Verschickungskinder fordern Aufklärung Verschickungskinder werden gehört

Aus der Broschüre eines Todtmooser Heimes: in vielen Verschickungen sollten die Kinder zunehmen. Foto: StZ/privat

Die Verhältnisse in den Kinderkurheimen entsprachen nicht den heutigen Standards, sagen Caritas, Diakonie und DRK. Eine Pharmazeutin sieht Hinweise auf den Einsatz von Medikamenten zur Ruhigstellung.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Die Träger der Heime, in denen bis in die 80er Jahre Kinder zur Kur verschickt wurden, wollen das Geschehen dort aufarbeiten. Sie reagieren damit auf die Forderungen der Initiative Verschickungskinder, auf deren Internetseite sich immer mehr Betroffene zu Wort melden. Die überwiegende Mehrzahl berichtet, der Willkür der Heimleitungen und Erzieherinnen ausgeliefert gewesen zu sein. „Das jüngste Verschickungskind war nach unserem Wissen eindreiviertel Jahre alt“, sagt Thomas Harmsen von der Wolfenbütteler Ostfalia-Hochschule, der selbst Mitglied der Initiative ist.

 

Betroffenen wollen mitforschen

Die Initiative will die Betroffenen mit einbeziehen. Sie bereitet für Anfang des nächsten Jahres einen Förderantrag als Citizen-Science-Projekt im Rahmen der Bürgerforschung beim Bundesforschungsministerium vor. Auf die Forderung, die Forschung der Initiative finanziell zu unterstützen, reagieren die Träger der Heime jedoch zurückhaltend.

Zwar will sich der baden-württembergische Landesverband der Deutschen Rentenversicherung für die erforderliche Untersuchung einsetzen, jedoch als eigene Initiative der Rentenversicherer. Dirk von der Heide, Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Berlin, spricht jedoch von der möglichen Beteiligung an Forschungsprojekten. Finanzielle Forderungen von Geschädigten seien noch nicht eingegangen. Das Deutsche Rote Kreuz erklärt auf Anfrage, es suche die individuell passende Aufarbeitung für die Betroffenen. Die Diakonie Deutschland erklärt, aus den Unterlagen könne man ersehen, „dass die Praxis in den Heimen damaligen und erst recht heutigen Qualitätsmaßstäben nicht überall entsprach“. Auch der Caritasbundesverband Kinder- und Jugendreha versucht, anhand der Schilderungen von Betroffenen Informationen über die Geschehnisse in den Heimen zu sammeln. Aber schon jetzt konstatiert der Verband, dass „nicht immer ausgebildete Erzieher und nicht selten Beschäftigte ohne fachspezifische Ausbildungen“ in den Einrichtungen tätig waren. Übergriffe seien jedoch durch nichts zu rechtfertigen.

Aufbewahrungsfristen abgelaufen

In Niedersachsen und Rheinland-Pfalz sind die Sozialministerien nach Auskunft des AOK-Bundesverbandes bereits mit der AOK in Kontakt getreten. In Baden-Württemberg laufe die Aufarbeitung. Ein Problem könnten jedoch die abgelaufenen Aufbewahrungsfristen der Akten sein.

Die Pharmazeutin Sylvia Wagner sieht unterdessen Hinweise dafür, dass Kinder in den Kuren mit Medikamenten sediert wurden. Wagner stützt sich auf ihre Dissertation, in der sie Medikamentenversuche an Heimerziehungskindern nachgewiesen hat. Sie gehe davon aus, dass auch in den Kuren wegen Personalmangels „die medikamentöse Sedierung der Kinder ein Mittel war, unruhige und heimwehkranke Kinder zu beruhigen“.

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