Verstorbener Stuttgarter Architekt Arno Lederer Architektur als Spiegel der Gesellschaft

Schreibender Architekt: Arno Lederer (1947-2023) Foto: Gabriela Neeb

Wie baut man gute, schöne Häuser? Was bedeutet Baukultur? Und warum gibt es viele schlechte Einfamilienhäuser? Fragen, auf die der jüngst verstorbene Stuttgarter Architekt Arno Lederer kluge Antworten gab. Ein Essayband versammelt seine wichtigsten Schriften.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Seine Stimme wird fehlen. Darin war sich die Architekturkritik, die in ihren Nachrufen den jüngst verstorbenen Stuttgarter Architekten Arno Lederer (1947 –2023) würdigte, einig. Umso dankbarer darf man sein, dass zumindest ein Teil dessen, was Lederer zur Architektur und Baukunst im Allgemeinen wie im Besonderen zu sagen hatte, nun nachlesbar ist. Der jetzt erschienene Band „Drinnen ist anders als draußen“ versammelt eine Auswahl seiner Schriften – Vorträge, Reden, Briefe, die die Journalistin Amber Sayah und Jórunn Ragnarsdóttir, Lederers Ehefrau und Büropartnerin, aus einem großen Fundus herausgefiltert haben.

 

Liebhaber der Theorie

Schreibende Architekten seien heute offenbar eine bedrohte Spezies, heißt es im Vorwort, und Arno Lederer war einer der wenigen, für den das für den Berufsstand – und die Gesellschaft – so wichtige „Nachdenken über die Res publica Architektur in ihren gesellschaftlichen, anthropologischen, kulturellen, historischen und technischen Belangen“ selbstverständlich war. Er habe sich selbst einen „Amateur und Liebhaber der Theorie“ genannt, wobei bei ihm „alle Theorie eben nicht grau und Friedrich Schiller so zitierfähig wie die Maus Frederick“ sei, schreibt Sayah. Das ließ ihn zu einem gefragten Vortragsredner werden – und macht die Lektüre seiner Schriften nun zu einer so horizonterweiternden wie kurzweiligen Angelegenheit.

Sayah und Ragnarsdóttir haben ein knapp 500-seitiges Lesebuch zusammengestellt, das zum Hin- und Herspringen einlädt. Text pur, ohne Fotos oder Zeichnungen. Dass sie das Material weder thematisch noch chronologisch gliedern, stärkt diesen Charakter, gleichzeitig sehen sie auf diese Weise „die Kritik des Autors am Spezialistentum in der Architektur“ gespiegelt. Architekten sollten Generalisten sein, darin war sich Lederer mit einem anderen Großen der Stuttgarter Baukunst einig, dem Ingenieur Jörg Schlaich. „Baukultur bedeutet (...) ein Denken in gesamtheitlichen Zusammenhängen“, schrieb er 2016.

Geistreicher, belesener Kopf

Die Reflexion über die Ausbildung, die Rolle des Architekten, seine Verantwortung für die Baukultur, Wesen und Aufgabe von Räumen, Häusern, Architektur – damit ist man dann ja auch schon mittendrin in Lederers zentralen Themen. Weitere kommen in den 44 Texten hinzu, die Spanne reicht von einzelnen Baustoffen – wie dem von ihm bevorzugten Mauerstein – bis zu weitgreifenden architekturhistorischen und -theoretischen Betrachtungen. Stets gibt sich der Verfasser als wacher, kritischer, geistreicher und überaus belesener Kopf zu erkennen.

Warum gibt es so viele miserable Einfamilienhäuser?

Sein Credo, Häuser von der Stadt her zu denken, ist von so universeller Natur, dass es sich wie ein roter Faden durch die Essaysammlung zieht, egal, ob es um so vermeintlich konträre Dinge wie die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses oder das Wesen des Einfamilienhauses geht.

Heute, wo über die Wohnform des „Kleinen Hauses“, so der Titel seines Aufsatzes übers Einfamilienhaus, mehr denn je debattiert wird, dürfte gerade dieser Text vielleicht besonders interessieren. Warum gibt es flächendeckend so viele miserable Beispiele?, legt der Autor den Finger in die Wunde. Es müsse mehr am Bauherren als am Architekten liegen. Denn der Bauherr denke in der Regel „zunächst nur an das, was für ihn selbst gut ist“. Und vergesse, dass „sein Haus ein Stück der gemeinsamen Straße, des Quartiers und der Stadt ist. (...) Architektur ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Man muss nur durch neue Einfamilienhausgebiete gehen, um in diesen Spiegel zu schauen“.

„Architektur lesen“ lautet der doppeldeutige Untertitel – mit Arno Lederers letztem wertvollen Band kann man es lernen.

Jórunn Ragnarsdóttir (Hg.): Drinnen ist anders als draußen. Architektur lesen. Arno Lederer. Jovis Verlag. 496 S., 38 Euro

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