Beim Bahnhofsvorplatz, so wurde im Bürgersaal des Alten Rathauses deutlich, ist Hopfen und Malz noch nicht verloren. Das Anpflanzen von Weinreben oder Hopfenstauden könnte für ein schmuckeres Outfit sorgen, waren zwei der scherzhafteren Verschönerungstipps. Ernsthafte Visionen gab es auch. Der Besucher Stefan Bräuning trat für eine Verbannung des Autos aus dem Bereich der Berliner Straße und um den Bahnhofsvorplatz herum ein. Die Fahrzeuge nähmen einen zu großen Raum ein und gehörten dort einfach nicht hin. Ganz konnte ihm Christel Köhle-Hezinger vom Organisationsteam des „Altstadtvierteles“ nicht zustimmen. Viele Menschen, darunter auch Senioren und Mobilitätseingeschränkte, müssten zum Bahnhof gebracht und von dort abgeholt werden. Daher müsse es schon eine Stelle für Autos geben.
Keine Visitenkarte
Schlecht kam bei vielen Besuchern des offenen Bürgertreffs die Ankommens- und Begrüßungsfunktion des Bahnhofsvorplatzes an. Passanten, die aus Zug oder Bus ausstiegen, hätten keinerlei Orientierungshilfe, um sich in den Straßen und Gassen um das Areal zurechtzufinden. Das heruntergekommene optische Erscheinungsbild des Platzes verprelle viele Ankömmlinge. Die wenig einladend wirkende Fläche werde ihrer eigentlichen Funktion als Entree, Visitenkarte und erster Eindruck der Neckarstadt nicht gerecht. „Es ist eine Schande, wie sich die Stadt an dieser Stelle präsentiert“, wetterte einer der Besucher des Altstadtvierteles.
Besonders der riesige schwarze Toilettenkomplex geriet ins Visier der Kritiker. Der „Kloklotz“, wie ihn Markus Numberger bezeichnete, sorge dafür, dass es keinerlei Sichtachsen auf dem Platz gebe und er verhindere eine ansprechende optische Gliederung der Fläche. Ein Umstellen des WCs ins Innere des Bahnhofsgebäudes, so klärte Moderator und Mitorganisator Christoph Schweizer auf, werde von der Deutschen Bahn abgelehnt. Denn mit Vermietungen des Objekts werde Geld verdient, und Läden und Shops seien finanziell lohnender als eine Toilettenanlage. Christa Riedmüller aus dem Publikum allerdings brach eine Lanze für den Toilettenkomplex: Er sei eine wichtige Einrichtung vor Ort. Sie und andere Gäste hatten auch Anregungen für ein Aufpeppen parat: eine andere Farbgebung, Graffiti, Verspiegelungen, Begrünungen oder das Nutzen der Wände für eine Stadtkarte und einen Orientierungsplan.
Sozialer Brennpunkt
Das Thema Bahnhofsvorplatz als sozialer Brennpunkt brannte vielen Besuchern auf den Nägeln. Auf dem Gelände, so hat Jörg Schall, einer der Redner auf dem Podium, beobachtet, würden sich Menschen unterschiedlichster Herkunft und Milieus aufhalten – aber eine Vermischung und ein wirkliches Miteinander finde nicht statt. Daher solle das Areal zu einem Treffpunkt für alle ausgebaut werden, in dem sich die einzelnen Besuchergruppen begegnen könnten: Esslingen solle sich nicht sortieren, sondern vermischen. Von weiteren Plänen zur Entschärfung der sozialen Problematik berichtete Janina Baaken vom Verein Heimstatt Esslingen. Zusammen mit der evangelischen Gesellschaft werde gerade ein Konzept für einen Treffpunkt ausgearbeitet, in dem sich „stigmatisierte Gruppen“ wie Wohnsitzlose begegnen, austauschen und den sie nach ihren Vorstellungen gestalten könnten.
Ihre eigenen Vorstellungen hatten auch viele Besucher vom Aussehen des Bahnhofsvorplatzes: Sonnensegel, eine Pergola, Bäume, ein Springbrunnen, mehr Grün, mehr Blau, Gastronomie oder eine Beschattung könnten den Platz aufwerten, meinten sie. Solche Maßnahmen könnten auf der Maille, dem Rathausplatz oder allen anderen Esslinger Plätzen umgesetzt werden, konterte Zuhörer Rolf Beck. Aber der Bahnhofsvorplatz müsse vor allem in seiner Eigenschaft als Verkehrsknotenpunkt funktionieren. Von geschätzten 30 000 täglichen Nutzern wolle sich der Großteil nicht dort aufhalten oder dort bleiben. Die Menschen wollten hier ihr Fahrrad abstellen oder ihr E-Bike aufladen. Daher müsse die fehlende Verkehrsinfrastruktur verbessert werden – beispielsweise gebe es nicht genügend Fahrradständer.
Als Schlussgag griff Moderator Christoph Schweizer den Vorschlag des Anpflanzens von Hopfen und Wein auf. Tabak anzubauen, so witzelte er, könne eine weitere Alternative sein. Einwurf aus dem Publikum: „Die heutige Jugend raucht doch nicht mehr.“
Das Esslinger Altstadtviertele
Veranstaltung
Das Esslinger Altstadtviertele steht unter dem Dach des Geschichts- und Altertumsvereins (GAV) und greift drei bis vier Mal im Jahr strittige Themen auf. Die Anliegen werden von Moderatorenteams vorgestellt, in kurzen Referaten von unterschiedlichen Gastreferenten beleuchtet und im Besucherplenum diskutiert.
Thema
Um den „Brennpunkt Bahnhofsvorplatz“ ging es im jüngsten Altstadtviertele. Er gilt als städtebauliche Problemzone mit geringer Aufenthaltsqualität und vielen Baustellen, als sozialer Brennpunkt mit eingeschränktem Sicherheitsgefühl und unerwünschten Verhaltensweisen sowie als Kulminationspunkt für Gewaltdelikte.
Termine
Das nächste Altstadtviertele steht nach Angaben der Organisatoren am Donnerstag, 5. Oktober, an. Im Bürgersaal des Alten Rathauses soll ab 19 Uhr das Thema „Mehr Grün für die Stadt“ aufgegriffen werden. Das Datum im Herbst sei kein Widerspruch zum grünen Motto, denn in dieser Jahreszeit würden die meisten Bäume gepflanzt.