Versicherungen „Altersvorsorge braucht eine Grundgarantie“

Auch bei den meisten Riester-Verträgen handelt es sich um Rentenversicherungen. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Vorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), Guido Bader, sieht in klassischen Renten- und Lebensversicherungen nur noch ein „Nischenprodukt“. Auch Varianten mit reduzierten Garantien böten Kunden aber eine gewisse Planungssicherheit, argumentiert er.

Frankfurt - Die Deutsche Aktuarvereinigung ist die Vertretung der Versicherungsmathematiker. Sie empfahl zu Monatsbeginn, die bei Riester-Renten und in der betrieblichen Altersvorsorge vorgeschriebene Garantie eines vollständigen Beitragserhalts abzuschaffen.

 

Herr Bader, Sie haben erklärt, eine private Rentenversicherung mit 100-prozentiger Beitragsgarantie sei nicht mehr sinnvoll. Warum?

Wir befinden uns seit Jahren in einer Tiefstzinsphase, und mit der Corona-Krise und den Reaktionen der Politik und der Notenbanken darauf sind die Zinsen noch weiter gesunken. Das bedeutet: Die Lebensversicherer können durch sichere Kapitalanlagen kaum noch Zinsen erwirtschaften. Wenn ich 100 Prozent Beitragsgarantie gebe und diese sicherstellen muss und dafür nur einen ganz kleinen sicheren Zins zur Verfügung habe, dann bleibt einfach wenig Potenzial und wenig Geld, das ich vom Sparbeitrag noch in chancenreichere Anlagen wie Aktien oder Immobilien investieren kann.

Wenn ich den Beitragserhalt nicht mehr habe, könnte ich ja aber auch einen Teil des Geldes aufs Tagesgeldkonto packen, einen Teil in einen Fondssparplan und sagen: Dann mache ich es direkt selber.

Das ist richtig, wenn Sie die Fonds, die Sie auswählen wollen, klar vor Augen haben – und wenn Sie die steuerlichen Aspekte einer Rentenversicherung außen vor lassen. Aber der Versicherungsmantel bietet zahlreiche Vorteile. Er kostet Geld, das brauchen wir nicht wegzudiskutieren, aber auf die Gebühren müssen Sie natürlich auch beim Fondskauf achten. Das nehmen Ihnen die Versicherungen ab, und sie bieten weitere Chancen: So sind zahlreiche Produkte steuerlich gefördert, beispielsweise in der betrieblichen Altersversorgung oder die Basisrente. Und im Fall einer rein privaten Rentenversicherung unterliegen die Auszahlungen einer deutlich reduzierten Besteuerung. Oft gibt es auch Mechanismen, die dafür sorgen, dass kurz vor Rentenbeginn automatisch in sicherere Fonds umgeschichtet wird – ohne zusätzliche Kosten.

Um die Zinsversprechen für ältere Versicherungsverträge zu erfüllen, müssen hohe Reserven gebildet werden. Das schürt die Befürchtung, dass für eine Überschussbeteiligung der Versicherten nicht mehr viel übrig bleibt.

Ja, aber wenn wir ehrlich sind: Wenn Sie einen Altvertrag mit einem Garantiezins von vier Prozent betrachten, da bleiben selbst nach Kosten immer noch 2,5 bis drei Prozent Rendite pro Jahr. Das sind heute so attraktive Renditen, da kann es keine Überschüsse mehr geben.

Fürs Neugeschäft ist dann trotzdem die Frage, ob die versprochenen höheren Chancen bei den Kunden ankommen.

Das Geschäft dreht ja zunehmend in Produkte wie hybride Rentenversicherung, fondsgebundene Rentenversicherung, indexgebundene Rentenversicherung, wo der Kunde seine Chancen am Kapitalmarkt sucht, wo er auch ein Stück weit ins eigene Risiko geht. Das heißt, die traditionelle klassische Renten- und Lebensversicherung mit ihren Überschussbeteiligungen wird mehr und mehr ein Nischenmarkt. Das ist noch ein Produkt für Kunden, die wirklich sehr konservativ Geld anlegen und wenigstens kein Geld verlieren wollen – wobei die Versicherungen für das jetzige Zinsumfeld weiterhin respektable Überschüsse bieten. Aber es ist ein sehr konservatives Produkt, und dafür ist in diesem Kapitalmarktumfeld nicht mit großen Überschüssen zu rechnen.

Was ist denn für Sie das zentrale Argument dafür, jetzt im Niedrigzinsumfeld überhaupt noch eine Versicherung abzuschließen?

Für die Altersvorsorge-Planung braucht man Produkte, die eine gewisse Grundgarantie geben, und wenn es „nur“ die verrenteten 80 Prozent der eingezahlten Beiträge sind. Gleichzeitig zeigen Versicherungen auf, was dazukommen kann, wenn die Chancen etwa einer Drei-bis-vier-Prozent-Rendite realisiert werden. Und: Altersvorsorgeprodukte im Versicherungsmantel – egal ob in der betrieblichen Altersvorsorge, bei Basis- und Riester-Renten oder in der privaten Vorsorge – leisten lebenslang. Das ist eine wichtige Garantie.

Das kann man aber auch haben, wenn man erst in anderer Weise spart und dann eine Sofortrente fürs Alter kauft.

Kann man machen, das hat steuerlich aber eine andere Wirkung – ob vorteilhaft oder nicht, hängt von der einzelnen Person und der individuellen steuerlichen Situation ab. Zudem ist es eine Frage der Disziplin: Wenn ich selber einen Sparplan habe, wie genau halte ich den dann ein? Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Wann, glauben Sie, werden wir wieder höhere Zinsen sehen?

Das ist eine sehr, sehr, sehr gute Frage. Ich glaube, wir werden ein Zinsniveau, wie wir es heute sehen, über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte beibehalten. Wir haben sehr hohe Schuldenstände in fast allen Industrienationen. Europa, Japan und die USA können sich eigentlich langfristig gar keine höheren Zinsen leisten.

Irgendwann wird dieses Konstrukt aus enorm hoher Staatsverschuldung und Nullzins implodieren, und dann gibt es einen Reset. Aber der Auslöser dafür wird wahrscheinlich irgendwas sein, was man derzeit überhaupt nicht auf dem Schirm hat. Das Niedrig- oder Nullzinsszenario kann uns aber auch noch 20, 30 oder gar 40 Jahre begleiten.

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