Eine über Jahre hinweg verschleppte Rückrufaktion nach einer tödlichen Unfallserie kratzt am Image des mit Steuergeldern geretteten amerikanischen Automobilkonzerns. Die neue GM-Chefin Mary Barra steckt inmitten ihrer ersten großen Krise.

Washington - Jeff Boyer soll es nun richten. Der 58 Jahre alte Manager wird der Rückruf-Beauftragte des US-Automobilkonzerns GM in Detroit. Mit dieser Personalentscheidung versucht die neue GM-Chefin Mary Barra den gewaltigen Imageschaden zu beheben, der durch eine verschleppte Rückrufaktion entstanden ist. In den vergangenen Monaten wurden weltweit mehr als drei Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten beordert. GM räumte inzwischen ein, dass die technischen Probleme für den Tod von mindestens zwölf Menschen im vergangenen Jahrzehnt verantwortlich waren. Verbraucherschützer in den USA sprechen allerdings von mehr als 300 Toten.

 

Erstmals äußerte sich die neue GM-Chefin, die erst seit Mitte Januar an der Spitze des Konzerns steht, jetzt zu den Vorwürfen gegen den Automobilbauer, zu dem in Deutschland Opel gehört. „Es sind furchtbare Dinge passiert“, sagte Barra und kündigte eine interne Untersuchung der Vorwürfe an: „Als Mitglied der GM-Familie und als Mutter mit einer eigenen Familie geht mir das sehr nahe. Wir haben uns entschuldigt, aber das ist erst der erste Schritt auf dem Weg, das Problem zu lösen.“

Noch sei kein Manager wegen des Debakels bestraft oder entlassen worden. „Bis zum Abschluss der Untersuchung weiß ich nicht, wer was wann wusste“, sagte Barra und deutete damit an, dass sie auch personelle Konsequenzen nicht scheut, um das für den Gesamtkonzern gefährliche Problem in den Griff zu bekommen.

Nun interessiert sich der US-Kongress für die tödlichen Unfälle

Mittlerweile interessieren sich bereits zwei Ausschüsse des US-Kongresses in Washington für die tödliche Unfallserie in GM-Autos. Auch das US-Justizministerium hat sich eingeschaltet. Die interne Untersuchung bei GM soll Tony Valukas beaufsichtigen. Er ist ein früherer Staatsanwalt, der im Jahr 2009 im Auftrag der US-Regierung den Zusammenbruch des Investmenthauses Lehman Brothers untersuchte.

Bei 1,6 Millionen GM-Autos, die aus den Jahren 2003 bis 2007 stammen, wurden Zündschlossprobleme festgestellt, die dazu führen können, dass sich Servolenkung, Bremskraftverstärker und Airbags abschalten oder nicht ausgelöst werden. Die meisten dieser Fahrzeuge wurden in den USA verkauft. Allerdings sollen auch rund 1200 in Deutschland zugelassene Roadster Opel GT betroffen sein.

Zu dieser Rückrufaktion kamen vor wenigen Tagen drei weitere. Dabei geht es um mehr als 1,5 Millionen Fahrzeuge alleine in den USA. Nachträglich wurden bei diesen Autos elektrische Fehler registriert, die zum Ausfall von Airbags und Gurtstraffern führen können. Zu einem größeren Problem als die reinen technischen Pannen könnte allerdings für GM der Vorwurf werden, dass die Fehler offenbar seit mehr als einem Jahrzehnt bekannt waren, aber zu keiner Reaktion des Konzerns führten. GM-Chefin Barra räumte jetzt ein, dass die Rückrufaktionen viel zu spät gestartet worden seien. Sie selbst habe erst etwa zwei Wochen nach Amtsantritt Ende Januar dieses Jahres von den Problemen erfahren. Nun müsse so schnell wie möglich sichergestellt werden, dass jedes einzelne dieser Fahrzeuge repariert und dafür gesorgt werde, dass die Probleme nie wieder vorkämen. Der Austausch der fehlerhaften Zündschlösser soll im April beginnen und im Herbst abgeschlossen sein.

GM steht in den USA unter besonderer Beobachtung, weil der Konzern die Finanzkrise von 2008/2009 nur mit massiver staatlicher Hilfe aus Washington überlebte. Mittlerweile hat GM das Geld zwar an die US-Regierung zurückgezahlt, konnte aber sein Image noch nicht restlos reparieren.

Auch nach den Ankündigungen Barras, die Kontrollmechanismen mit Hilfe des neuen Rückruf-Beauftragten Jeff Boyer verbessern zu wollen, wurden skeptische Stimmen laut. Laura Christian etwa, Mutter eines 16 Jahre alten Mädchen, das zu den zwölf Todesopfern gehört, gab sich pessimistisch. Sie glaube nicht, dass sich der Konzern verändern werde: „Ich zweifle ernsthaft daran, dass sie jetzt verantwortungsvoller sind als früher.“Zumindest hat die GM-Spitze noch nicht mit den Angehörigen der zwölf Opfer gesprochen. Und Konzernchefin Barra wich bisher der Frage nach einem Entschädigungsfonds aus.