Versorgung mit Strom Große Angst vor der französischen Stromlücke

Atomkraftwerk Bugey: Frankreich ist in sehr hohem Maße von Atomstrom abhängig. Foto: imago images/teamwork/Thomas Rathay

In Frankreich ist mehr als die Hälfte der Atomkraftwerke außer Betrieb. Für den Winter bereitet sich die Bundesregierung in Berlin auf düstere Szenarios vor.

Politik/Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)

In Frankreich war wochenlang Wahlkampf. Präsident Emmanuel Macron brauchte gute Nachrichten für seine Wiederwahl, da konnten beunruhigende Meldungen über den Zustand der französischen Atomkraftwerke nur hinderlich sein. Inzwischen ist Macron wiedergewählt, nun wird mit den EU-Partnern offener über die Probleme in der Stromversorgung gesprochen. Nach den jüngsten Zurufen aus Paris stellt sich die Berliner Regierung auf düstere Szenarien für den kommenden Winter ein.

 

Gegenwärtig laufen nur noch vierzig Prozent der französischen Atomkraftwerke. Ein großer Teil steht seit Wochen oder gar Monaten nach der Entdeckung kleiner Risse im Notkühlsystem oder wegen Wartungsarbeiten still. Die aktuelle Hitzewelle verschärft die Probleme. Wenn sich die Lage bis zum Winter nicht deutlich entspannt, muss sich Deutschland darauf einstellen, in großem Stil Strom nach Frankreich zu liefern. Dazu ist es auch europarechtlich verpflichtet. Die Franzosen entwickeln schon in normal kalten Wintern einen großen Stromhunger, weil viele Wohnungen nicht mit Gas, Kohle oder Fernwärme geheizt werden, sondern mit Strom. Eine verschärfte Nachfrage in diesem Winter könnte zu Versorgungsproblemen in Deutschland führen. Denn auch hier dürfte der Strombedarf stärker als normal steigen – zum Beispiel, weil die Bürger Gas sparen wollen und auf elektrische Heizgeräte umsteigen.

Deutschland ist zu Stromlieferungen an das EU-Partnerland verpflichtet

Das verdüsterte Frankreich-Szenario hat entscheidend mit dazu beigetragen, dass die Bundesregierung die vier deutschen Netzbetreiber mit einem zweiten Stresstest beauftragt hat. Ein erster Stresstest zwischen März und Mai ergab, dass die deutsche Stromversorgung gewährleistet bliebe, wenn Gaslieferungen aus Russland ausfallen würden, der Gaspreis stark ansteigt und Frankreich wenig Energie liefert. Nun wird unter verschärften Annahmen noch einmal geprüft.

Kretschmann befürwortet neuen Stresstest

„Ein erneuter Stresstest ist durchaus sinnvoll. Die Situation entwickelt sich dynamisch und dramatisch“, sagt der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). „Wir sind in der Situation einer Polykrise. Die Krisen beeinflussen und verstärken sich gegenseitig.“ So kann zum Beispiel Niedrigwasser in den Flüssen den Transport von Kohle zu den Kraftwerken verhindern, die eigentlich statt der Gaskraftwerke Strom erzeugen sollen.

Sollte der Stresstest ergeben, dass Deutschland im Extremfall nicht nur beim Gas, sondern auch beim Strom eine Versorgungslücke erleben würde, wird das die Debatte über einen Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke stark befeuern. Deren Laufzeit endet eigentlich mit diesem Jahr.

Die Bundesregierung hält sich bewusst die Option offen, die drei letzten Atomkraftwerke für eine kurze Zeit weiterzubetreiben. Der grüne Ministerpräsident in Baden-Württemberg macht bei dieser Strategie mit. „Ich habe mich nicht gegen eine Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke ausgesprochen“, betonte Kretschmann am Dienstag in Stuttgart. „Das entscheidet der Bund.“

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