Verwirrung in Waldenbuch Wie viele Bäume machen einen Wald?

Von Claudia Barner 

Auf das Blätterrauschen aus dem Amt für Forsten hätte man im Waldenbucher Rathaus gern verzichtet: Der Baumbestand am Steinenbergweg wird neu bewertet. Es könnte sich dabei um einen Wald handeln. Das würde einige Schwierigkeiten mit sich bringen.

Sind das Bäume oder schon ein Wald? Die Frage kommt für viele überraschend. Foto: Claudia Barner
Sind das Bäume oder schon ein Wald? Die Frage kommt für viele überraschend. Foto: Claudia Barner

Waldenbuch - Es soll Menschen geben, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Dass die Volksweisheit aus dem Sprichwörterlexikon durchaus Bezug zur Realität hat, erlebt man derzeit in Waldenbuch. Dort kann man die hochgewachsenen Bäume am Hang über dem Steinenbergweg nicht übersehen. Auf den Gedanken, dass es sich bei der belaubten Gruppe aus Eichen, Eschen, Ahorn und Robinen um einen Wald handeln könnte, ist bisher jedoch niemand gekommen. Die Forstexperten des Böblinger Landratsamts haben nun genauer hingeschaut und mit ihrer ersten Analyse für eine astreine Überraschung gesorgt.

Offenbar hat sich die Kommune mit der landschaftlichen Bewertung des Baumbestands südöstlich des Friedhofs jahrelang auf dem Holzweg befunden. „Wir hatten keine Ahnung, dass das ein Wald ist“, hatte der Waldenbucher Bürgermeister Michael Lutz erklärt, als er vor der Sommerpause vom Gemeinderat über den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan „Stuttgarter Straße Nord und Steinenbergweg“ abstimmen ließ. Wird der Baumbestand im Laufe des Verfahrens tatsächlich als Wald eingestuft, dann wird das vieles ändern. Denn für Bauvorhaben in der Nähe eines Waldes gelten strengere Regeln als sonst.

Der Fachmann bewertet nach klaren Kriterien

Doch wie kann es sein, dass plötzlich ein Wald auftaucht, wo bisher keiner war? „Die Grundstücke sind in Privatbesitz. Wir hatten deshalb keinen Anlass, uns mit dem Gelände zu befassen“, sagt Stabsstellenleiter Matthias Link vom Böblinger Amt für Forsten. Wird jedoch ein Bebauungsplan aufgestellt, ist eine Stellungnahme der Fachbehörde gefordert. Der Prozess kommt gerade erst in Gang, doch einen ersten Eindruck hat sich der Forstexperte bei einem Vorort-Termin schon verschafft. Dabei hat er festgestellt: „Nach den bisherigen Erkenntnissen stellt sich das Gelände für uns als Wald dar.“

Der Fachmann bewertet nach klaren Kriterien. „Entscheidend sind die Verhältnisse vor Ort. Oberhalb des Steinenbergwegs haben wir typische Forstpflanzen und die dazugehörige Bodenvegetation vorgefunden.“ Auch die Größe des Baumbestands passt ins Bild. „Die Luftbilder, die wir von diesem Areal haben, liefern ein deutliches Indiz dafür, dass die Fläche den in der Rechtsprechung gültigen Orientierungswert von 2000 Quadratmetern überschreitet.“ Weil ein Teil der angrenzenden Streuobstwiesen offensichtlich viele Jahre nicht mehr genutzt wurde, konnte sich das Wäldchen dort ungestört ausbreiten.

Bauherren hängen in der Warteschleife

Auf das Blätterrauschen aus dem Amt für Forsten hätte man im Waldenbucher Rathaus gern verzichtet. Bestätigt sich der Wald-Verdacht im Laufe des Verfahrens, wird es für die Bauherren, die entlang der nördlichen Stuttgarter Straße derzeit in der Warteschleife festhängen, vermutlich nicht einfacher. Doch schon jetzt zeichnet sich ab: Die Hoffnung darauf, dass der kleine Stadtwald doch noch zur Hecke erklärt wird, ist gering.

Die Forstexperten könnten mit harten Fakten dafür sorgen, dass man in den Bäumen am Steinenberg künftig den Wald erkennen kann. Denn so neu wie gedacht, ist der Charakter der Anpflanzung wohl doch nicht. „Sowohl im Liegenschaftskataster als auch im Grundbuch sind Teile der Fläche bereits als Wald beschrieben. Auch im Waldverzeichnis der Forstbehörde findet man entsprechende Vermerke“, hat Matthias Link herausgefunden. Es hat eben nur bisher niemand genau hingeschaut.