Vernissage in der Werkstatt Stuttgarts Skater rollen ins Heusteigviertel

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Die Ausstellung „Alt.roh.neu“ in der Hinterhof-Werkstatt „Soopkitchen“ zeigt, weshalb die Stadt als Skateboard-Mekka gilt.

Initiator Florian Bürkle mit seinen Dreibein-Hockern aus ausgedienten Skateboards. Foto: Sascha Schmierer
Initiator Florian Bürkle mit seinen Dreibein-Hockern aus ausgedienten Skateboards. Foto: Sascha Schmierer

S-Süd - Ein lässiger Auftritt ist für Stuttgarts Skater-Gemeinde das Maß aller Dinge. Mit Tugenden wie deutscher Pünktlichkeit haben es die Jungs mit dem Rollenbrett hingegen nicht so. Um die Uhrzeit jedenfalls, als am Freitag hinter den fast deckenhohen Stahlrahmenfenstern der Hinterhof-Werkstatt mit dem Namen „Soop-Kitchen“ die allererste Ausstellung eröffnet werden soll, steht Martin Oswald noch ziemlich allein in seinem Laden in der Weißenburgstraße.

Alt, roh und neu lockt die Massen an

Noch nicht mal die Teilnehmer, sechs junge Stuttgarter Künstler, sind zum offiziellen Auftakt ihrer Vernissage vollzählig versammelt. Doch die Befürchtung, dass sich die „Alt.Roh.Neu“ betitelte Schau als Flop erweisen könnte, ist völlig unbegründet. Denn das Publikum kommt zwar nicht auf die Minute genau, aber es kommt – und zwar in Massen, was manch etablierten Galeriebetreiber vor Neid erblassen lassen dürften. Eine starke halbe Stunde nach Ausstellungsbeginn strömen die Gäste in Scharen ins Heusteigviertel, eine Stunde nach dem offiziellen Auftakt ist nicht nur die Soop-Kitchen brechend voll. Auch vor der Eingangstür gibt es kaum noch einen Platz zum Umfallen. Geschätzte 350 Menschen wollen sehen, was es in der Weißenburgstraße zu sehen gibt. Wo einst Statuen gegossen wurden, ist für einen Abend ein Hot-Spot der Jugendkultur entstanden – mit einer Wollmützen-Dichte, die sonst wohl nur noch an einem Fischerhafen an der Küste zu finden ist.

Stuttgart zieht mit Barcelona gleich

„Stuttgart ist nun mal ein Skateboard-Mekka“, sagt Florian Bürkle über die für ihn nicht ganz unerwartete Resonanz. Über Facebook haben die sechs beteiligten Künstler schließlich kräftig die Werbetrommel für die Ausstellung im Stuttgarter Süden gerührt. „Wenn jeder seine Kumpels mitbringt, ist die Hütte voll“, erklärt der Produktdesigner. Die Schwabenmetropole stellt Bürkle skate-boardtechnisch übrigens auf eine Stufe mit Barcelona – obwohl es aus seiner Sicht kaum einen ernst zu nehmenden Skatepark in Stuttgart gibt. „In Köln existieren bestimmt zehn wirklich hochkarätige Anlagen, in München sind es fast genau so viel. Aber dennoch ist Stuttgart fürs Skateboardfahren prädestiniert“, sagt der 39-Jährige. Zum natürlichen Höhenunterschied zwischen Hang und Talkessel komme eine moderne Architektur, die „glatte Oberflächen und leere Plätze“ biete – und vergleichsweise wenig Kopfsteinpflaster.

In mittelalterlich strukturierten Städten fehlt es am nötigen Schwung, sich mit dem Brett unter den Füßen neue Wege zu suchen, Treppen mit einem weiten Sprung zu überwinden – oder sich um die eigene Achse zu drehen, während andere Zeitgenossen stur geradeauslaufen. Bürkle spricht deshalb beim Boarden auch nicht von Sport, sondern von Lebenseinstellung. „Das ist ein besonderer Spirit“, sagt er.

Fotografieren statt skaten

Als Skateboarder aufgewachsen sind deshalb auch fast alle Künstler, die bei der Auftaktschau in der Soop-Kitchen versammelt sind. Fabian Fuchs etwa hat großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien beigesteuert, die erst im Sommer bei einer Reise ins schwedische Malmö entstanden sind und die waghalsigen Sprünge der lokalen Jugend für die Ewigkeit festhalten. Der Fotograf Matthias Somberg hat statt der Akrobatik eher die Architektur im Blick, das Board ist auf seinen Bildern oft nur noch eine stilistische Randnotiz.

Den Geist der Bewegung mit Pinsel und Farbe einzufangen versucht Alex Klein, während ein Kollege mit dem Pseudonym Bannsen sich als fotografischer Spion betätigt. Initiator Florian Bürkle selbst stellt dreibeinige Hocker aus Skateboard-Resten her, die er mit in Stuttgart fotografierten Jugendstil-Elementen bedruckt. Philipp Köhler wiederum hat Dutzende von Stuttgarter Skatern mit ihrem Rollbrett porträtiert– und will die Fotos unter dem Titel „Me and my love“ demnächst als Buch veröffentlichen. Einzige Frau im künstlerischen Skatepark (und erklärte Nicht-Skaterin) ist die Architekturfotografin Monnier Ostermair, die die Sehnsuchtsorte der Kollegen kontrastreich ablichtet – Treppen, Pfeiler, Brücken in Hülle und Fülle.

Zu sehen allerdings war die Schau nur am Freitag und Samstag – wohl mit ein Grund für den großen Publikumsandrang. In der Soop-Kitchen haben die Palettenmöbel, Holzhocker und Design-Lampen den Platz wieder für sich. Stuttgarts Skater-Gemeinde ist, wenn man so sagen will, wieder ein Stück weiter gerollt.

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