Neue Streckenbetreiber Go-Ahead und Abellio Für Pendler noch schlechter als die Bahn

Abellio hat erst zwei von 18 bestellten Zügen erhalten. Foto: dpa/Nestor

Die Hoffnungen waren groß, als neue Betreiber der Deutschen Bahn wichtige Strecken im Nahverkehr abnahmen. Doch die Probleme sind jetzt so groß, dass sogar die Deutsche Bahn helfen muss.

Stuttgart - Die „neuen und modernen Regionalzüge im Landesdesign“ sind für den baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) der Beweis, dass man mit den Partnern im Nahverkehr alles tue, „um Bahnfahren für die Kunden einfacher und attraktiver zu machen“. Das verkündete Hermann, bevor die Eisenbahnunternehmen Go-Ahead und Abellio an Pfingsten den Betrieb auf den Strecken von Stuttgart nach Karlsruhe und Heidelberg sowie nach Aalen/Crailsheim aufnahmen – und Chaos anrichteten. Hermanns Euphorie ist Ernüchterung und Sorge gewichen. Die Betriebsqualität stellt ihn überhaupt nicht zufrieden. Er meinte sogar, ein „derart unzuverlässiges Unternehmen“ wie der für Abellio tätige Zuglieferant Bombardier sei ihm selten untergekommen. Ministerialdirektor Uwe Lahl verweist vorsorglich auf die vereinbarten Vertragsstrafen wegen nicht vollständig erbrachter Leistungen.

 

Pendler beschweren sich massiv

Der holperige Start zehrt aber vor allem an den Nerven der Pendler. Sie beklagen erhebliche Verspätungen, Zugausfälle, vermehrtes Umsteigen und Kommunikationsprobleme. „Meine Meinung zum Fahrplanwechsel: einfach Schrott“, heißt es in einem Leserbrief. „Ich dachte, die Deutsche Bahn ist in einem schlechten Zustand, aber es geht noch schlechter“, resümiert ein Fahrgast.

Aus unserem Plus-Angebot: Kommentar „Zuverlässigkeit hat ihren Preis“

Christian Petersohn von Pro Bahn zeigt sich milde: Solche Startprobleme seien kein spezifisches Problem von Baden-Württemberg; es gebe sie sogar im vorbildlichen Bahnland Schweiz. Die Bahnindustrie liefere die Fahrzeuge gewöhnlich zu spät, es gelte der „Bananen“-Grundsatz: Die Ware reift beim Kunden. Mehr Leistung fürs gleiche Geld – darunter leide die Betriebszuverlässigkeit. Er würdigt die neuen Fahrzeuge als „spurtstark“, bequem, zweckmäßig aufgeteilt und gut klimatisiert. Auch sei der Fahrplan erheblich verbessert worden. Das sieht auch Matthias Lieb vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) so. Er bezeichnet aber Ausstattung (geringer Sitzabstand und Durchgangsverkehr) sowie Umfang (nur drei Prozent der Sitze in der ersten Klasse gegenüber vorher 20 Prozent) als Fehlentscheidung – und bei einem Aufpreis dafür von 60 Prozent als völlig unattraktiv. Hans-Peter Sienknecht, der Geschäftsleiter von Go-Ahead im Land, gibt sich die Schulnote Vier minus für die ersten zwei Monate. Der Juni habe ihm bei der Pünktlichkeit „mächtig zu schaffen gemacht“. Mittlerweile gehe es aber in die richtige Richtung – auch weil das Land ein Reservezugpaar für die Strecke Stuttgart–Karlsruhe orderte, mit dem Verspätungen abgebaut werden. Und die Neulinge im Führerstand und in der Leitstelle lernten täglich dazu. Die Lokführer seien mit Störungsmeldungen überschüttet worden, „mit denen sie nicht immer umzugehen wussten“. Die neuen Flirt-Fahrzeuge haben Probleme mit den Schiebetritten, die Software reagiert allergisch auf unterschiedliche Bahnsteighöhen und verhindert die Weiterfahrt. Weil die Fahrzeuge kurzfristig geliefert worden seien, fiel der Probelauf aus: „Wir mussten alle ins kalte Wasser springen.“

Go-Ahead-Chef sieht die Lage kritisch

Verspätungen fängt man nun auf, indem Züge ausfallen oder gar nicht erst bis zum Zielbahnhof Aalen fahren, sondern schon vorher in Schwäbisch Gmünd wenden (oder gar schon in Schorndorf). Die Lösung mancher Probleme werde sich bis Jahresende hinziehen, prophezeit Sienknecht. Die neuen Fahrzeuge würden jedenfalls mit den alten Fehlern geliefert und müssten deshalb noch einmal überarbeitet und zugelassen werden.

Bombardier liefert nicht

Das Fahrzeugproblem bei Abellio heißt Bombardier: Der Lieferant liefert einfach nicht. Von 18 Zügen sind zwei im Einsatz. Acht weitere sollen in diesem Monat folgen, fünf weitere bis Ende September. Von 25 für die zweite Betriebsstufe (Stuttgart–Bad Friedrichhall–Mannheim/Osterburken und Heilbronn–Öhringen) eingeplanten Zügen werden nur zehn geliefert. Nun hat aber Abellio „das Wort von Bombardier-Chef Locher, dass das klappt“.

Dass die Niederländer überhaupt fahren können, verdanken sie neben zwei anderen Unternehmen vor allem der DB Regio, die die Niederländer mit Personal und Material versorgt. Das hat aber auch seine Grenzen, etwa weil Fahrzeuge nach der Niederlage bei der Vergabe aufs Abstellgleis sollten und wegen nötiger Wartungen vorübergehend ausfallen. „Vom Problem zum Problemlöser, und das in so kurzer Zeit“, sagt DB-Regio-Chef David Weltzien mit süffisantem Lächeln.

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