Verweigerungs-Beratung im Land „Was muss mein Sohn tun, damit er nicht zum Militär muss?“ – Eltern besorgt

Union und SPD wollen den Wehrdienst neu ausrichten - im Bild zu sehen ist hier ein Medientag zur Basisausbildung bei der Bundeswehr. Foto: Federico Gambarini/dpa

Eltern von jugendlichen Söhnen melden sich zunehmend bei Verweigerungsberatungen im Land zum neuen Wehrdienst, der jetzt beschlossen wurde. Müssen Eltern sich um ihre Söhne sorgen?

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

„Ein Drittel bis die Hälfte aller Anfragen bei uns kommen von besorgten Eltern“, sagt Stefan Philipp, stellvertretender Landesvorsitzender der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK) in Baden-Württemberg. Die DFG-VK ist eine Organisation, die mit ihrer Arbeit einen pazifistischen Ansatz verfolgt und aktiv zur Kriegsdienstverweigerung rät. „Die Eltern wenden sich hauptsächlich per Mail an uns, da heißt es dann: Was muss mein Sohn tun, damit er nicht zum Militär oder in den Krieg muss?“

 

Schon seit bundesweit die Diskussion über die Wiedereinführung des Wehrdienstes läuft, sind die Anfragen bei der Beratungsorganisation stark gestiegen. Nun, da es eine Einigung zu der Frage in der Regierung gebe, werde sich das voraussichtlich noch steigern. Früher habe man etwa fünfmal im Monat eine Anfrage erhalten, sagt Stefan Philipp, und zwar meist von Reservisten, die sich besorgt wegen der Weltlage und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gezeigt hätten: „Sie sind teilweise längst in einer anderen Lebenssituation und möchten nicht mehr Soldat sein.“ Mittlerweile sind es eher junge Menschen oder eben deren Eltern, die Anfragen stellen. Die Organisation erreichen nun zwischen drei und zehn Anfragen pro Tag. Man baue das Beratungsnetz aus, weil sich die Anfragen dauernd steigerten.

„Die Leute haben Angst. Sie fragen: Wann geht bei uns der Krieg los?“

„Die Leute haben Angst“, glaubt Stefan Philipp. „Sie fragen: Wann geht bei uns der Krieg los?“ Doch da beruhige er die Anrufer und Anruferinnen – in den meisten Fällen seien es Mütter von Teenagersöhnen, die das fragten. „Wir haben aktuell keinen Spannungsfall, und der Russe steht nicht vor Berlin“, sagt Philipp den Müttern dann.

Im Moment basiert der neue Beschluss der Regierung zum Wehrdienst auf Freiwilligkeit. „Es kann momentan niemand gegen seinen Willen zum Soldaten gemacht werden“, erklärt Stefan Philipp. Ursprung der Diskussion um den Wehrdienst war die Verschlechterung der Sicherheitslage seit dem Angriff von Wladimir Putin auf die Ukraine. Politiker und Angehörige der Bundeswehr glauben, die Bundeswehr müsse stärker werden, um Deutschland im Zweifel besser verteidigen zu können.

Die Chance, als Verweigerer anerkannt zu werden, sei sehr groß

Wenn das freiwillige Dienstmodell nicht ausreicht, soll aber ein neues Gesetzgebungsverfahren angestoßen werden, um die Wehrpflicht wieder einzuführen. Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn (CDU) sagte: „Wir wollen, dass Deutschland sich verteidigen kann, weil es sich verteidigen können muss.“

Jens Spahn (CDU, rechts) und Matthias Miersch (SPD) verlassen die Pressekonferenz zur Einigung in der Wehrdienstdebatte. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Ein wichtiges Signal für die besorgten Eltern, sagt Verweigerungsberater Stefan Philipp, sei es deswegen auch, ihnen zu sagen, dass für ihre Söhne die Chance, als Verweigerer anerkannt zu werden, wenn diese das wünschten, durchaus sehr groß sei. Viele Eltern fragten danach, wie eine Verweigerung abläuft, welche Gründe man aufführen müsse, damit sie durchgehe und wann man spätestens verweigern müsse. Philipp ist sich sicher: Wer es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne, im Zweifel andere Menschen zu töten, und wer das nachvollziehbar in einem längeren Aufsatz begründen könne, der habe sehr gute Chancen, dass diese Verweigerung akzeptiert würde. Wenn der Antrag vor der Einberufung gestellt werde, habe dieser außerdem erst einmal aufschiebende Wirkung. Voraussetzung für die Einberufung sei, dass die Person bereits gemustert und für kriegsdiensttauglich befunden worden sei, erklärt Philipp den Eltern.

Der Dienst bei der Bundeswehr soll für junge Frauen und Männer attraktiver werden

Zurzeit gibt es diese Musterungen bekanntlich überhaupt nicht mehr. Verpflichtend für alle Jahrgänge ab dem Geburtsjahr 2008 sollen sie nun aber wieder eingeführt werden. „Ab Juli 2027 wird gemustert – dann werden die Anfragen bei uns noch einmal eklatant hochgehen“, glaubt Stefan Philipp.

Im Moment hat die Bundeswehr noch viel zu wenig Kasernen und Ausbilder. So schnell habe sie also gar keinen Bedarf, mehr Wehrdienstleistende aufzunehmen, sagt Stefan Philipp, könne das schon organisatorisch wohl nicht stemmen, glaubt er. Über freiwillige Bewerbungen seien die Anforderungen, die Verteidigungsminister Boris Pistorius stelle, abgedeckt, wenn es der Bundeswehr überhaupt gelinge, zeitnah alle Bewerbungen zu beantworten.

Die Regierung will, dass der Dienst bei der Bundeswehr für junge Frauen und Männer attraktiver wird, daher sei zu erwarten, dass dafür auch entsprechend geworben werde und die Bedingungen sich verbesserten, sodass sich, da ist Philipp überzeugt, immer genügend Freiwillige für die Bundeswehr fänden. „Man muss im Moment keine Angst haben, einberufen zu werden.“

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