Versuchsanbau in Waiblingen Viel Aufwand für weniger Pflanzenschutzmittel
Landwirt Volker Escher arbeitet in Feldversuchen dabei mit, die gesetzlichen Vorgaben für Biodiversitätsstärkung umzusetzen. Die Erkenntnisse aus dem ersten Projektjahr.
Landwirt Volker Escher arbeitet in Feldversuchen dabei mit, die gesetzlichen Vorgaben für Biodiversitätsstärkung umzusetzen. Die Erkenntnisse aus dem ersten Projektjahr.
Waiblingen - Im vor gut einem Jahr verkündeten Gesetz zur Stärkung der Biodiversität hat sich das Land Baden-Württemberg ein ziemlich ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2030 soll der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel landesweit um 40 bis 50 Prozent gesenkt werden. Um die Reduktion in der Landwirtschaft zu unterstützen, baut die Landwirtschaftsverwaltung seitdem gemeinsam mit den in der Landwirtschaft Aktiven ein Netz aus sogenannten Demonstrationsbetrieben auf. Dort werden Maßnahmen zur Reduktion von Pflanzenschutzmitteln erarbeitet.
Der Hegnacher Landwirt Volker Escher ist einer von fünf Landwirten im Regierungsbezirk Stuttgart, der – als einziger Betrieb im Rems-Murr-Kreis – mit Unterstützung von Fachleuten des zuständigen Amtes im Landratsamt und des übergeordnet zuständigen Landwirtschaftlichen Technologiezentrums (LTZ) Augustenberg bei den Praxisversuchen mit dabei ist. Das Ziel im auf mindestens fünf Jahre ausgelegten, möglicherweise aber auch bis 2030 andauernden Projekt ist es, in allen Bereichen der Bewirtschaftung inklusive Gleisbereichen der Bahn oder privaten und öffentlichen Gärten nach Möglichkeiten zu suchen, den Einsatz an Pflanzenschutzmittel zu minimieren.
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Bei der Begehung des Demonstrationsbetriebs für die Forschung an Mais, Getreide und Kartoffeln nach dem ersten Projektjahr mit Vertretern aus dem Landratsamt und vom Technologiezentrum des Landes ist eines der Ziele ein Maisacker. Der ist in mehrere Streifen unterteilt, die im Rahmen der Versuchsanordnung unterschiedlich bearbeitet worden sind. Schwerpunkt ist hier die Bekämpfung des Unkrauts, das vor allem den jungen Maispflanzen schwer zusetzt und deren Wachstum massiv einschränken kann. Ein Vergleichsstreifen wurde herkömmlich behandelt, sprich wie gewohnt mit chemisch-synthetischem Pflanzenschutzmittel gespritzt. Beim nächsten Streifen hat der Landwirt darauf verzichtet und die unerwünschte pflanzliche Konkurrenz des Maises mechanisch am Wickel gepackt. Striegeln nennt sich die Methode, bei der das Unkraut schon in der Entstehungsphase mit einer Spezialmaschine „ausgekämmt“ wird.
Zusätzlich wird auf die gute alte Art die Hacke geschwungen. Der komplette Verzicht aufs Spritzen ist ein mühseliges Unterfangen, konstatiert der Landwirt und vor allem unter den nassen und kalten Witterungsbedingungen in diesem Jahr ziemlich vergeblich. Die Konsequenz: Im Zweifelsfall muss eben doch gespritzt werden, um Totalausfall zu vermeiden. Aber bei anderer Witterung sieht das möglicherweise völlig anders aus – die Versuchsreihe geht grade deshalb noch einige Jahre.
Andere Versuchsanordnungen weisen darauf hin, dass es durchaus möglich sein könnte, bis zu zwei Drittel dessen einzusparen, was bei herkömmlicher Bewirtschaftung versprüht wird. Zum Beispiel durch direktes Spritzen nur der Pflanzen und mechanischer Unkrautbekämpfung in den Zwischenräumen. Betriebswirtschaftlich sind die Aussichten problematisch meint Escher, denn mit den neuen Verfahren sei nicht nur die Ausbeute ungewiss, es stünden dafür eben auch beträchtliche Investitionen in spezielle Maschinen an.
Die Vorgaben des neuen Gesetzes seien „sehr ambitioniert“, sagen auch die Experten des LTZ. Ob sie erreichbar seien, das lasse sich beim derzeitigen Stand der Erkenntnisse noch längst nicht zuverlässig sagen. Diesbezüglich seien aber auch die Projekte in Landwirtschaft, Obst-, Wein- und Gartenbau ergebnisoffen angelegt. Sollte sich das Unterfangen als unmöglich herausstellen, dann müssten womöglich die Gesetzesvorgaben angepasst werden. Und die Kontrolle des Verbrauchs? Das lasse sich wohl einzig über die Verkaufszahlen der Spritzmittel überwachen.
Und was passiert, wenn gar nicht gespritzt und nicht gekämmt oder gehackt wird, das haben die Eschers in diesem Jahr am eigenen Feld erfahren. Ein Zwickel eines Maisackers sei ungespritzt geblieben, weil sein Vater gedacht habe, er hätte gespritzt und umgekehrt. Dort stehe der Mais jetzt kniehoch – erntetechnisch ein Totalausfall.