingt jetzt prophetisch: „Ob Licht und Lust, oder Nacht und Tod?“ Die Antwort bleibt offen. Aber Tod wohl schon mal nicht. Das ist mehr, als fürs stolze Ulmer Theater zu befürchten war.