Aufnahmestopps und kaum freie Termine: Eltern, Ärzte und Ämter klagen über die Belastung der Kinderarztpraxen. Wie kann das sein, obwohl die Versorgungslage in der Region Stuttgart auf dem Papier als überdurchschnittlich gilt?

Im Spätsommer und Herbst sei es besonders schlimm gewesen, erinnert sich Thomas Kirchner, Kinderarzt aus Weil der Stadt. „Seit ein paar Wochen geht es wieder.“ Die saisonale Krankheitswelle ist überwunden – trotzdem blickt Kirchner nicht sonderlich positiv auf die Lage der Kinderärzte, die mit der Versorgung ihrer Patienten oft kaum mehr hinterherkommen. „Die Situation hat sich in der ganzen Region wesentlich verschlechtert“, sagt er. Für Familien und Kinder, die teils nur schwer einen Termin beim Kinderarzt bekommen, sei das eine „Katastrophe“.

Kinderarztmangel ist auch in Stuttgart angekommen

Ähnlich düster wird die Lage auch in einigen Landratsämtern in der Region eingeschätzt: „Die Versorgungslage ist angespannt und wird sich voraussichtlich in den nächsten Jahren eher noch verschärfen“, so Benjamin Lutsch, Sprecher des Landratsamtes in Böblingen. „Es erreichen uns mittlerweile jede Woche mehrere Anfragen von Eltern. Das hat in den letzten Monaten zugenommen.“ Als „derzeit leider mangelhaft“ bezeichnet das Landratsamt im Rems-Murr-Kreis die Lage.

Im Landkreis Esslingen habe man zwar keine eigenen Daten zur pädiatrischen Versorgung erhoben, räumt aber auch dort ein, dass es immer wieder zu Bedarfsanfragen aus der Bevölkerung kommt, verstärkt durch die winterliche Krankheitswelle und geflüchtete Familien, die nun Ärzte für ihre Kinder suchen. Und selbst in Stuttgart, wo eigentlich deutlich mehr Kinderärzte angesiedelt sind, wird es langsam eng: „Der Kinderarztmangel ist auch bei uns angekommen“, sagt Stefan Ehehalt, der Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts. Erst im vergangenen Jahr musste eine Kinderarztpraxis in Neugereut geschlossen werden, weil kein Nachfolger gefunden wurde. „Das wäre früher undenkbar gewesen“, so Ehehalt. Für ihn bestehe gar kein Zweifel: Auch in der Landeshauptstadt mangelt es an Kinderärzten. Um die Situation anzugehen, hat die Stadt inzwischen einen runden Tisch ins Leben gerufen.

Mehr Patienten, mehr Bürokratie

Dass die Kinderarztpraxen des Landes unter enormem Druck stehen, weiß auch Till Reckert, Sprecher des baden-württembergischen Landesberufsverbandes für Kinder- und Jugendärzte. Warum hat sich die Lage so zugespitzt? „Wir haben einen Geburtenanstieg“, so Reckert. Auch die Zuwanderung durch Familien, die im Schnitt mehr Kinder haben, spüle mehr junge Patienten ins System.

Neue Regelungen, etwa die jüngst eingeführte elektronische Abeitsunfähigkeitsbescheinigung „eAU“, bedeuten für die Arztpraxen gleichzeitig Mehraufwand: Rund 1,25 Millionen Arbeitsstunden im Jahr fallen durch das digitale Verfahren an, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung berechnet. Heutzutage wird mehr geimpft, mehr vorgesorgt, Kinder werden früher in die Kita geschickt und damit auch früher Infekten ausgesetzt. „Es ist nicht so, dass wir weniger Ärzte hätten“, sagt Reckert. „Aber die Zitrone wird immer weiter gequetscht.“

Auf dem Papier gibt es genug Kinderärzte

All dem gegenüber steht die Versorgungslage auf dem Papier – und dort ist sie überdurchschnittlich. Die Kassenärztliche Vereinigung rechnet den Versorgungsgrad je Landkreis und Fachrichtung aus, bei Kinderärzten in der Region Stuttgart liegt dieser konsequent über 100. Am schlechtesten schneidet noch der Kreis Böblingen mit einem Wert von 100,8 ab, während die Werte in den Kreisen Esslingen und Ludwigsburg, dem Rems-Murr-Kreis und dem Stadtkreis Stuttgart knapp über der 110 liegen. Diese Werte bedeuten aber auch, dass sich Ärzte dort zusätzlich zur bestehenden Versorgung gar nicht so leicht niederlassen können – selbst, wenn Eltern vor Ort kaum einen Termin für ihre Kinder bekommen.

Wirklich nützlich zur Betrachtung der Versorgungslage ist der Wert des Versorgungsgrads also nicht. „Die Zahl spiegelt nicht wieder, wie viele Ärzte es braucht, damit alle Patienten schnell einen Termin bekommen“, erklärt Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Viel eher würde sie aufzeigen, wie viel Geld in den Kreisen zur Verfügung steht, weil es bei Einführung des Systems Anfang der 90er-Jahre primär um die Kostendämpfung im Gesundheitssystem ging. Zumal die Berechnung des Versorgungsgrads für eine solche Beurteilung „systematische Schwächen“ habe, so Sonntag.

Kinderärzte wollen häufiger angestellt sein

Eine dieser Schwächen: Ärztinnen und Ärzte wollen heutzutage häufiger in einem Angestelltenverhältnis arbeiten. Bis Anfang der 90er-Jahre habe es angestellte Mediziner nur in den Krankenhäusern, aber nicht in der ambulanten Versorgung gegeben. Heute sei mehr als die Hälfte derer, die jedes Jahr neu ihre Zulassung beantragen, angestellt – eine „gravierende Verschiebung“, wie Sonntag meint. Wer angestellt ist, hat zwar mehr Sicherheit und geregelte Arbeitszeiten, kommt so in der Regel aber auf eine geringere Anzahl an Sprechstunden.

Dass die Berechnungsgrundlage für den Versorgungsgrad inzwischen über 30 Jahre alt ist, kritisiert der Weiler Kinderarzt Kirchner. „Die Bedarfsplanung ist überhaupt nicht mehr fachgerecht“, sagt er. Das liege unter anderem an einem ausführlicheren Vorsorge-Programm in den Praxen, aber auch am höheren Anteil von Frauen in der Kinderheilkunde, die teils wegen der Betreuung ihrer Kinder beruflich kürzer treten.

Kinderarztpraxen bleiben oft ohne Nachfolge

Diese Verschiebung der Lebens- und Arbeitsgestaltung junger Mediziner ist es auch, die inzwischen immer häufiger dafür sorgt, dass Praxen nach dem Rentenantritt des dort tätigen Kinderarztes leer bleiben. „Das Problem ist, dass es weniger Ärztinnen und Ärzte gibt, die sich niederlassen wollen“, sagt Sonntag. Immerhin: In der Region Stuttgart kämpft aktuell nur der Landkreis Böblingen mit diesem Problem: Hier sind gerade zwei Kinderarztsitze unbesetzt.

Schnell ändern könne man an der Lage wenig, so Sonntag. Mehr Studienplätze schaffen? Bis die neuen Studierenden fertig ausgebildet sind, würde es erst einmal zwölf Jahre dauern. Eine Patentlösung hat auch Till Reckert nicht. Eltern, die frustriert über die überfüllten Kinderarztpraxen sind, empfiehlt er, Druck bei den Landes- und Bundestagsabgeordneten zu machen. Der Weiler Arzt Thomas Kirchner plädiert derweil für einen Bürokratieabbau, kritisiert, dass Praxen durch den bürokratischen Aufwand inzwischen massiv an der eigentlichen Patientenversorgung gehindert würden. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt er. „Aber wenn ich sehe, dass ich dem Bedarf hier nicht mehr gerecht werden kann, dann stört mich das sehr.“