Versorgung im Rems-Murr-Kreis Was tun gegen den Ärztemangel?

Eine Hausärztin setzt eine Spritze – aber viele Patienten tun sich zunehmend schwer, einen Arzt in der Umgebung zu finden. Foto: dpa/Nicolas Armer

Finanzielle Anreize, Bau von Ärztehäusern, Einsatz externer Berater: Auf unterschiedliche Weise wird das Thema in den Großen Kreisstädten angegangen. Weil viele Mediziner schon älter sind, müssen Nachfolger gefunden werden.

Insgesamt gesehen ist Weinstadt recht gut versorgt mit Ärzten, so die Einschätzung des Wirtschaftsförderers Karlheinz Heinisch. Zumindest noch. Denn viele der Mediziner näherten sich der Altersgrenze. „Nachfolger zu finden ist heute schon sehr schwierig“, erklärte er im Gemeinderat die Herausforderung in den kommenden Jahren. Einen Vorgeschmack, was auf die Einwohner zukommt, bietet die kinderärztliche Versorgung: Mit nur einem praktizierenden Kinderarzt in der Stadt sei diese bereits jetzt angespannt, berichtete Heinisch.

 

Weinstadt holt sich Rat von außen In der Vergangenheit habe man das Thema zwar immer wieder „punktuell gestreift“, etwa bei Überlegungen, einem Arzt in Großheppach zur Ansiedlung ein Grundstück zur Verfügung zu stellen. Aber jetzt halte er es für notwendig, die ärztliche Versorgung in Weinstadt grundsätzlich zu betrachten, sagte Heinisch, etwa auch die Einrichtung eines ärztlichen Versorgungszentrums durch die Stadt, um den Anforderungen junger Ärzte entgegenzukommen. Als erster Schritt dazu soll der Rat externer Fachleute gehört werden. Daher soll die Managementberatung Dostal & Partner Modelle entwickeln, wie in Weinstadt die wohnortnahe ärztliche Versorgung gesichert werden kann. 15 000 Euro lässt man sich die Untersuchung der Unternehmensberater aus Bayern kosten, zu der unter anderem niedergelassene Ärzte in der Stadt befragt werden sollen.

Zwei Ärztehäuser in Waiblingen Waiblingen spart sich das Geld und setzt ganz auf die eigene städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft, kurz WTM. Seit Jahren stehe man mit der Ärzteschaft im Dialog, wenn es um Praxisübergaben, die Vermittlung von Räumlichkeiten und sonstigen Fragestellungen rund um das Gesundheitswesen gehe, und analysiere Zahlen und Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), berichtet der WTM-Geschäftsführer Marc Funk. Für ihn ist die medizinische Versorgung ein wichtiger Standortfaktor. Dazu gehörten auch Ärztehäuser, sagt Funk: „Sie sind die richtige Antwort auf den Strukturwandel in der Ärzteschaft.“ Dementsprechend begrüßt und begleitet die WTM deren Planung. Eines, das Medicplaza im Gewerbegebiet Eisental, ist bereits im Bau. Bis Ende 2023 soll es fertiggestellt sein, ist auf der Homepage dazu zu lesen. Voll vermietet sei es schon, berichtet Funk. Ein weiteres Ärztehaus wolle ein privater Investor in der Waiblinger Innenstadt realisieren. Jedoch habe man nicht nur die Kernstadt, sondern auch die Waiblinger Ortschaften im Blick, merkt der Wirtschaftsförderer an und nennt als jüngstes Beispiel die Ansiedlung einer Hausarztpraxis in Bittenfeld, in der ein Team von Allgemeinmedizinerinnen tätig ist.

Fellbach setzt auf Kooperationen Auch in Fellbach geht man neue Wege – und zwar schon seit 2019. Damals stand eine Kinderarztpraxis altersbedingt vor der Schließung, wovon 1800 kleine Patienten betroffen gewesen wären. Ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) übernahm die Praxis. Die Stadt habe dies sehr befürwortet und den Kontakt über den Fellbacher Wirtschaftsförderer Christoph Pfefferle hergestellt, berichtet dazu die städtische Pressesprecherin Sabine Laartz: „In Kooperation mit der genossenschaftlichen Paedoc GmbH, die zwei Kinderärzte aus Ludwigsburg und Kirchheim/Teck gegründet haben, konnte die Praxis erhalten und eine junge Ärztin angestellt werden.“ Der vorherige Praxisinhaber arbeite auf eigenen Wunsch als Angestellter weiter und konzentriere sich dabei auf seine Schwerpunkte.

„Zu einer guten kommunalen Infrastruktur gehören Ärzte unbedingt dazu. Die Gründung des MVZ war eine richtige und zukunftsweisende Lösung“, kommentiert die Oberbürgermeisterin Gabriele Zull die Entwicklung. So erfolgreich das Modell des MVZ in diesem Falle ist, auf alle Praxen, die vor einer Schließung stehen sei es sicher nicht anwendbar, schränkt Pfefferle ein: „Sie müssen dazu gute Kooperationspartner bei den MVZ haben, die auch gut in die hiesige Infrastruktur passen.“ So sei man bestrebt, auch die herkömmliche medizinische Struktur aufrechtzuerhalten.

Winnenden fördert Praxen finanziell Auch im Kreiskrankenhaus-Standort Winnenden ist die ärztliche Versorgung ein Thema, gleichwohl man diese als gut bezeichnet. Dabei hat die Stadtverwaltung Medizinern auch schon monetäre Anreize gegeben, damit sich diese dort ansiedeln beziehungsweise bestehende Arztpraxen fortführen.

In zwei Fällen sei dies in den vergangenen Jahren finanziell gefördert worden, berichtet die Stadtsprecherin Franziska Götz. Das eine Mal sei es um eine Kinderarztpraxis gegangen, das andere Mal um eine hausärztliche. Des Weiteren habe sich die Stadt 2019 um die Eröffnung einer weiteren Dermatologiepraxis bemüht und per Anzeige aktiv nach einem Hautarzt gesucht. Ein großes Thema sieht man aber in der hausärztlichen Versorgung. „In Winnenden sind rund 20 Prozent der Hausärzte über 60 Jahre, sodass sich in den nächsten Jahren in vielen Fällen die Nachfolgefrage stellt“, sagt Götz.

Backnang wirbt aktiv In Backnang ist die Lage jetzt schon angespannt. Mit einem Versorgungsgrad von 79,9 Prozent weise der Mittelbereich Backnang eine Unterversorgung bei Hausärzten auf, erklärt der Pressesprecher Christian Nathan. Zudem sei auch die Verteilung von Fachärzten auf Backnang teils unterproportional. Die Stadt, einst Kreiskrankenhaus-Standort, wirbt daher aktiv um ärztliches Fachpersonal. „Konkret ist im Bereich der Oberen Walke ein Haus der Gesundheit geplant.“ Außerdem prüfe man, inwiefern weitere räumliche Angebote in den unterversorgten Teilorten geschaffen werden könnten und tausche sich dazu mit der örtlichen Ärzteschaft und der KV BW aus. In Schorndorf, wo es nach wie vor ein Krankenhaus gibt, befasst man sich in der Stadtverwaltung zum Thema ärztliche Versorgung vor allem mit der Unterstützung und Weiterentwicklung der Klinik sowie des dortigen Gesundheitszentrums.

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