„Verträumte Nacht“ in der Liederhalle Konzert mit besonderer Sogwirkung
Der Kammerchor Figure humaine ist mit seinem Programm „Verträumte Nacht“ im Mozartsaal der Liederhalle aufgetreten.
Der Kammerchor Figure humaine ist mit seinem Programm „Verträumte Nacht“ im Mozartsaal der Liederhalle aufgetreten.
Lili Boulangers im Jahr 1912 komponierte „Hymne au soleil“ strotzt nur so vor Lebenskraft, blitzt und flammt auf in energiegeladenen Klangschichtungen. Im Konzert des Kammerchors Figure humaine, der jetzt mit seinem Programm „Verträumte Nacht“ im Mozartsaal der Liederhalle aufgetreten ist, war dieser Sonnenlobgesang das Schlussstück. Es gibt Konzerte, die gehen einfach viel zu schnell vorbei. Denn dieses Programm hatte eine ganz besondere Sogwirkung.
Inhaltlich, weil es klangschöne, unmittelbar wirkende Brücken schlägt zwischen französischer und deutscher Musik der weltentrückten Romantik und danach. Qualitativ, weil Figure humaine ein Ensemble junger Berufssänger und -sängerinnen ist, das in perfekter Balance und mit gestalterischer Hingabe agiert und über eine enorme dynamische Bandbreite verfügt – von ganz zart, ganz pastös und sehr vibrierend über feinste Linienzeichnungen bis hin zu farbiger, praller Fülle.
Sein französischstämmiger Gründer und Leiter Denis Rouger, seit 2011 Professor für Chorleitung an der Musikhochschule Stuttgart, ist auch Komponist, weswegen ein großer Teil des Repertoires aus Liedbearbeitungen für Chor besteht: an diesem Abend erklangen solche von Gabriel Fauré, Camille Saint-Saëns und Clara Schumann, außerdem sang das Ensemble selten gespielte Chorwerke von Heinrich von Herzogenberg und Wilhelm Berger – mal a cappella, mal mit Klavierbegleitung (Olga Wien), mal gemischt, mal für Frauenchor.
Selten wirken Dirigiergestik und Klangergebnis so vollkommen eins und aus dem Innern des Klangs empfunden wie bei Rouger. Seine Arrangements sind klangschön und farbig und forcieren den melodischen Fluss. Bei aller anrührenden Schönheit, von der das Programm getragen wird, ist es doch auch kontrastreich, nicht nur durch eingebaute deftige Trink- und Tanzlieder, sondern auch durch die Unterschiede, die sich zwischen deutscher und französische Chorbehandlung offenbaren.
Gemäß der Sprache wird in den französischen Werken kleingliedriger phrasiert: „wie ein Vogel fliegt, mit vielen kleinen Kurven“, so hat es Rouger einmal beschrieben. Hörbar etwa im ohrwurmträchtigen fünfstimmig gesetzten Fauré-Lied „Nell“. In den Werken deutscher Komponisten wird großbögiger phrasiert, wie sich in Max Bruchs „Morgengesang“ zeigte.
In Denis Rougers eigener Komposition „Je voy les ruisseaux“ kam dann unsere Zeit ins Spiel: durch feine Stimmauffächerung, Einschärfung der Harmonik und dissonant-farbige Reibungen. Wunderschön fluoreszierend nun der Klang der 35 Stimmen.