Stuttgart - Das Angebot gilt auch weiterhin und könnte reizvoller kaum sein. Eine Reise nach Paris mit Besuch eines Länderspiels der französischen Fußball-Nationalmannschaft, ein schönes Hotel, Plätze auf der Ehrentribüne, das volle Programm. Das Problem: bislang kamen Peter Reichert und seine Frau nicht dazu, die Einladung von Benjamin Pavard anzunehmen. Erst gab es zu viele andere Termine, dann funkte das Coronavirus dazwischen. „Irgendwann aber“, sagt Reichert, „wird es klappen.“
Wenigstens in Stuttgart können sich die beiden ungleichen Freunde nun wieder einmal persönlich begegnen: Mit dem FC Bayern gastiert Benjamin Pavard (24) an diesem Samstag (15.30 Uhr) erstmals bei seinem Ex-Club, dem VfB Stuttgart, bei dem in Peter Reichert (59) noch immer jener Mann als Teambetreuer tätig ist, der dem Franzosen nach dessen Abschied aus der Heimat als einer Art Ersatzvater half, sich in Deutschland und der Bundesliga zurechtzufinden. Eng ist ihre Beziehung auch anderthalb Jahre nach Pavards Wechsel zu den Bayern geblieben. Und eng ist der Abwehrspieler dem Club, mit dem er in seinen drei Jahren erst auf- und am Ende wieder abstieg, auch ansonsten verbunden.
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Die alte Regel, sie gilt in seinem Falle nicht: Normalerweise haben Fußballprofis wenig zu lachen, wenn sie gegen ihre früheren Arbeitgeber antreten, zumal im Trikot des FC Bayern. Benjamin Pavard jedoch kann ganz sicher sein: Er wird am Samstag mit offenen Armen in der Mercedes-Benz-Arena empfangen werden; und wäre es kein Geisterspiel, könnten sich vermutlich sogar die VfB-Fans dazu durchringen, einem Profi der ungeliebten Bayern zu applaudieren. Ein Weltmeister also zu Gast bei Freunden, ein verlorener Sohn, der „nicht vergessen hat, wo er herkommt und was er dem VfB zu verdanken hat“, wie Peter Reichert sagt.
Die Skeptiker hat Benjamin Pavard schnell widerlegt
Es gibt beim VfB niemanden, der Pavard den großen Erfolg nicht gönnen würde – nicht nur den Weltmeistertitel, den er 2018 noch als Stuttgarter gefeiert hatte, sondern auch die Triumphe in Diensten der Bayern. Für 35 Millionen Euro war er im vergangenen Sommer nach München gewechselt – und widerlegte in kürzester Zeit die Skeptiker, die den Schritt zum Rekordmeister für zu groß erachtet hatten.
Pavard eroberte auf der rechten Abwehrseite des Münchner Starensembles sofort einen Stammplatz, bestritt in seiner Premierensaison 47 Pflichtspiele, wurde Meister, DFB-Pokalsieger und Champions-League-Gewinner. Zählt man auch noch die unbedeutenden Supercups der DFL und Uefa hinzu, summiert sich seine Ausbeute im ersten Jahr in München auf fünf Titel. Als „Mister Zuverlässig“ adelte ihn Bayern-Trainer Hansi Flick und bilanzierte beeindruckt: „Er hat eine sensationelle Runde gespielt.“
An Pavard führt bei den Bayern auch in dieser Saison kein Weg vorbei
Nicht grundlegend anders hat trotz kleinerer Blessuren die neue Spielzeit begonnen. An Pavard führt bei den Bayern auch weiterhin kein Weg vorbei. Auch der Schlag auf den Knöchel, der am Mittwochabend in der Champions League gegen RB Salzburg (3:1) seine Auswechslung erforderlich machte, soll ihn nicht weiter aufhalten. „Ich hoffe, dass es keine größeren Probleme sind“, sagt Hansi Flick. Dem Wiedersehen mit dem VfB, zu dem er 2016 auf Betreiben des damaligen Sportchefs Jan Schindelmeiser für eine Ablöse von fünf Millionen Euro vom OSC Lille gekommen war, steht also nichts im Wege.
Allzu viele Spieler aus Pavards Zeit beim VfB sind nicht mehr übrig – einer von ihnen ist Gonzalo Castro. Auch er hält noch Kontakt zu seinem früheren Mitspieler, dessen Aufstieg den VfB-Kapitän nicht überrascht: „Benji ist ein Topjunge und auch vom Kopf her sehr stabil“, sagt Castro: „Bei den Bayern muss man mit gewaltigem Druck umgehen können – das fällt ihm nicht schwer. Er verfügt über großes Selbstbewusstsein.“
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Vor allem die grundlegenden Charakterzüge sind es, die Peter Reichert, der VfB-Meisterstürmer von 1984, an seinem früheren Schützling schätzt: Bescheidenheit, Bodenständigkeit, Zuverlässigkeit. Nie habe Pavard einen Termin verpasst, nie habe er vergessen, bitte und danke zu sagen. Es ist das kleine Einmaleins eines respektvollen Umgangs – keine Selbstverständlichkeit im modernen Profifußball, in dem es schon 18-Jährige gewohnt sind, dass ihnen alles abgenommen wird. Für Pavard hingegen völlig normal – nicht nur in seiner Anfangszeit in Deutschland, als er noch ein so unbedarfter wie unbekannter Lockenkopf war. Sondern auch jetzt noch, da er die größten Titel im Weltfußball gewonnen hat und ein Jahresgehalt von fünf Millionen Euro verdienen soll.
Als kleines Dankeschön für alles, was Reichert für ihn getan hat, betrachtet der Musterprofi die Einladung nach Paris. Nicht weiter schlimm, dass die Reise noch nicht geklappt hat. Es steht weder zu befürchten, dass Pavard sein Angebot zurücknimmt, noch dass seine internationale Karriere ein baldiges Ende nimmt.