Versicherungsfall Auf fremden Füßen

Von Michael Ohnewald 

Bei einem Autounfall hat der Esslinger Yusuf Davul seine Beine verloren. Seither streitet er sich mit der Haftpflichtversicherung über die Entschädigung.

Yusuf Davul mit seinem Stafford Terrier Katil Foto: Martin Stollberg
Yusuf Davul mit seinem Stafford Terrier Katil Foto: Martin Stollberg

Esslingen - Katil macht es leichter. Er stellt keine Fragen an die Vergangenheit. Ohne Katil, den Stafford Terrier, säße Yusuf jeden Tag allein mit seinem türkischen Tee vor der Palme am weißen Strand. Die gibt es nicht wirklich, sondern nur als Poster, das neben seinem Bett im sechsten Stock eines Betonbaus hängt. „Ich dachte, das macht gute Laune“, sagt Yusuf Davul, der wie hineinkopiert wirkt in die Idylle.

Katil, der Hund, kann mit Palmen auf Postern nichts anfangen. Die Linden vor dem Haus sind seine Welt. Weil das so ist, verlässt Yusuf ein paar Mal am Tag sein Bett vor dem Strand und geht spazieren, was seiner Seele guttut, die wund gescheuert ist seit jenem Tag, an dem ihn das Leben brachial gestutzt hat.

Cihan, sein älterer Bruder, stand damals im Krankenhaus vor ihm und sprach die Wahrheit aus. Sie fühlte sich an wie ein kaltes Nichts. Beide Beine abgerissen. Nichts mehr da von dem, was ihn zuvor getragen hatte. Kein Fußball. Kein Boxen. Wären die Ärzte fünf Minuten später gekommen, sagte der Bruder, hätte es keine Rettung mehr gegeben. Yusuf Davul starrte auf die Verbände unter seinem Becken. Er war gerade 19 und hatte keine Lust, älter zu werden.

Viel Zeit zum Grübeln

Sechs Jahre später hat Yusuf Davul eine Zukunft aus Titan. Sie steht in der Ecke seines Zimmers. Er hat Prothesen, auf denen er gehen kann. Jeden Tag dreht er mit Terrier Katil draußen eine Runde, geht hinunter zum Neckar. Danach braucht Yusuf meistens eine Pause. Zu Hause reibt er seine Stummel ab und setzt sich in den Rollstuhl. Er hat dann wieder viel Zeit zum Grübeln. Darüber, wie er vielleicht geworden wäre. Darüber, wie er ist. Und darüber, wie eine deutsche Haftpflichtversicherung Menschen wie ihn behandelt.

Yusuf Davul, 1986 geboren, wuchs mit seinem älteren Bruder in Esslingen auf. Er kickte in der Jugend beim SV Mettingen, später boxte er. Seine Handschuhe liegen im Regal neben der Palme. Die Eltern stammen aus der Türkei. Cihan, der Ältere, wurde Physiotherapeut. Yusuf machte 2003 den Abschluss auf der Hauptschule und versuchte sich danach an der Mittleren Reife. Es gelang ihm nicht. Er jobbte hier und da, machte Praktika. „Ich wollte mich auf eine Lehrstelle bewerben“, sagt er. „Fahrzeuglackierer oder Stuckateur.“

Am 13. Januar 2006 traf sich Yusuf mit einem Freund, den er seit der Schule kennt. Kurz nach Mitternacht wollten sie sich Zigaretten holen an einer Tankstelle. Sie nahmen seinen Honda Civic. Der Freund setzte sich ans Steuer. Gegen 0.55 Uhr kam der Wagen auf der Augsburger Straße von der Fahrbahn ab und krachte frontal gegen einen am Straßenrand abgestellten Wohnwagen.