Frau Rücker, verfolgen Sie die Fußball-EM?
Natürlich.
Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, dass sich die Uefa um die Coronapandemie nicht groß schert?
Auf der einen Seite schlägt mein Herz höher, weil wir wieder Sport mit Zuschauern und großer Emotionalität erleben können.
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Und auf der anderen Seite?
Sollte die Gesundheit der Bevölkerung immer an erster Stelle stehen. Wir müssen alles dafür tun, dass wir Öffnungsperspektiven, die wir uns mühsam erarbeitet haben, nicht wieder gefährden.
Fühlt sich der Sport abseits des Profifußballs als einer der großen Verlierer der Pandemie?
Es liegt eine extrem harte Zeit hinter uns, die noch nicht überstanden ist. Aber ich würde nicht sagen, dass wir die größten Verlierer sind. Stattdessen haben wir einen sehr solidarischen Beitrag zur Bewältigung der Pandemie geleistet. Ich bin beeindruckt, wie diszipliniert sich unsere 90 000 Vereine an die Regeln gehalten haben.
Zu wenige Neumitglieder in den Sportvereinen
Diese sind zuletzt gelockert worden.
Darüber sind wir sehr erleichtert. In unseren Vereinen war der Wunsch deutlich spürbar: Lasst uns endlich wieder unseren Sport anbieten und Gemeinschaft erleben.
Wie viele Mitglieder hat die Pandemie den DOSB gekostet?
Wir gehen davon aus, dass wir von den 27,8 Millionen Mitgliedern rund eine Million verloren haben. Das Problem dabei sind nicht so sehr die Austritte, sondern dass wir in den vergangenen 15 Monate quasi keine neuen Mitglieder gewonnen haben. Vor allem die Kinder und Jugendlichen fehlen uns.
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Wie sehr schmerzt das?
Sehr. Denn es kommt ja noch etwas hinzu: Wir können nicht absehen, was die Pandemie mit Ehrenamtlichen, Trainern und Übungsleitern gemacht hat – ob diejenigen, die das breite Vereinsangebot erst ermöglichen, künftig noch zur Verfügung stehen.
Weniger Angebote würde weniger Mitglieder bedeuten – droht eine Kündigungswelle?
Absolut. Wir können aktuell nicht sagen, dass eine Million weniger schon das Ende der Fahnenstange sind. Wenn von den acht Millionen Ehrenamtlichen nur zehn Prozent nicht weitermachen, wird sich das dauerhaft massiv auswirken.
Sorgen um die Ehrenamtlichen
Der DOSB hat deshalb die Kampagne „Comeback der Bewegung“ und „Comeback der Gemeinschaft“ an den Start gebracht.
Richtig. Mit dieser Aktion weisen wir darauf hin, wie wichtig Sport und Bewegung in der Nach-Corona-Zeit sind. Und wir zeigen, wie wertvoll die Angebote unserer Vereine sind.
Reichen ein paar pfiffige Plakate und coole Sprüche, um auf den Stand zu kommen, den der Sport vor der Pandemie hatte?
Sicher nicht. Es braucht zahlreiche Maßnahmen und Aktivitäten der Vereine und Verbände. Die Kampagne ist ein Bestandteil. Die Vielfalt unserer Strukturen zu sichern, ist genauso wichtig wie das Entsenden einer deutschen Olympia-Mannschaft nach Tokio.
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Schöner Übergang. Was erwarten Sie von den Sommerspielen in Japan?
Am wichtigsten ist, dass wir unser Team D sicher dorthin und gesund wieder nach Hause bringen. Sportliche Erwartungen will ich aktuell an die Spiele nicht knüpfen.
Die Sportler tun das.
Richtig. Unsere Aufgabe ist es, ihnen die Rahmenbedingungen zu bieten, damit sie in Japan ihre bestmögliche Leistung abrufen können. Der Medaillenspiegel spielt für uns diesmal aber eine untergeordnete Rolle.
Viele geimpfte deutsche Sportlerinnen und Sportler
Auch sonst werden es völlig andere Olympische Spiele. Was sagen die Athleten zu den sehr strengen Restriktionen?
Alle wissen, dass wir uns bei diesen Spielen auf einem sehr schmalen Grat bewegen. Wenn Sie die Athletinnen und Athleten fragen, ist die eindeutige Antwort: Lieber unter diesen zweifelsohne schwierigen Bedingungen als keine Olympischen Spiele.
Wie hoch wird die Impfquote im Team D sein?
Ich gehe davon aus, dass sie höher sein wird, als die von IOC-Präsident Thomas Bach für alle Teilnehmer prognostizierten 84 Prozent.
Wird DOSB-Chef Alfons Hörmann der Leiter der deutschen Delegation in Tokio sein?
Ja.
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Er stand zuletzt nach der anonymen Kritik von DOSB-Mitarbeitern an seinen Führungsqualitäten stark unter Beschuss und hat angekündigt, im Dezember nicht mehr als Präsident zu kandidieren. Seine Fürsprecher sehen eine Kampagne gegen ihn. Sie auch?
Darüber lässt sich nur spekulieren. Allerdings bin ich schon überrascht, welche Dynamik sich entwickelt hat. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ein intaktes Sportsystem innerhalb von acht Wochen so intensiv in Frage gestellt wird. Es ist bemerkenswert und besorgniserregend, dass ein anonymes Schreiben eine solche Lawine auslösen kann, die immer mehr Fahrt aufnimmt und nicht zu stoppen war.
Der Riss soll gekittet werden
Welche Fehler hat der DOSB gemacht, als es galt, sich der Lawine entgegenzustellen?
Diese Frage beschäftigt mich Tag und Nacht. Natürlich passieren in solch einer Krisensituation auch Fehler.
Geht es etwas konkreter?
In den ersten vier Wochen, als die Ethikkommission die Vorwürfe untersucht hat, haben wir die Sache bewusst nicht kommentiert. Dadurch, dass es keine Gegendarstellung von uns gab, haben sich Eindrücke verfestigt, die nur schwer zu relativieren oder korrigieren sind. Der dadurch entstandene Imageschaden für den gesamten organisierten Sport, den DOSB und seinen Präsidenten wird uns noch einige Zeit beschäftigen.
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Wie tief ist der Riss zwischen Hörmann-Gegnern und -Befürwortern innerhalb des DOSB?
Wir arbeiten intensiv daran, auf allen Ebenen schnell wieder zu einer bewährten und vertrauensvollen Zusammenarbeit zurückzukommen. Und natürlich erledigen wir auch aktuell unsere Aufgaben in hoher Qualität und Teamorientierung, etwas anderes können und wollen wir uns nicht erlauben.
Das war nicht die Frage. Den Riss gibt es doch seit der Veröffentlichung des anonymen Schreibens und des Vorwurfs, dass beim DOSB in einem „Klima der Angst“ gearbeitet werde.
Wir spüren Unsicherheiten und eine gewisse Entfremdung, was dadurch, dass ein großer Teil unserer Mitarbeitenden im Homeoffice ist, nicht einfach zu beheben ist. Wir alle wollen, dass ein positiver Prozess in Gang kommt.
Die Ethikkommission hat Alfons Hörmann in vielen Details entlastet, aber zugleich einige wesentlich weitergehende Vorwürfe formuliert – zum Beispiel, dass das Verhältnis des DOSB zu vielen anderen Organisationen stark belastet ist. Wie sehr hat sie das überrascht?
Sehr, weil damit ein ganz anderer Sachverhalt auf den Tisch kam und wir das auch anders wahrnehmen.
Lob für die Amtszeit von Alfons Hörmann
Hier hat auch IOC-Boss Bach Öl ins Feuer gegossen hat. Wie sehen Sie seine Rolle?
(überlegt lange) Dazu möchte ich mich nicht äußern.
Wie geht es weiter beim DOSB – was muss die neue Chefin oder der neue Chef mitbringen?
Ein sehr umfangreiches Portfolio. Den Interessensausgleich unter den verschiedenen Partnern, die auf den DOSB einwirken und Erwartungen an ihn stellen, zu gewährleisten, ist eine ganz große Kunst.
Ist das von einer Person überhaupt zu leisten?
Eine berechtigte Frage. Es ist auf jeden Fall eine weit größere Herausforderung, als viele vermuten. Auf der einen Seite Interessensvertreter zu sein, auf der anderen Seite aber auch Gestalter und Steuerer, das sind Rollen, die in der enormen Komplexität womöglich nur schwer in Einklang zu bringen sind.
Wie hat Alfons Hörmann diese Aufgabe aus Ihrer Sicht gelöst?
Sehr gut. Er hat viele wichtige Weichen gestellt, wie etwa die Leistungssportreform, so dass wir aus meiner Perspektive hervorragend dastehen. Alfons Hörmann hat dem DOSB und Sportdeutschland sehr gut getan. Er hinterlässt einen bestens aufgestellten Verband.